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Recherchebericht: So fanden wir vor der Küste des Jemen in Deutschland gebaute Kriegsschiffe

Gemeinsam mit dem Rechercheverbund #GermanArms hat der stern untersucht, wie die Emirate in Deutschland gebaute Schiffe im Jemen und vor der Küste des Bürgerkriegslands einsetzen. Ein Recherchebericht.

#GermanArms: Recherche-Bündnis deckt Deutsche Rüstungsexporte im Jemen auf

Seit fast vier Jahren tobt der Krieg im Jemen, aber die meisten Menschen in Deutschland hören davon nur sehr wenig. Soldaten aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAR) kämpfen in dem Land im Süden der arabischen Halbinsel auf Seiten der dortigen Regierung gegen die Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Eine vom Uno-Menschenrechtskommissar bestellte Expertengruppe bescheinigte den Saudis und Emiratis im August 2018 klare Anzeichen für mögliche "Kriegsverbrechen".

Wie hier – entgegen Beteuerungen der Bundesregierung - auch deutsche Waffen zu Einsatz kommen, belegt jetzt das Recherchebündnis #GermanArms, das der stern zusammen mit dem ARD-Magazin "Report München", dem niederländischen Recherchebüro "Lighthouse Reports", der Investigativplattform "Bellingcat" sowie der "Deutschen Welle" organisiert hatte.

Das Recherchebündnis nutzte dafür auch zahlreiche Luftaufnahmen. Früher hatten nur wenige Menschen Zugriff auf gute Satellitenbilder. Es war ein Privileg von Militärs und Geheimdienstleuten. Aber seit einigen Jahren bieten Google Earth und andere private Anbieter wie Terraserver Luftbilder an, auf denen es möglich ist, größere Schiffe zu identifizieren.

Das Recherchebündnis #GermanArms kann mit Satellitenbildern sowie Videomaterial belegen, dass die Emirate in Deutschland gebaute Kriegsschiffe im Jemen und dem Hafen von Assab in Eritrea einsetzen.

Deutsche Schiffe im Hafen von Assab in Eritrea

Aus den Rüstungsexportberichten der Bundesregierung wissen wir, dass aus Deutschland im Jahr 2006 zwei Minenräumschiffe der Frankenthal-Klasse an die VAE gingen. Andere Schiffe dieser Klasse liegen bis heute im Marinestützpunkt in Kiel. Man kann sie dort bei Google Earth aus der Luft gut erkennen, sogar mit ihren Registriernummern. Hier die M1065, die den Namen FGS Dillingen trägt.

Die Hammer-förmige Struktur des Aufbaus der Frankenthal-Schiffe ergibt sich daraus, dass links und rechts der Brücke zwei Balkon-artige Ausgucke angebracht sind. 

Ein Schiff der Frankenthal-Klasse

Ein Schiff der Frankenthal-Klasse

Ein Schiff mit genau dieser Form, findet man im April 2012 auf der Werft der Abu Dhabi Shipbuilding Company am Persischen Golf. Die emiratische Marine lässt hier öfter ihre Schiffe warten. Dass die Frankenthal in Abu Dhabi auftaucht ist nicht weiter überraschend. Die Minenräumer wurden ja ganz offiziell in die Emirate exportiert.

Seit März 2017 sieht man diesen Schiffstypen aber immer wieder auch um die 2000 Kilometer Seeweg weiter - im Hafen von Assab in Eritrea. Auf einem Bild von Google Earth von Assab vom 14. März 2017 kann man die Länge des dort stationierten Boots messen. Sie passt zu den Maßen von 54,4 Metern, die der Hersteller Lürssen für diesen Typ angibt.

Satellitenbilder aus Mocha 

Den Hafen von Assab haben die Emiratis im Jahr 2015 geleast und nutzen ihn als Sprungbrett in den Jemen, etwa für Truppentransporte in das Bürgerkriegsland. Doch laut eines Berichts für den UN-Sicherheitsrat aus dem Jahr 2017 verstießen sie mit der Einrichtung der Militärbasis gegen UN-Sanktionen. 2009 hatte man sie gegen Eritrea verhängt, weil das dortige Regime im Verdacht stand, terroristische Gruppen in Nachbarländern zu unterstützen. Erst im November 2018 wurde das Embargo aufgehoben. Dennoch setzten die Emiratis auch in der Zeit davor häufig in Deutschland gebaute Kriegsschiffe in Assab ein.

