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Ein Schweizer erklärt die Schweiz: Unser Ja war nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit

Ich bin Schweizer, habe mit "Nein" gestimmt - und ärgere mich jetzt. Nicht nur über das Ergebnis der Zuwanderungs-Initiative, sondern über die Zerrbilder in Deutschland.

Von Andres Eberhard

Als ich vor sieben Jahren das erste Mal für längere Zeit in Deutschland lebte, wurde ich mit charmantem Lächeln empfangen. "Ach, aus der Schweiz", sagten meine neuen deutschen Freunde. Meistens entwickelte sich ein langes Gespräch über die Berge, über einen Verwandten oder Bekannten, der gerade in der Schweiz lebt oder über Roger Federer. Ich merkte: Es ist hier ein Vorteil, Schweizer zu sein. Schweizer sind speziell, irgendwie fremd und doch ganz ähnlich. Interessant eben. Darum bin ich wieder gekommen, zum Grenzgänger geworden.

Aber ich merkte damals auch: Ich muss aufpassen, dass ich ernst genommen werde. Es ist nicht nur der in manchen Situationen verheerende Dialekt, es ist auch diese Schweizer Zurückhaltung. Ich lernte: Wenn ich warte, bis ich gefragt werde, bleibe ich auf der Strecke. Ich musste mich anpassen, direkt und manchmal auch laut sein wie die Deutschen. Sonst werde ich sympathisch ignoriert, im schlimmsten Fall belächelt.

Ich glaube, dass es vielen Schweizern, die jetzt "Ja" zur Masseneinwanderungs-Initiative der SVP in die Urne gelegt haben, genauso gegangen ist. Es war ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Wie ein Kind, das umsorgt werden möchte, wenn es ignoriert wird. Manchmal drohen wir als kleines Land unterzugehen im Weltgeschehen. Die Schweizer aber wollen sagen: Trotz unseres Wohlstands haben auch wir Probleme, nehmt sie ernst. In diesem Fall sind es nicht nur die 20 Prozent Ausländer im Land, es häufen sich andere Konflikte: die Zersiedelung der Landschaft, die belastete Infrastruktur, die bedrohte Natur.

Es geht um die Angst vor dem großen Europa

Nun steht die Schweiz gespalten da "wie ein Arsch, der sie zum Teil ist". So twitterte der Journalist Constantin Seibt vom Tages-Anzeiger. Recht hat er. Ich schäme mich wie viele der fast 50 Prozent, die Nein gestimmt haben. Gerade jetzt, gerade gegenüber der krisengeplagten EU, zu klagen über Masseneinwanderung und Platzprobleme, das ist schon anmaßend von uns Schweizern. Es ist zudem egoistisch und zeugt von einem nationalistischen Denken. Aber: Es ist nicht so, als wären 50 Prozent der Schweizer Fremdenhasser. Ausländerfeindlichkeit gibt es in der Schweiz genauso wie anderswo.

Es geht um die Angst der Schweizer vor dem großen Europa, von dem sie von allen Seiten umzingelt sind. Die Angst, dass 500 Millionen Europäer am Schweizer Wohlstand zerren. Dieses Bild der Bedrohung gezeichnet haben die Rechtspopulisten. Christoph Blocher sagte nach seinem Abstimmungserfolg: "Wir lassen uns nicht von einer fremden Macht bestimmen." Damit meinte er die EU. "Alle haben gedroht, doch das Schweizer Volk ist standhaft geblieben." Das hört sich an wie aus Schillers Wilhelm Tell oder der Legende von Winkelried, der sich in ein Bündel Speere warf, um damit seinen Eidgenossen eine Bresche durch die übermächtigen Habsburger zu schlagen.

Vorerst wird sich nicht viel verändern

Die Bilder sind überzeichnet, genauso wie die Horrorszenarien, die gerade in Deutschland kursieren. Durch die Initiative wird sich vorerst nicht viel verändern. Es wird bürokratischer, sicher, aber durch die neu einzuführenden Kontingente können nach wie vor so viele Menschen in die Schweiz kommen, wie es hier auch Jobs gibt. Wir Schweizer wissen, dass es uns ohne die EU, ohne die Welt niemals so gut gehen würde.

Ich glaube nach wie vor an eine weltoffene Schweiz, wir sind längst ein multikulturelles Land. Darum bin ich auch überzeugt, dass die radikalere von beiden Volksabstimmungen zur Zuwanderung, die in rund einem Jahr stattfindet, abgelehnt wird. Diese verlangt, dass eine Höchstzahl an Zuwanderern in die Verfassung geschrieben wird. Sie wurde initiiert von sogenannten Umweltschützern, für welche es die Natur nur bis zur Schweizer Grenze gibt. Ich bin sicher, dass mehr als die Hälfte der Schweizer bis dann merken wird, wie gefährlich dieses Gedankengut ist. Wir wissen, wann Schluss ist.

Spezielles Verhältnis zu den Deutschen

Ich gebe zu, nicht nur Christoph Blocher, "Vater" der SVP-Masseneinwanderungs-Initiative und mehrfacher Milliardär, freut sich, wenn er sagen kann: "Der oberste Chef sind die Stimmbürger." Wir Schweizer sind stolz auf die direkte Demokratie. Es ist fehl am Platz, diese nun zu verteufeln. Es wäre für die Schweiz nicht besser, wenn solche Debatten unter der Oberfläche, mit der Faust im Sack, geführt würden.

Speziell ist das Verhältnis von Schweizern zu Deutschen. Dort zeigt sich ein typisches Problem zwischen ungleichen Nachbarn. Der Kleine fühlt sich vom Großen bedroht. Das gibt es überall, nicht nur zwischen Staaten. Ein kleiner Kanton vom großen Kanton. Das kleine Dorf von der großen Stadt. Die kleine Schweiz vom großen Deutschland. Die Beziehung von Schweizern und Deutschen ist eine von Missverständnissen geprägte: Die feinen kulturellen Unterschiede werden auf beiden Seiten ignoriert. Die schweizerische Zurückhaltung genauso wie die manchmal forsche direkte Art von Deutschen.

Mein Vorschlag an die Deutschen: Macht es wie bei einem schreienden Kind - nehmt es ernst, hört ihm zu, sprecht mit ihm, aber ignoriert es auch manchmal und zeigt ihm die Grenzen auf. Und lächelt bitte wie bis anhin charmant und sagt: "Ach, die Schweizer."