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stern-Reportage

Flüchtlinge in Libyen: Die Beute der Menschenhändler

Der Flüchtlingsstrom von Libyens Küste Richtung Italien ist versiegt. Doch Europas Ruhe ist erkauft durch das Leid der Migranten, die von kriminellen Banden und korrupten Beamten wie Ware zwischengelagert werden. Blick auf ein zynisches Geschäft in einem unregierbaren Land.

Von Francesca Mannocchi

Flüchtlinge in Libyen: Die Beute der Menschenhändler

Schlafen auf Tüchern, essen aus Gemeinschaftsschüsseln: In der Al-Nasr-Sammelstelle werden bis zu 1100 Migranten festgehalten. Ohne Perspektive

Die Stille im Hafen von Zawiya wirkt unwirklich. Am Pier reinigen einige Fischer ihre Boote, ordnen Netze. Von der Küstenwache keine Spur. Auch nicht von den Schmugglern, die jedem im Ort bekannt sind. Verschwunden sind auch die Flüchtlinge. Nicht nur hier, an der ganzen Küste. Sie waren in den vergangenen Monaten stets präsent, wurden herumgescheucht, verladen, festgenommen. Meist des Nachts stiegen sie an den Stränden auf die Schlauchboote gen Italien. Manchmal wurden ihre Körper zurück auf den Sand gespült. Jetzt sieht man nicht einmal mehr die Toten.

Denn es verlässt kaum noch ein Schlauchboot die Küste zwischen Zawiya und Sabrata Richtung Italien. Allein im Juni kamen mehr als 23.000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien, im Juli dann nur noch knapp 12.000. Und nun: Ruhe. Es scheint, als habe Italien durch Verhandlungen mit Libyen den Flüchtlingsstrom stoppen können. Doch für wie lange? Und vor allem: zu welchem Preis?

Zwei Fraktionen in Libyen reklamieren die Macht für sich

In Libyen warten immer noch Zehntausende auf die Überfahrt nach Europa. Dass die Boote im Moment nicht fahren, heißt nicht, dass nicht ständig neue Migranten durch die Wüste gen Küste geschleust werden. Zurzeit gibt es in Libyen vor allem zwei sichere Einkommensquellen: das Öl. Und den Menschenschmuggel. Und an beiden verdienen mächtige Milizen, korrupte Beamte und die internationale Mafia.

Bright, ein kleiner Junge, wurde vor einem Monat hinter Gittern geboren, seine Mutter starb. Die Nigerianerin Happiness sorgt für ihn. Doch im Gefängnis gibt es kein Milchpulver

Bright, ein kleiner Junge, wurde vor einem Monat hinter Gittern geboren, seine Mutter starb. Die Nigerianerin Happiness sorgt für ihn. Doch im Gefängnis gibt es kein Milchpulver

Das Libyen von heute ist ein chaotisches Gebilde, geprägt von knapp 1700 unterschiedlichen militanten Gruppen. Nach dem Sturz des Diktators Gaddafi vor sechs Jahren hatten die Aufständischen ihre Waffen nicht niedergelegt, sie besetzten Ministerien und plünderten Militärarsenale. Heute beherrschen die Milizen Städte, Landstraßen und lukrative Ölraffinerien.

Zwei Fraktionen reklamieren die Macht für sich. Auf der einen Seite steht die schwache Einheitsregierung um Premierminister Fajis al-Sarradsch, der von UN und EU unterstützt wird. Doch der Premier muss sich selbst in der Hauptstadt Tripolis mit Milizen arrangieren, ein Pakt mit überaus dubiosen Partnern, mit deren Hilfe er die Macht im Westen des Landes hält. Sein direkter Einflussbereich reicht in Wirklichkeit kaum über Tripolis hinaus. Im Osten Libyens, in Baida, hat die Gegenregierung ihren Sitz. Dort herrscht der Rebellenkommandeur Chalifa Haftar, der sich lange Zeit weigerte, mit Tripolis zu kooperieren, und der mit Ägypten und Russland verbündet ist.

Die Ölraffinerie von Zawiya schickt Rauch in den Himmel. In der Nähe starteten bisher auch die Flüchtlingsboote

Die Ölraffinerie von Zawiya schickt Rauch in den Himmel. In der Nähe starteten bisher auch die Flüchtlingsboote

Zurück nach Zawiya, der Stadt mit dem jetzt so ruhigen Hafen. Hier heißt der Chef der Küstenwache Abdurrahman Milad, besser bekannt als Al Bija. An ihm lässt sich gut erklären, wie der Menschenschmuggel in Libyen funktioniert. Eigentlich bekommt Al Bija sein Geld aus Tripolis, um diesen zu unterbinden. Doch tatsächlich zahlen die Menschenschmuggler von Zawiya ihm sehr viel mehr Geld. Sie zahlen für jedes der Hunderte Schlauchboote, das sie von hier aufs Meer schicken. Und so wurden bisher auch nur diejenigen Boote von der Küstenwache wieder zurück an Land gebracht, für die Al Bija kein Geld gesehen hatte oder deren Entsendung von rivalisierenden Stämmen organisiert worden war.