Im August 2017 schließlich schwimmt ein Schiff der Frankenthal-Klasse 60 Kilometer nordöstlich von Assab im Hafen von Mocha im Jemen. Früher wurde von hier Kaffee ausgeführt, daher unser Wort Mokka.

Die Koalition von Saudis und Emiratis, die im Jemen gegen die Houthi-Rebellen kämpft, hatte den Hafen erst ein paar Monate zuvor erobert. Aber noch Ende Juli 2017 gelang es den Houthis, das deutsche Schiff anzugreifen; im Oktober 2018 veröffentlichten sie ein Drohnenbild, das in der Tat eine halbversunkene Frankenthal zu zeigen scheint. Aber schon am 17. August 2017 war das Schiff wieder flott und gut auf dem Satellitenbild des Hafens von Mocha bei dem Anbieter Terraserver zu erkennen.

Auch hier stimmt die gemessene Länge mit den bekannten Maßen des Schiffstyps überein. Außerdem haben wir mit dem Team von #GermanArms ein Video ausgewertet, das der Sender Al Jazeera im Oktober 2017 auf Youtube veröffentlicht hat. Laut Al Jazeera zeigt der Film exklusive Bilder aus Mocha. Wir haben das Video mit anderen Bildern der Stadt im Jemen und des Schiffs vergleichen. Ergebnis: Es zeigt eindeutig den aus Deutschland gelieferten Minenräumer, wie er durch den Hafen von Mocha schwimmt – hier ab Minute 0:35. 

Auch deutsche Raketenboote in Assab

Auf vielen Bildern aus Assab in Eritrea sieht man einen weiteren Schiffstyp, den die Lürssen-Werft in Bremen in den 90er Jahren an die Emirate geliefert hat: Raketenboote vom Typ Muray Jib. Für sie ist typisch, dass sie einen erhöhten Hubschrauberlandeplatz haben, der aber nicht bis ganz ans Ende des Schiffshecks reicht. Das gilt zum Beispiel für das Schiff bei 0:28 auf einem Video, das die ägyptische Marine im April 2018 auf Youtube veröffentlicht hat, von einer gemeinsamen Übung mit den Emiratis im April 2018:

Ein solches Schiff liegt auf dem Google-Earth-Bild aus Assab aus dem März 2017 direkt neben der Frankenthal. Laut Lürssen ist die Muray-Jib-Klasse 65 Meter lang. Das passt.

Auch die Muray Jib ist ein regelmäßiger Gast in dem Hafen in Eritrea. Am 2. Februar 2019, also vor nicht mal vier Wochen, lagen dort sogar zwei von ihnen vor Anker. Und auch am 13. Januar 2019 lag ein Schiff dieses Typs in Assab, das zeigt das nächste Bild, wieder von Terraserver.

Unterhalb davon am selben Kai lässt sich eine Korvette der Baynunah-Klasse der VAE erkennen. Bis 2017 stellten die Scheichs sechs dieser zu großen Teilen in Frankreich entwickelten Kriegsschiffe in Dienst. Aber ohne deutsche Hilfe kämen die 70 Meter langen Korvetten nicht vom Fleck, denn MTU aus Friedrichshafen am Bodensee hat für sie vier 16-Zylinder-Motoren der Serie 595 zugeliefert. "Die Mehrzahl unserer Marine- und Regierungsschiffe haben MTU-Motoren", zitierte das Friedrichshafener Unternehmen in einer Werbebroschüre im Jahr 2012 einen Manager der Abu Dhabi Shipbuilding Company, auf der einige der Baynunah-Schiffe endmontiert wurden. Außerdem tragen diese Korvetten je zwei MLG-27-Kanonen von Rheinmetall, gebaut im schwäbischen Oberndorf. Also viel Baden-Württemberg an Bord.

Verräterische Videos

Die Baynunah nutzt laut Angaben des US-Herstellers Raytheon auch Flugabwehrsysteme der Typen RAM und ESSM. Zufall oder nicht:  Im September 2018 genehmigte die Bundesregierung die Ausfuhr von 48 Gefechtsköpfen der Firma TDW aus Schrobenhausen für das Flugabwehrsystem ESSM sowie 91 Zielsuchköpfe von Diehl Defence aus Überlingen für das Flugabwehrsystem RAM. Die Rüstungsgüter gingen an die Emirate. Diehl und die TDW-Mutter MBDA versichern, man halte alle "Regularien" ein und habe zu Fragen nach dem Einsatz in Assab oder dem Jemen "keine belastbaren Informationen".

