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Haiti: Verflucht in der Karibik

Afrika des Westens wird Haiti boshaft genannt: 200 Jahre lang wurde der Karibikstaat von Despoten ausgebeutet und drangsaliert. Nun zerstört das heftige Erdbeben erste Blüten der Stabilität.

Von Niels Kruse

Die Ersten werden die Letzten sein - auf kaum ein anderes Land trifft diese Variation des Bibelspruchs zu wie auf Haiti: Vorreiter war Haiti oft in seiner langen Geschichte. Es war die zweite Insel des bis dahin unbekannten Kontinents Amerika, die Christoph Kolumbus auf seiner Reise gen Indien 1492 entdeckte. Haiti war das erste Land, das sich aus der Umklammerung einer Kolonialmacht befreite. 1804 riefen die bis dahin von Frankreich als Sklaven gehaltenen Bewohner die Republik Haiti aus und erklärten sich für unabhängig. Zu dem Zeitpunkt stand der Westteil der Hispaniola-Insel wirtschaftlich in voller Blüte und wurde "Perle der Antillen" genannt. Das war einmal.

Ausgezehrt von Despoten und Naturkatastrophen

Heute ist Haiti das Armenhaus der Karibik, der ärmste Land in der westlichen Hemisphäre, zerrüttet und ausgezehrt von immer wiederkehrenden Naturkatastrophen, Diktatoren, Umweltzerstörung, Gewalt und Elend. Böse Zungen nennen es abschätzig das Afrika des Westens. Und traurige Parallelen zum Schicksal vieler Staaten auf dem schwarzen Kontinent gibt es reichlich. Allen voran die "Afrikanische Krankheit", die Regentschaft von Despoten, Kleptokraten, die die Bevölkerung auspressen, brutal unterdrücken und ihre Macht durch Vetternwirtschaft zementieren. Das beste Beispiel dafür hat in Haiti Vater und Sohn Duvalier geliefert. Bekannt geworden unter ihren Spitznamen "Papa Doc" und "Baby Doc".

Francois Duvalier ("Papa Doc") hatte Medizin studiert und wurde Ende der 40er-Jahre Gesundheitsminister. Nach seiner Wahl zum Präsidenten 1957 begann er den Machtapparat mit seinen Vertrauensleuten zu besetzen. Nach einigen unruhigen Jahren und mit Hilfe der "Tontons Macoutes", einer gefürchteten Schlägertruppe, schwang er sich 1964 zum Diktator auf - und machte sämtliche Gegner gewaltsam nieder. Schätzungsweise 30.000 Menschen kamen in diesen Jahren ums Leben oder verschwanden spurlos. Neun Putschversuche überstand "Papa Doc". Als er 1971 im Alter von 64 Jahren starb, übernahm sein Sohn Jean-Claude als gerade einmal 19-Jähriger, die Amtsgeschäfte. Als selbsternannter "Präsident auf Lebenszeit" überließ "Baby Doc" die Regierungsgeschäfte allerdings seinen Verwandten - er selbst schwelgte in Saus und Braus und führte ein Jetset-Leben.

Bis 1985 konnte sich "Baby Doc" an der Macht halten. Doch dann rächte sich seine Ignoranz gegenüber dem Wohlergehen des Volkes, das ausgeblutet und hungernd den Diktator aus dem Amt jagte. Nach einigen Jahren der Militärherrschaft wurde 1990 ein echter Hoffnungsträger zum Präsidenten gewählt: Jean-Bertrand Aristide - ein Priester, dessen Predigten und Ansprachen die Massen elektrisierte. Seine Herrschaft aber dauert nicht lange, gerade einmal ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt wurde er vom Militär weggeputscht. 1994 aber wurde Aristide mit Hilfe der USA, die Haiti von 1915 bis 1934 besetzt hatten, wieder als Staatsoberhaupt eingesetzt. Doch auch der Geistliche, auf dem soviel Hoffnung ruhte, entwickelte sich in den zehn Jahren seiner Herrschaft zum Despoten - zum Schluss terrorisierte er wie seine Vorgänger Opposition und Bürger.

Keine zwei Dollar am Tag zum Leben

Die Bevölkerung des Inselstaats versinkt seitdem immer mehr in Not und Elend. Im Gegensatz zu den Nachbarn der Dominikanischen Republik, die dank Karibikflair und Tourismus zu halbwegs bescheidenen Wohlstand gekommen sind, leben acht der zehn Millionen Haitianer von nicht einmal zwei Dollar am Tag, 520 Dollar verdient ein Durchschnittsbürger im Jahr, die Hälfte kann nicht lesen und schreiben, genauso viele Menschen sind arbeitslos, der Staat kümmert sich um so gut wie nichts und in den Slums der Hauptstadt Port-au-Prince bekriegen sich immer noch Anhänger und Gegner des Ex-Präsidenten Aristide. Mittlerweile ist Haiti auch zur Drehscheibe für den Drogenhandel geworden - eine der wenigen Gelegenheiten überhaupt zu Geld zu kommen, die allerdings noch mehr Gewalt und Chaos nach sich zieht.

Und als wäre dieser Staat nicht schon ohnehin zerrüttet genug, wird Haiti seit Jahren auch immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht: Diverse Hurrikans und Überschwemmungen haben innerhalb von vier Jahren tausende von Menschen getötet und mehr als eine Million Menschen obdachlos gemacht. Die Zerstörung durch die Naturgewalten ist auch deswegen so enorm, weil große Landstriche mittlerweile gerodet wurden und verödet sind. Für die Ärmsten der Armen ist Holz die einzige Möglichkeit, an Energie zu kommen. Das ist der Teufelskreis, in dem sich Haiti seit Jahrzehnten befindet: Der Brennstoff wird verfeuert, dadurch liegt die Landwirtschaft brach, die Bevölkerung ist vollkommen von Hilfslieferungen aus dem Ausland abhängig und die Schäden durch die immer wiederkehrenden Wirbelstürme und Dürren werden von Jahr zu Jahr schlimmer. Zuletzt kam es 2008 zu Hungerrevolten.

Die letzte bisschen Hoffnung ruht deshalb auf internationaler Hilfe und dem aktuellen Präsidenten René Préval. Nur durch einen Zufall hat der 66-Jährige das schwere Erdbeben überlebt. Das Staatsoberhaupt war zum Zeitpunkt der Erschütterung in seinem Dienstwagen unterwegs - als der Präsidentenpalast, in sich zusammenbrach. Préval ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Haiti politisch halbwegs zu stabilisieren und der darbenden Wirtschaft zumindest ein wenig Leben einzuhauchen. Doch die "Katastrophe biblischen Ausmaßes", wie US-Außenministerin Hillary Clinton das Erdbeben nennt, wird Haiti wohl wieder einmal ganz weit zurückkatapultieren.