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Weitere Siege bei den Vorwahlen Als wäre er schon Präsident – Joe Biden steigt zum Hoffnungsträger gegen Trump auf


Joe Biden gewinnt die Vorwahlen in  Florida, Illinois und Arizona – die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten ist ihm sicher. Und ein bisschen spricht er schon wie ein Präsident – und wie jemand, der Donald Trump schlagen kann.

In normalen Zeiten hätte der Sieger eines solchen Wahlabends unter dem Jubel seiner Anhänger strahlend eine Rede gehalten. Doch was ist in diesen Corona-Zeiten schon normal. Am Dienstag stand Joe Biden einsam in seinem Haus in Delaware, zwei amerikanische Fahnen hinter sich drapiert, das Bild des Livestreams pixelig. Er sprach zunächst nicht über seinen großen Erfolg, sondern dankte dem Krankenpflege-Personal und den Ärzten, er sprach von Solidarität und Einheit in der Krise und wünschte allen Amerikanern Gesundheit.

Es war die beste Rede seines Wahlkampfes. Er sprach, als hätte er den Wahlkampf hinter sich. Als wäre er schon Präsident.

Joe Biden fährt Dreifach-Sieg gegen Bernie Sanders ein

Präsidentschaftskandidat der Demokraten ist er immerhin schon, dass ist sicher. Joe Biden gewann am Dienstag gleich alle drei Vorwahlen gegen Bernie Sanders. Er siegte gegen ihn mit einem Vorsprung von fast 40 Prozent in Florida, kam dort auf mehr als 60 Prozent der Stimmen. Auch in Illinois war sein Vorsprung beeindruckend, fast 20 Prozent. In Arizona lag er mehr als 10 Prozentpunkte vor Bernie Sanders. Damit baute er seinen Vorsprung an Delegiertenstimmen auf mehr als 300 Stimmen aus.

Joe Biden spricht von einem Podium und lächelt
Wieder räumt Ex-US-Vizepräsident Joe Biden bei den Vorwahlen der Demokraten ab. Seine erneute Siegesserie steht im Schatten der Coronavirus-Krise.
© Jim Watseon / AFP

Die Ursache für seinen Erfolg zeigte eine Umfrage in Florida: Hier erklärten 73 Prozent der Demokraten in einer Umfrage, dass sie ihm es zutrauen, Trump zu schlagen, Sanders kam nur auf 21 Prozent.

Joe Biden ist so zum Gewinner eines Wahltages in den beklemmenden Zeiten des Coronavirus geworden. In Florida, Illinois und Arizona wurden die Wähler zu den Vorwahlen der Demokraten gebeten, obwohl selbst Präsident Trump, der die Gefahr lange kleinredete, am Montag die Amerikaner aufforderte, sich nicht in Gruppen über zehn Personen zu versammeln und sich so weit wie möglich zu Hause aufzuhalten. Die Wahlbeteiligung war in Florida und Arizona trotzdem so hoch wie 2016. Nur in Ohio regierte der Gouverneur durch, erklärte einen Gesundheits-Notstand und verschob die für Dienstag geplanten Wahlen in den Juni.

Rechnerisch hat Bernie Sanders nun keine realistischen Chancen mehr, die Mehrheit der Delegierten zu gewinnen, die im Juli in Milwaukee über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten entscheiden. Aus dem Umfeld seines Teams heißt es, dass er nun überlegt, ob er aus dem Rennen aussteigt. Ursprünglich war die Strategie gewesen, die Kandidatur so lange wie möglich aufrechtzuhalten, um Druck auf Biden auszuüben und mit der Macht seiner Anhänger seine politischen Visionen in das demokratische Wahlprogramm einzuschreiben. Doch die Corona-Krise bringt diese Pläne ins Wanken. Wahlveranstaltungen sind abgesagt, viele Vorwahlen verschoben und bei vielen demokratischen Wählern scheint in diesen unsicheren Tagen die Sehnsucht danach zu wachsen, dass der Wahlkampf so schnell wie möglich beendet wird.