Auch die Baynunah ist leicht zu erkennen. Sie unterscheidet sich durch die Form ihres Helikopterlandeplatzes von anderen Schiffen der Emiratis. Er zeigt ganz am Heck einen runden Kreis und dann zwei rechteckige Felder nebeneinander. So wie die Al Dhafra mit der Registriernummer P173 auf einem Video, das der emiratische Sender Sky News Arabia im Jahr 2015 auf seinem Kanal auf Youtube veröffentlicht hat (im selben Video sieht man bei 2:11 auch eins der beiden MLG-27-Geschütze von Rheinmetall).

Die Baynunah ist seit März 2016 häufig auf Luftbildern von Assab zu erkennen; auch in einem offiziellen Bericht für den UN-Sicherheitsrat wird auf der Basis von Satellitenbildern ihre Präsenz in dem Hafen bestätigt. Aber es gibt kaum Videos aus dem Hafen am Horn von Afrika. Westliche Besucher oder gar Journalisten sind hier offenbar nicht besonders erwünscht.

Doch am 22. September 2018 veröffentlichte der chinesische Sender CGTN auf Youtube einen Bericht seines Korrespondenten Girum Chala aus der Hafenstadt in Eritrea. Nach gut einer Minute erkennt man auf seinem Film hinter einem der Kräne ein Schiff in marinegrau.

Rasch kam uns der Verdacht, dass es sich um eine Baynunah handeln könnte, genauer: um ihren – perspektivisch verkürzten - Aufbau. Zum Beispiel wegen der hakenähnlichen Struktur zur Heckseite hin. Genau genommen ist es das RAM-Flugabwehrsystem des US-Herstellers Raytheon, für das der deutsche Hersteller Diehl Zielsuchkörper herstellt.

Auf dem nächsten Bild – aus einem Video, das das ägyptische Militär auf Youtube veröffentlicht hat - sieht man eine Baynunah mit dem Namen Al Hili und der Nummer P176 bei einem Manöver mit der ägyptischen Marine im April 2018. Man erkennt den Haken, der natürlich kein harmloser Haken ist, sondern das Raketensystem RAM. Auf der linken Seite der Brücke erkennt man außerdem drei Fenster, die nebeneinander liegen. In der Mitte hat das Schiff einen turmartigen Aufbau.

Hinten links an der Seite der Schiffe der Baynunah-Klasse erkennt man eine viergeteilte Gitterstruktur, hier bei der Al Hili bei ihrer Einweihung in Abu Dhabi im Jahr 2017, auf einem Video, das das "Media Office" des Emirats Dubai auf Youtube hochgeladen hat:

Und hier zum Vergleich, was man dazu auf dem Bild in Assab erkennen kann: Rechts der Haken (das RAM-System), links die drei Fenster an der Seite, in der Mitte der Turm und rechts unten die viergeteilte Gitterstruktur. Oberhalb davon erkennt man auch noch eine Auswölbung – bei der Al Hili in Abu Dhabi wie bei dem Schiff in Assab.

Das Video von CGTN zeigt auch eine weitere Ansicht der Kaimauer vom gleichen Blickwinkel. Man erkennt eine niedrigere Lagerhalle vorn und eine höhere dahinter. Rechts davon das Schiff. Außerdem sieht man ganz links zwei große Kräne und rechts davon sieben Kräne, die etwas kleiner sind.

Auf Bildern von Terraserver vom 18. und 25. September  2018 fanden wir passende Ansichten aus der Luft: Eine Baynunah an der nördlichen Kaimauer, vor einer kleineren Lagerhalle, rechts davon eine größere. Vor den kleineren Hallen sieht man ein paar niedrigere Bauten. Und oberhalb wie unterhalb der Baynunah insgesamt neun Kräne entlang des Kais, darunter zwei besonders große ganz im Süden.

Als "Rückgrat" der VAE-Marine angepriesen 

Noch in einer Broschüre aus dem Jahr 2012 pries Lieferant MTU die Schiffe der Baynunah-Klasse als künftiges "Rückgrat" der VAE-Marine – sie würden eingesetzt, um die "Territorialgewässer" vor Abu Dhabi und Dubai zu sichern. Doch nun sind einige der Schiffe auch fern der Heimat vor der Küste des Jemen aktiv.

