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Einmal Shanghai, bitte!: Englischlehrer bevorzugt

Wenn einem die Shanghaier an den Lippen hängen, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass man besonders Kluges zu sagen hat. Allein die Sprache zählt - denn die Stadt lernt Englisch.

Von Tilman Wörtz

Es sind schöne Maitage in Shanghai. Im Huai Hai-Park suchen Menschen das Spiel von Licht und Schatten unter Bäumen. Eine Gruppe steht im Kreis und steckt die Köpfe zusammen, unter ihnen drei Blondschöpfe. Alle reden Englisch. Sie sprechen über den großen Seefahrer Zheng He, der nach Ansicht eines britischen Marineoffiziers schon vor Christoph Kolumbus Amerika entdeckt haben soll, und über einen Wettervergleich Peking-Shanghai.

In der Stimme Zhang Jians, Informatikstudent an der Tongji-Universität, sind Stolz und Aufregung nicht zu überhören, als er endlich einen Satz anbringt, den er schon viel zu lange stumm auf den Lippen rollt: "It was raining cats and dogs last year", sagt er - letztes Jahr hat es Katzen und Hunde geregnet. Eine Chinesin flüstert das Sprichwort nach. Das muss sie sich merken. Am nächsten Sonntag, in einer anderen der vielen "english corner" Shanghais, wo sich Ausländer und Chinesen zum Plausch treffen, wird sie es vielleicht anbringen können.

Shanghai lernt Englisch, lauscht begierig nach neuen Wörtern und Redewendungen der Sprache, die die Welt bedeutet. Im Stadtradio bringt der Moderator seinen Hörern jeden Tag einen Satz bei. Heute lautet er: "A garlick a day, keeps the woman away" - frei übersetzt: Ein Knoblauch täglich macht Frauen erträglich. Eine humorige Reminiszenz an den Spruch "An apple a day keeps the doctor away."

Kinder haben spätestens ab der dritten Klasse Englischunterricht. Die Stadtregierung musste einer Grundschule eine Werbekampagne verbieten, die Eltern mit dem Hinweis fischen sollte, dass der gesamte Unterricht nur noch in englischer Sprache stattfindet. "Unsere Muttersprache ist immer noch Chinesisch", begründete die Stadtregierung ihre Bedenken. In großen Unternehmen entschuldigt man sich gerne mal zum "coffee break". Bestellt ein Ausländer bei Kenntucky Fried Chicken in holprigem Chinesisch, entgegnet die Bedienung: "I beg your pardon?"

Jetzt werden bestimmt

einige sagen: So ein Quatsch, Chinesen sprechen im Allgemeinen gar kein, im Besonderen allerhöchstens ein miserables Englisch und unterscheiden sich darin kaum von Japanern (der Manager einer multinationalen Bank in Tokio hat mir kürzlich verraten, dass seine Personalabteilung Probleme hat, einen Informatiker mit ausreichenden Englischkenntnissen zu finden).

Shanghaier dagegen sind gierig auf Englisch und die Mehrheit der Bevölkerung wird die Sprache in einigen Jahren beherrschen. Die Basis ist da. Nur an ein paar Kleinigkeiten will noch gefeilt, die ein oder andere Redensart gelernt werden. Eine Kostprobe aus einer Kontaktanzeige der Zeitschrift "That's Shanghai": "I am shanghai girl, likes smiling, looking for a have love, no many lies man. I hope cooking food for my lover, together working is hard, together by the river drink tea and slow walk." Interessenten wenden sich bitte an "That's Shanghai". Englischlehrer bevorzugt.

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