HOME

Finanzplatz London: Boni-Steuer? Interessiert mich nicht!

Gehen oder bleiben? Londons Banker sollen angeblich eine Massenflucht vorbereiten, um der Bonus-Supersteuer zu entkommen. Zu merken davon ist in der Stadt allerdings wenig. Im Gegenteil: Der Markt für Luxus-Apartments boomt.

Von Cornelia Fuchs

Zwei Zimmer für 1,3 Millionen Pfund - das ist das letzte Appartement, das im Luxus-Bau der St Pancras Chambers noch zu haben ist. Der Grundriss Nummer 3.04 mit dem Schlafzimmer auf kleiner Maisonetteebene ist auf der dritten Etage gelegen und eine von 68 Wohnungen in einem riesigen viktorianischen Baudenkmal direkt am Bahnhof St Pancras, Blick auf die historische Glaskuppel über den Gleisen und den abfahrenden Eurostar-Zug nach Paris inklusive.

Das Fünf-Sterne-Hotel im ersten Stock wird nach seiner Fertigstellung im nächsten Jahr Zimmerservice anbieten. Interessenten wird geraten, sich ziemlich schnell zu entscheiden. Bald könnte der Markt von Luxus-Appartements leergefegt sein wie zu den Zeiten vor der Krise.

Es ist eine Situation, die sich Londoner Immobilien-Makler so schnell nicht wieder erträumt hatten. Der Immobilienmarkt der britischen Hauptstadt lag am Boden, überall wollten Besitzer verkaufen und konnten nicht. Preise schienen ins Bodenlose zu sinken.

Der Kampf um die beste Wohnung

Doch die Entwicklung hielt nicht lange an. Insgesamt 93 Makler konnten in einer Umfrage vor wenigen Wochen steigende Nachfragen vermelden, ein Viertel aller Immobilien wird teurer verkauft als angeboten. Und das betrifft vor allem die Angebote, die angeblich so schnell keiner mehr haben wollte: die Bonus-Appartements.

Es war fast ein Jahrzehnt lang ein jährlich wiederkehrendes Spektakel - sobald die Banken ihre Angestellten über die Summe der zu erwartenden Boni-Zahlungen informierten, wurden Maklerbüros gestürmt, Anzahlungen getätigt, begannen wilde Bieter-Wettbewerbe um die besten Wohnungen.

Ganze Stadtviertel wurden so von Wohnungsangeboten leergefegt, Islington im Norden Londons, Notting Hill im Westen und Kensington und Mayfair, die Viertel der Hedgefonds, sowieso. Mit dem Ende der Banken-Bonanza, so war es nach der Pleite des Investmenthauses Lehmann vorausgesagt worden, sollte es auch mit diesem Wettlauf um die teuerste Wohnung ein Ende zu haben.

Doch Pustekuchen, die Boni sind zurück und damit auch die Bieterwettbewerbe. Noch immer gilt in London, dass eine Bonus-Zahlung am besten in eine Immobilie investiert werden sollte. Und diese Immobilie wiederum muss im richtigen Viertel liegen, um dort die Kinder auf die richtigen Privatschulen schicken zu können.

Denn entgegen den Gerüchten sind Banker doch nicht ganz so mobil, wie sie gerne dem britischen Schatzkanzler Alistair Darling drohen, der sie Anfang Dezember mit einer einmaligen Sondersteuer auf Boni über 25000 Pfund überrascht hat. Zehntausende hätten schon die Umzugskisten bestellt, hieß es da. Von 300000 Angestellten in der Londoner City kommen 75000 aus dem Ausland.

Wer will schon nach Genf?

Bis zu 500 Finanziers sollen angeblich schon Monat für Monat weggezogen sein im vergangenen Jahr, nach Genf, Hongkong, Singapur oder auf die Kanalinsel Jersey mit den angenehm niedrigen Steuer-Sätzen. Dutzende Hedgefonds lassen sich angeblich über einen Umzug nach Genf beraten, weitere stehen in den Startlöchern. Doch wer sich den angedrohten Massenexodus näher anschaut, entdeckt Erstaunliches: Auch in Genf ist die Einkommenssteuer mit 44 Prozent ziemlich hoch, im Dezember gab es gerade einmal 92 leerstehende Häuser für die Heerscharen aus der Londoner City und, wie es ein Investment-Experte der Nachrichtenagentur Bloomberg diktierte: "In Canary Wharf gibt es mehr Bürofläche als in der ganzen Schweiz!"

Doch trotz der logistischen Schwierigkeiten sitzt die Drohung mit der Abwanderung: Ein Zehntel aller Steuereinnahmen in Großbritannien, stolze 61,4 Milliarden Pfund, werden von Finanzinstituten und ihren Angestellten bezahlt. Allein die Investmentbank Goldmann Sachs zahlte 2009 zwei Milliarden Pfund an Einkommens-, Unternehmer- und Kapitalsteuer, dazu Sozialabgaben. Angesichts einer verarbeitenden Industrie, die 2008 nicht mehr produzierte als im Jahr 1973, wird Schatzkanzler Alistair Darling vorgeworfen, die einzige goldene Gans zu schlachten, die Großbritannien noch besitzt.

Kampf gegen die Sondersteuer

"Es ist Zeit für das Londoner Finanzzentrum, sich für den Kampf vorzubereiten", schreibt der Kolumnist Ben Griffiths in der Zeitung City A.M., die vor allem von Bankern gelesen wird. Ein wahrer Ansturm von Lobbyisten belagert Premierminister Gordon Brown und verlangt, dass die Sondersteuer zurückgezogen wird.

Die meisten fürchten, dass eine solche Steuer, einmal im Parlament verabschiedet, nicht nur einmal erhoben wird. In Umfragen befürworten Dreiviertel der Briten eine Sonderabgabe - kein Wunder, dass sich noch nicht einmal die britischen Konservativen dazu durchringen konnten, die Abgabe zu verdammen. Sie sagen, alle müssten den Gürtel enger schnallen. Wenn die Staatsfinanzen nicht bald wieder auf Vordermann gebracht werden, könnte der Schuldenberg in fünf Jahren hundert Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen. Mit 185 Milliarden Pfund hat Großbritannien insgesamt 32 Banken unter die Arme gegriffen. Noch weiß niemand, wie viel davon wieder ins Staatssäckel zurückfließen wird.

Die Briten richten sich langsam mit der Vorahnung ein, dass Jahre des Verzichts vor ihnen liegen. Düstere Prognosen sprechen von Kommunen, die kein Geld mehr für die Straßenbeleuchtung haben werden, geschweige denn für Schwimmbäder oder gar Theater. Die Londoner City scheint von dieser Vorahnung jedoch seltsam unberührt zu bleiben, manchmal wirkt es, als leben die Menschen hier auf einem anderen Planeten.

Sie müssten für ihre anstrengende Arbeit in schweren Zeiten auch angemessen entlohnt werden dürfen, heißt es da. Und die Zeitung City A.M. schreibt, völlig ohne Ironie: "Eine finanzielle Katastrophe kann man als Unfall abschreiben, eine zweite wäre dagegen wohl leichtsinnig zu nennen."