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Farc-Geiseln: "Freilassung ist wie eine Wiedergeburt"

Die kolumbianische Rebellenorganisation Farc hat zwei Geiseln nach jahrelanger Gefangenschaft wieder freigelassen. Die Regierung hofft nun, dass bald weitere Freilassungen folgen - vor allem die einer vor sechs Jahren entführten Präsidentschaftskandidatin.

Nach jahrelanger Gefangenschaft sind am Donnerstag zwei Geiseln der linksgerichteten Farc-Rebellen in Kolumbien wieder freigekommen. Die beiden Frauen flogen noch am selben Tag nach Venezuela. Auf dem Flughafen von Caracas fielen die 44-jährige Clara Rojas, Ex-Wahlkampfchefin der vor sechs Jahren ebenfalls verschleppten damaligen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, sowie die im September 2001 entführte damalige Abgeordnete Consuelo Gonzàlez, 57, Angehörigen und Freunden weinend und lachend in die Arme. Die Freilassungsaktion wurde von Venezuelas Staatschef Hugo Chàvez eingefädelt. Ein erster Übergabe-Versuch war Silvester nach mehrtägiger Vorbereitung gescheitert.

Chàvez sagte, er erwarte die baldige Freilassung weiterer Geiseln. "Die Kontakte mit den Farc werden fortgesetzt. Es gibt neue Vorschläge (zur Freilassung weiterer Geiseln). Ich hoffe, dass wir und die Regierung von Kolumbien den humanitären Austausch aufbauen können", sagte Chàvez, der die beiden Frauen kurz begrüßte. Der Linksnationalist rief Kolumbiens konservativen Staatschef Alvaro Uribe und Farc-Führer Manuel Marulanda auf, neue Wege zum Frieden zu suchen. Der Frieden in Kolumbien, wo die Farc den Staat seit über 40 Jahren bekämpfen, sei möglich.

Frauen in einem Indiodorf freigelassen

Nach wochenlangen Verhandlungen hatten die Rebellen der linksgerichteten "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) die beiden Frauen in einem Indiodorf im kolumbianischen Department Guaviare auf freien Fuß gesetzt. Hubschrauber hatten die beiden Frauen sowie Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und der venezolanischen Regierung zunächst zu einem Luftwaffenstützpunkt im Südwesten von Venezuela gebracht. Danach flogen alle in einem Flugzeug nach Caracas weiter.

Das venezolanische Fernsehen zeigte Bilder der Geiselübergabe. Die beiden Frauen verabschiedeten sich per Handschlag von den Rebellen, Guerilleras wurden sogar geküsst. Die Farc-Vertreter, alle bewaffnet und im Uniform, wünschten den beiden Frauen "ein gutes Jahr". Rojas sagte vor den laufenden Kameras, die Freilassung sei "wie eine Wiedergeburt". Die Ex-Abgeordnete Gonzàlez bedankte sich telefonisch bei Chàvez und sagte: "Präsident Chàvez, geben Sie nicht auf. Darum bitten alle weiter festgehaltenen Geiseln".

Militär sollte Übergabe nicht gefährden

Hubschrauber aus Venezuela waren am Donnerstagvormittag zur geplanten Übergabe der Frauen nach Kolumbien geflogen. Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos hatte versichert, in einem großen Gebiet von Guaviare würden alle Bewegungen der Streitkräfte ausgesetzt, um die Übergabe nicht zu gefährden. Nach der ersten gescheiterten Aktion hatte die Farc der Regierung und den Streitkräften in Kolumbien vorgeworfen, die Aktion sabotiert zu haben. "Garanten" aus sieben Ländern, darunter Argentiniens Ex- Staatschef Néstor Kirchner, hatten ebenso wie US-Filmemacher Oliver Stone, der die Aktion filmen wollte, tagelang in Kolumbien auf ihren Einsatz bei der Übergabe gewartet.

Chàvez hatte im Dezember die Hoffnung geäußert, dass er zu einem späteren Zeitpunkt auch die Freilassung von Betancourt erreichen könne. Die Grünen-Politikerin hat auch einen französischen Pass. Rojas sagte in Caracas, sie habe Betancourt seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Sie seien nach einem 20-tägigen Marsch durch den Dschungel von den Rebellen "aus Sicherheitsgründen" getrennt worden.

Rebellen zu weiteren Freilassungen bereit

In den vergangenen Wochen erklärten die Rebellen, sie seien bereit, bis zu 50 Geiseln freizulassen, darunter neben Betancourt auch drei US-Bürger sowie mehrere Politiker und Militärs. Im Gegenzug müssten aber 500 hinter Gittern sitzende Guerilleros auf freien Fuß gesetzt werden. Insgesamt halten die Farc nach Schätzung von Menschenrechtsgruppen 750 bis 800 Menschen in ihrer Gewalt.

Für Verwirrung hatten in den vergangenen Wochen Äußerungen der Farc gesorgt, sie wollten auch den in der Geiselhaft geborenen dreijährigen Sohn der im Februar 2002 verschleppten Clara Rojas freilassen. Erst vor wenigen Tagen hatten die Rebellen zugegeben, dass der Junge gar nicht mehr in ihrer Gewalt war. Er sei zu seiner eigenen Sicherheit in ein Kinderheim nach Bogotà gebracht worden. Vater des Jungen ist einer der Geiselnehmer. "Ich will meinen Sohn so schnell wie möglich in die Arme nehmen", sagte Rojas jetzt.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso begrüßte die Freilassung der beiden Geiseln. "Wir hoffen, dass deren Befreiung ein ermutigendes Zeichen ist, dass alle Geiseln, Ingrid Betancourt inbegriffen, bald befreit werden", erklärte Barroso am Donnerstag in Brüssel. Frankreichs Regierungschef François Fillon sagte in Paris, die Freilassung sei ein "wichtiges Hoffnungszeichen für sie, die noch in Gefangenschaft sind". Die Bemühungen um die Freilassung aller Geiseln müssten jetzt beschleunigt werden.

DPA / DPA