Joe Biden gewinnt diese Nominierung deshalb nicht wegen seiner Pläne oder Visionen. Er wird als demokratischer Präsidentschaftskandidat Donald Trump herausfordern, weil er den Menschen verspricht, das Land zu heilen und zusammenzubringen, es zurückzuführen in die Berechenbarkeit der Obama-Jahre.

Viele Amerikaner haben den Populismus satt

Joe Biden gewinnt, weil die Mehrheit der Demokraten von Bernie Sanders‘ Kompromisslosigkeit abgestoßen ist. Weil sie zermürbt sind vom Gekeife der Trump-Jahre und sich nun keinen Revolutionär wünschen, sondern einen Heiler.

Und in Joe Biden sehen sie den Heiler der Nation.

Seit seinem Sieg beim Super Tuesday Anfang März führt er sich nicht mehr wie ein Wahlkämpfer auf, sondern wie der Präsident der Vereinigten Staaten. Vergangene Woche wandte er sich in einer Pressekonferenz zum Coronavirus an die verunsicherte Nation. Er zeigte sich besonnen und kompetent, präsentierte sich souverän. Ihm gelang es sofort, Vertrauen aufzubauen und eine Kompetenz auszustrahlen, etwas, das dem amtierenden Präsidenten in seinem Rechtspopulismus, in seiner eitlen Arroganz nicht gelingt. Mehr als 60 Prozent der Amerikaner trauen Joe Biden zu, eine schlimme Krise zu meistern.

Und am Sonntag, als Bernie Sanders und Joe Biden zum Fernsehduell antraten, reichte Joe Biden ein konzentrierter Auftritt, um die Schlagzeilen danach zu bestimmen. "Falls ich Präsident werde, bestimme ich eine Frau zur Vizepräsidentin", verkündete er. Und in demokratischen Zirkeln kursieren seitdem Listen möglicher Kandidatinnen. Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, wird weit oben geführt und auch Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien.

Junge Wähler unterstützen aber vor allem Bernie Sanders

Diese Ankündigung ist nur ein erster Schritt, ein Versuch, diese lose verkoppelte Anarchie, zu der die Demokratische Partei sich entwickelt hat, hinter sich zu bringen. Joe Bidens schwere Aufgabe ist es nun, vor allem die jungen Wähler zu gewinnen, die mehrheitlich Bernie Sanders unterstützt haben. Die Zahlen sind in dieser Altersgruppe alarmierend für Biden: In Illinois wählten doppelt so viele Demokraten unter 45 Sanders, in Florida erreichte er 58 Prozent und Biden gerade einmal 37 Prozent.

Biden wird Teile von Bernie Sanders' populärer politischer Agenda in sein Wahlprogramm aufnehmen müssen, es wird ein schwerer Spagat zu den konservativen Vorstadtwählern im Mittleren Westen. Doch Biden ist bewusst, dass er diese Koalition von jungen Linken und alten Konservativen hinter sich bringen muss, um die Partei von sich zu überzeugen und Donald Trump in diesen krisenhaften Zeiten zu schlagen.

In seinem Videostream am Wahlabend am Dienstag streckte Biden seine Arme weit in Richtung der Sanders-Anhänger aus: "Ich weiß, dass Senator Sanders und ich Differenzen über die Strategien haben, aber nicht über die Visionen. Wir wollen beide eine bezahlbare Krankenversicherung für alle Amerikaner und wir wollen die größte Bedrohung unserer Zeit angehen, den Klimawandel. Lassen Sie mich besonders zu den jungen Wählern sagen, die von Senator Sanders inspiriert wurden: Ich höre euch. Ich weiß, was auf dem Spiel steht, ich weiß, was wir zu tun haben. Mein Ziel als Kandidat ist es, die Partei zu vereinigen. Und dann als Präsident die Nation."

Die schwerste Aufgabe seiner Präsidentschaftskandidatur, sie liegt wohl noch vor ihm. 


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