Auf Fragen dazu versicherte jetzt ein Firmensprecher in der Zentrale in Friedrichshafen, man unterstütze "eine verantwortungsvolle Rüstungsexportpolitik" und handele stets "auf Basis der strikten deutschen und europäischen Ausfuhrgesetze".

MTU war auch der Motoren-Lieferant für zwei weitere neue Schiffe der Marine der Emiratis. Eins davon erkennt man sehr gut auf einem weiteren Luftbild aus Assab aus dem Januar 2019, ein Schiff mit einem extrabreiten Heli-Landeplatz und sehr spitz zulaufendem Bug.

Es gehört offenkundig zu der Arialah-Klasse, von denen die Emiratis 2017 und 2018 insgesamt zwei Schiffe in Dienst gestellt haben. Auf Fotos erkennt man, dass der Helipad in der Tat etwas breiter ist als der Rumpf.

Wikipedia

Der US-Hersteller Raytheon hat die Emiratis auch für diese Schiffe nach eigenen Angaben mit den Flugabwehrystemen RAM (ja, der Haken bei der Baynunah) beliefert. Wie gesagt: Im September 2018 genehmigte die Bundesregierung die Ausfuhr von 91 Zielsuchköpfen von Diehl Defence für das System RAM. Womöglich waren diese also auch für die Arialah bestimmt.

Die Arialah ist außerdem – wie der Hersteller in Friedrichshafen dem stern bestätigte - mit MTU-Motoren bestückt, sowie laut Berichten in der Fachpresse mit einem Verteidigungssystem von Rheinmetall namens MASS. Gebaut wurden die Schiffe von der niederländischen Firma Damen, auf einer Werft dieser Gruppe in Galati in Rumänien. Bereits auf Luftbildern dieser Werft von Google Earth aus dem Jahr 2016 konnte man die Arialah erkennen.

Dann liegen zwei davon im Oktober 2018 in der Marinebasis der Emiratis in Ghantoot am Persischen Golf - an der Kaimauer gegenüber übrigens eine Baynunah und eine Muray Jib. Wie man sieht, kommt ein großer Teil der Flotte der Vereinigten Arabischen Emirate aus Deutschland oder ist mit wichtigen Komponenten aus der Bundesrepublik ausgerüstet.

"Das Böse in Reinform"

Eine der Korvetten vom Typ Baynunah – samt MTU-Motoren und Rheinmetall-Geschützen - ging im vergangenen Jahr auf eine ganz besondere Mission. Dabei spielt der Mann eine Rolle, der bei der Einweihung der Al Hili im Jahr 2017 – siehe das Video oben - mit grimmiger Miene durch das Schiff schritt.  Er  heißt Muhammad bin Raschid Al Maktum und ist in Personalunion auch Verteidigungsminister der Emirate sowie Emir von Dubai.

Hierzulande kennt inzwischen jeder Mohammed bin Salman, den saudischen Vizepremier und Verteidigungsminister. Manche nennen ihn Blutscheich, wegen seiner Rolle im den grausamen Krieg im Jemen und wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi. Kaum einer im Westen kannte bisher Al Maktum, seinen Amtskollegen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dabei nennt ihn selbst dessen eigene Tochter Latifa "das Böse in Reinform". 

Sie war im Februar 2018 aus dem Land geflohen und mit einer Jacht bis kurz vor die indische Küste gelangt – als indische und emiratische Kriegsschiffe das Boot aufbrachten und die Tochter auf ein Schiff zurück Richtung Emirate setzten. Die Tochter hatte eine enge Vertraute aus Finnland mit dabei, ihre Capoeira-Trainerin. Die wurde später freigelassen und berichtete im April 2018 der finnischen Tageseitung Helsingin Sanomat, wie man vor der indischen Küste ihre Jacht gekapert und sie in die Emirate zurückgebracht habe.

Das Schiff der Emiratis habe den Namen Baynunah getragen, verriet die Finnin. Das erste Schiff der Baynunah-Klasse trägt genau diesen Namen. Praktisch, wenn man als Vater ein Kriegsschiff losschicken kann, um die ausgebüxte Tochter wieder nach Hause zu holen.

Mehr zu den Recherchen lesen Sie im neuen stern, der am Donnerstag (28.02.) erscheint.