HOME

Krise in den USA: Trump nennt Einschätzung seines Chef-Coronaberaters "inakzeptabel"

Die Coronakrise setzt den USA weiter zu: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert sich, Millionen verlieren ihre Krankenversicherung. Doch der Präsident macht Druck, schnellstens zur vermeintlichen Normalität zurückzukehren – entgegen allen Empfehlungen.

Anthony Fauci

Die Lage in den USA ist weiter dramatisch – vor allem auf dem Arbeitsmarkt: Seit März haben mehr als 33 Millionen Amerikaner ihren Job verloren – so viele wie nie zuvor in solch kurzer Zeit. Und die Situation dürfte sich noch zuspitzen: Analysten rechnen mit weiteren Millionen Jobs, die der Coronakrise zum Opfer fallen dürften.

In diesem Umfeld könnten in den USA fast 27 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung verlieren, denn die meisten Menschen seien dort über den Arbeitgeber krankenversichert, heißt es in einer Studie der Kaiser Family Foundation. Wer seinen Job verliert, kann es sich oft nicht leisten, die Police für sich und mitversicherte Familienangehörige privat weiter zu bezahlen. 

Die USA sind praktisch das einzige entwickelte Industrieland ohne eine allgemeine staatliche Krankenversicherung. Selbst vor der Corona-Krise hatten rund 28 Millionen Menschen - fast jeder Zehnte im Land - keine Krankenversicherung. Unter dem damaligen Präsidenten Barack Obama wurden die Optionen für eine Krankenversicherung deutlich ausgeweitet. Trump, der sich im November um eine zweite Amtszeit bewirbt, will die als "Obamacare" bekannten Änderungen wieder abschaffen.

Donald Trump: Faucis Einschätzung ist "inakzeptabel"

Für seinen Wahlkampf dürfte entscheidend sein, wie gut die USA wirtschaftlich durch die Krise kommen. Trump plädiert seit Wochen dafür, die Ausgangsbeschränkungen und Lockdown-Regelungen so schnell wie möglich wieder aufzuheben. Auch die Schulen sollten rasch wieder öffnen, forderte er am Mittwoch (Ortszeit). Trump widersprach damit dem Ratschlag seines Chefberaters in der Corona-Krise, Anthony Fauci. Der Seuchenexperte hatte am Vortag in einer Senatsanhörung vor einer vorschnellen Lockerung der Corona-Restriktionen und auch einer baldigen Öffnung der Schulen und Universitäten gewarnt. 

Trump nannte die Warnungen des international anerkannten Epidemiologen "inakzeptabel". "Wir öffnen unser Land, die Menschen wollen es offen, die Schulen werden geöffnet sein", sagte der Präsident zu Reportern im Weißen Haus. Laut Vorabauszügen eines Interviews mit dem Sender Fox Business Network sagte der Präsident zudem, er sei hinsichtlich der Schulen "total anderer Meinung" als Fauci.

Die wachsenden Gräben zwischen dem Präsidenten und seinem Berater waren bereits während der Videoanhörung durch Senatoren am Dienstag deutlich geworden. Fauci warnte dabei vor "wirklich schwerwiegenden" Konsequenzen einer zu schnellen Lockerung der Corona-Maßnahmen. Es gebe das "reale Risiko" einer neuen Infektionswelle, die sich nicht kontrollieren lasse. Trump dringt hingegen permanent auf die Lockerung der Restriktionen. Die Entscheidung darüber liegt weitgehend nicht in seiner Zuständigkeit, sondern jener der einzelnen Bundesstaaten und Verwaltungsbezirke.

Von Trump angepriesener Coronavirus-Test möglicherweise stark fehleranfällig

Für Unmut beim Präsidenten dürfte auch diese Nachricht sorgen: Ein von Trump angepriesener Schnelltest zum Coronavirus hat eine möglicherweise sehr hohe Fehlerquote. Laut einer am Mittwoch bekannt gewordenen Studie des Forschungszentrums NYU Lagone Health in New York sind Negativergebnisse des Tests in bis zu knapp der Hälfte der Fälle unzuverlässig. Trump hat den Test des US-Pharmakonzerns Abbott Laboratories wiederholt gerühmt. Der Test wird auch im Weißen Haus selber angewendet.

Der Test liefert positive Ergebnisse in fünf Minuten und negative Ergebnisse in 13 Minuten. Doch laut den Forschern von NYU Lagone Health waren 48 Prozent der negativen Testresultate unzuverlässig, wenn das für den Abstrich benutzte Stäbchen trocken war – ein trockenes Stäbchen wird von Abbott empfohlen. Wurde das Stäbchen in Flüssigkeit gelagert, war demnach etwa ein Drittel der Negativergebnisse fehlerhaft.

Die Studie wurde bisher nur vorläufig veröffentlicht. Sie muss noch von anderen Forschern gegengeprüft werden. Abbott wies die Ergebnisse der Untersuchung zurück. Das Unternehmen habe mehr als 1,8 Millionen der Tests verteilt und bei nur 0,02 Prozent Rückmeldungen über fehlerhafte Negativergebnisse erhalten, sagte ein Konzernsprecher. Nach seinen Angaben zeigte eine andere Studie durch die Universität von Detroit eine Zuverlässigkeitsrate des Tests von 98 Prozent.

Die USA sind mit rund 84.000 verzeichneten Todesopfern und 1,39 Millionen bestätigten Infektionsfällen das mit Abstand am stärksten von der Pandemie betroffene Land der Welt.

mik / DPA / AFP