Der Küstenwachenchef Al Bija ist also auch einer der Chefs des Menschenhandels. Und er betreibt ein eigenes und damit illegales Gefängnis. Die Küstenwache ist in Libyen wie so vieles eine undurchsichtige Kreuzung aus offiziellen Ämtern und organisierter Kriminalität.

Allein in Tripolis stehen 13 illegale Gefängnisse

Die europäischen Regierungen wissen um diese Mischung. Der UN-Sicherheitsrat veröffentlichte einen 299 Seiten starken Bericht, in dem viele Namen der Korrupten aufgeführt sind. So auch der von Fathi al-Far, einem Mitglied der Al-Nasr-Miliz in Tripolis und Verbündeten von Präsident Sarradsch und seiner Einheitsregierung. Der ehemalige Oberst der Gaddafi-Armee führt heute ebenfalls ein illegales Gefängnis in Zawiya. Der UN zufolge wird das Zentrum genutzt, um Flüchtlinge an die Schmuggler zu verkaufen.

Allein in Tripolis stehen 13 dieser illegalen Gefängnisse, zwei weitere im Gebiet um Zawiya, alles unter der Nase der Einheitsregierung. Die Berichte von dort sind furchtbar: keine Nahrung, kein Wasser, Folter, Vergewaltigungen. Die Flüchtlinge werden zum Teil schon an der libyschen Grenze abgefangen und verschleppt, von Miliz zu Miliz weiterverkauft. Wer nicht zahlen kann, leidet. Die Frauen werden in die Prostitution gezwungen, Männer in die Zwangsarbeit. Oder es werden Tausende Euro von der Familie in der Heimat erpresst, damit dem Sohn, dem Bruder, dem Vater in Libyen nicht noch Schlimmeres passiert. Ein Besuch in diesen Höllenlöchern ist für ausländische Journalisten lebensgefährlich.

Ein kleines Boot der libyschen Küstenwache kreuzt vor zwei Schlauchbooten

Ein kleines Boot der libyschen Küstenwache kreuzt vor zwei Schlauchbooten

Es gibt außerdem 30 offizielle Sammelstellen für Flüchtlinge, die eigentlich vom Innenministerium überwacht werden sollten. Doch viele dieser Zentren liegen in umkämpften Gebieten, zu vielen haben Milizen und damit auch Schmuggler Zugang. Und die Küstenwache, die Flüchtlinge aufgreift und dort abgibt, arbeitet ebenfalls oft direkt in die Hände der Schmuggler. Die Flüchtlinge sind hier also auch nicht sicher, sie bekommen auch hier zu wenig Essen, auch hier werden Menschen misshandelt. Aber trotzdem haben sie Glück, ihr Leben ist nicht jeden Tag bedroht.

Unterernährt, krank, ohne Hoffnung

In Surman ist eine kleinere dieser offiziellen Sammelstellen eingerichtet, nichts anderes aber als ein Gefängnis; 250 Frauen und 30 Kinder sind dort eingesperrt. Um nach Surman zu kommen, fährt man über Nebenstraßen, um sich den Augen der lokalen Gangs zu entziehen. Die Hauptstraße durch staubige Ödnis haben Dutzende Banden im Blick, einige sind auf den Diebstahl von Schützenpanzerwagen spezialisiert, andere auf Entführungen. Islamistische Milizen sind besonders rücksichtslos. Auf dem Weg zu einer solchen Verwahrungsstelle für Flüchtlinge wurde vor zwei Monaten ein Konvoi der Sondermission der Vereinten Nationen UNSMIL überfallen, die Beamten wurden für Stunden festgehalten, einige Fahrzeuge gestohlen.

Fajis al-Sarradsch (l.), Premier der libyschen Einheitsregierung, wird vom italienischen Premier Paolo Gentiloni in Rom empfangen. Mit ihm verhandelt Europa über die Flüchtlingsfrage

Fajis al-Sarradsch (l.), Premier der libyschen Einheitsregierung, wird vom italienischen Premier Paolo Gentiloni in Rom empfangen. Mit ihm verhandelt Europa über die Flüchtlingsfrage

Das Gebäude der Sammelstelle von Surman erscheint wie ein Haufen Zement mitten im Nirgendwo, obwohl es nur wenige Kilometer von Zawiya entfernt liegt. Die einzige Tür ist mit einem Vorhängeschloss verriegelt. In dem großen Raum ist der Geruch nach Schmutz und Enge unerträglich, die Frauen müssen sich mit dem Schlafen auf den schmutzigen Matratzen am Boden abwechseln. Ahmed, der Hausmeister, ist auch die einzige Wache. Er hat seit neun Monaten kein Gehalt mehr bekommen. "Wenn ich nicht bald bezahlt werde, öffne ich Schlösser und Tore, und alle können gehen." In den vergangenen Monaten sind allein drei Sammelstellen genau auf diese Weise aufgegeben worden. Ahmed weiß, dass die Flüchtlinge dann direkt zurück in die Hände der Schmuggler fallen. "Sollen die sich doch um sie kümmern."

