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Corona-Krise in den USA: Der Präsident und das Virus: die wundersame Wandlung des Donald Trump

Donald Trump wirkt wie ausgewechselt. Nahm der US-Präsident das Coronavirus anfangs nicht wirklich ernst, agiert er nun als Kümmerer und Krisenmanager. Sogar seine Sprechweise ist eine andere - er klingt gar nicht mehr wie Trump.

Trump zu Corona-Krise: "Das wird hier wie ein 'Durchwaschen' laufen"

Es ist eine eigenartige Wandlung, die sich da im Weißen Haus scheinbar vollzieht. Donald Trumps Stimme ist plötzlich ernster, auch etwas einfühlsamer, weniger Trump.

Auch die Worte des US-Präsidenten sind jetzt andere. Er spricht im Zusammenhang mit dem Coronavirus nicht mehr vom "Hoax", von der "Ente" der Medien und Demokraten, sondern von einer gefährlichen Pandemie. Es gehe jetzt darum, Leben zu retten. So viele Leben wie möglich.

Trump stellt ein wirtschaftliches Hilfsprogramm nach dem anderen vor, für die es auch Applaus von einigen Demokraten gibt. Er legt endlich eine angemessen ernste Haltung an den Tag, die sogar die "Washington Post" lobt, sein Lieblingsfeind.

Für einen kurzen Moment könnte man meinen, dass da bei der Pressekonferenz im Weißen Haus ein anderer Mann steht, nicht so agitierend, so feindselig, so brachial. Einer, der aus seinen zahlreichen Fehlern in dieser Coronakrise gelernt hat.

Einer, der versteht: Wenn du diese Krise nicht meisterst, kannst du deine Wiederwahl im November vergessen.

Einer, der die Warnungen der Berater vernommen hat, unter anderem die seines Schwiegersohns Jared Kushner: Deine Präsidentschaft wird nicht mehr am Aktienkurs gemessen oder an Arbeitslosenzahlen, sondern einzig allein daran: Wie überstehen die USA Covid-19?

Werden die USA ein zweites Italien oder ein zweites Südkorea?

Und er wird nicht nur am Krisenmanagement selber gemessen, sondern auch an der Anteilnahme, am Mitgefühl, am Charakter.

Donald Trump ist plötzlich der Corona-Präsident

Er ist jetzt der Corona-Präsident.

Denn der wahrscheinliche Gegenkandidat, Joe Biden, ist ein einfühlsamer Mann, ein Tröster der Nation. Und einer, der sich mit Krisenmanagement auskennt, mit der Ebola-Krise, der Finanzkrise, der großen Rezession.

Ein Mann wie gemacht für Krisen.

Trump scheint in diesen Tagen sogar die Medien zu loben, seine eigentliche Lieblingsfeinde. Das Land würde gerade zusammenkommen, sagt er. "Ich glaube, dass ein Großteil der Medien sehr fair gewesen ist."

Ja, er zeigt sogar eine gewisse Selbsteinsicht: "Das Einzige, was wir nicht bekommen haben, ist gute Presse. Wir machen einen tollen Job, aber das erfährt keine Anerkennung. Die Presse schreibt nicht gern darüber. Was unsere Beziehung zur Presse angeht, haben wir einen schlechten Job gemacht. Vielleicht sollten wir uns selber die Schuld geben. Wir geben uns selber die Schuld."

Ein verwandelter Präsident, ein verwandelter Mann

Da steht, in diesen wenigen Minuten, ein scheinbar verwandelter alter Mann, 73 Jahre, übergewichtig, einer der in die Risikogruppe für das Coronavirus passt.

Es ist der Tag, an dem der 100. Amerikaner an Covid-19 stirbt. Der Tag, an dem Fälle in allen 50 Staaten identifiziert sind, mehr als 6000 Fälle insgesamt.

Aber dann kommt die nächste Frage der Reporter, eine eigentlich normale Frage: Warum attackiert er Tag für Tag die Demokraten, wenn er doch zur nationalen Einheit aufruft?

Trump versteht die Frage nicht als Frage, sondern als Angriff – wie immer.

Und so schlägt er wieder zu. Er wehre sich nur gegen die Angriffe auf seine Person. Er wehre sich, weil die ganze Presse gegen ihn sei, weil die Demokraten die Medien hinter sich hätten. "Ich nicht. Ich habe nur mich."

Er ist wieder mal das Opfer.

... und dann sehen wir doch den "ganz normalen" Donald Trump

Er ist plötzlich wieder der ganz normale Trump. Wer nett zu ihm ist, erhält überschwängliches Lob. Wer ihn kritisiert, ist der Feind.

Trump kommt nicht drum herum, dann auch die Chinesen noch zu kritisieren, die das Gerücht verbreitet hätten, dass das US-Militär das Virus in die Welt gesetzt hätte.

Er muss auch seine Vorgänger kritisieren, Präsident Obama und Vizepräsident Biden. Ihre Leistung bei der Schweinegrippe sei schrecklich gewesen.

Er muss die "New York Times" wieder mal beschimpfen, die angeblich Falschmeldungen verbreite.

Und er muss wieder mal lügen. Er habe die Gefahr lange kommen sehen, behauptet er: "Ich fühlte, dass es eine Pandemie ist, als es noch keiner eine Pandemie nannte", sagt er, obwohl er das Virus erwiesenermaßen als "Hoax" bezeichnet hatte, das schnell verschwinden würde, "wie durch ein Wunder", "schon im April".

Er ist wieder in seinem Element.

Welche Note er sich geben würde auf einer Skala von 1 bis 10, wird er gefragt.

Eine angemessene Frage angesichts von so vielen widersprüchlichen Aussagen, von seiner wochenlangen Verharmlosung der Gefahr, von einer schlechten Erfassung der Ausbreitung, von einer langen Liste von Verfehlungen.

Da muss man bei ihm nicht lange auf ein Urteil warten: "Eine 10", sagt er.

Aber auch die Öffentlichkeit beginnt ein Urteil zu fällen. 37 Prozent vertrauen Trump in der Krise, ergab jetzt eine Umfrage von National Public Radio. 60 Prozent vertrauen dem US-Präsidenten in der Krise nicht.

anb

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