Soldaten überprüfen Autofahrer im Zentrum von Tripolis. Außerhalb der Hauptstadt werden an illegalen Checkpoints oft Menschen entführt

Soldaten überprüfen Autofahrer im Zentrum von Tripolis. Außerhalb der Hauptstadt werden an illegalen Checkpoints oft Menschen entführt

Vier Frauen liegen mit ihren Neugeborenen auf dem Boden. Sie haben die Kinder hier zur Welt gebracht, ohne Hebamme, ohne Arzt. Niemand hat sie untersucht. Sie haben keine Milch, keine Windeln. Sie wickeln, in der Hitze des Augusts, Wolldecken um die winzigen Körper. Zwei Babys sind erkennbar unterernährt. Die Frauen erhalten nur eine Mahlzeit am Tag, meist Reis oder Pasta. Alle klagen über schmutziges Trinkwasser, sie müssen sich und ihre Kleidung aus Kannen waschen.

"Als sie im Sterben lag, versprach ich, dass ich mich um ihren Sohn kümmern werde"

Die Sammelstelle ist völlig überbelegt, wie alle anderen. Letzte Woche starb eine junge Nigerianerin, sie hatte vor einem Monat einen Sohn geboren. Sie nannte ihn Bright, der Helle. Um Bright kümmert sich heute Happiness; wie Hohn klingen ihre Namen. Die junge Frau reiste mit Brights Mutter durch die Wüste nach Libyen. Sie erinnert sich an den Durst und die Skelette am Wegesrand. "Als sie im Sterben lag, versprach ich, dass ich mich um ihren Sohn kümmern werde. Aber wie?", sagt Happiness. Sie wiegt das Baby und weint.

Viele Flüchtlinge würden sofort zurückkehren in ihre Heimat, wenn sie nur könnten. Und von Libyern selbst hört man auch genau dies: Lasst sie uns doch einfach an der Südgrenze absetzen, in der Mitte der Wüste. Dann müssten sie selbst weitersehen. Libyen kennt kein Asylrecht, keinen Respekt für Menschenrechte, weder in den offiziellen Sammelstellen noch in den illegalen Gefängnissen für Flüchtlinge.

Und auch nicht auf den Straßen für die Einheimischen.

Es gab eine Zeit, an die kann sich Yasin kaum erinnern, da hoffte er auf das Recht. Auf Demokratie. Auf Freiheit. Das war 2011, damals entkam er Gaddafis Häschern, nachdem er die ersten Bilder der Revolution verbreitet hatte. "Der Aufstand war eine Blase", sagt der ehemalige Geschichtslehrer heute: "Eine Illusion, aus der wir alle zu schnell erwacht sind. Jetzt sind die Milizen überall."

Einen großen Teil des Landes beherrscht General Chalifa Haftar (links). Hier bespricht er sich mit dem ägyptischen Präsidenten al-Sisi

Einen großen Teil des Landes beherrscht General Chalifa Haftar (links). Hier bespricht er sich mit dem ägyptischen Präsidenten al-Sisi

Yasin kommt aus Zawiya. Gerade fährt er auf einem Boot die etwas über 60 Kilometer nach Tripolis. Die Küstenstraße zu nutzen ist zu gefährlich, sie war für etwa zwei Jahre wegen ständiger Scharmützel rivalisierender Milizen gesperrt. Yasin ging früher oft an den Strand in Zawiya und fotografierte, wie die toten Flüchtlinge abtransportiert wurden, die das Meer zurückgebracht hatte. Die Fotos schickte er zu Freunden nach Europa, damit sie sehen, was vor seiner Haustür passiert. Vor einigen Monaten trat ein Mann am Strand an Yasin heran, 74 Leichen waren gerade geborgen worden. Der Mann nahm ihm die Kamera ab und zerstörte sie. Dann drohte er ihm mit dem Tod.

Yasin arbeitet als Sicherheitsmann für ausländische Firmen, dabei kann er noch nicht einmal sich selbst und seine Familie schützen. Bereits zweimal wurde er entführt, auf den Straßen stößt man immer wieder auf Checkpoints von Banden, an denen Menschen einfach verschwinden. Das zweite Mal hatte Yasin seinen kleinen Sohn dabei, noch nicht einmal ein Jahr alt. Seine Frau verkaufte das letzte Gold der Familie, um das Lösegeld zu bezahlen. Drei Tage war Yasin in den Händen der Entführer. Jetzt fährt er lieber mit dem Boot.

Ein falsches Wort – der sichere Tod

Yasin erzählt, während er auf die Wellen starrt. Er versucht, einem Europäer zu erklären, was kaum zu verstehen ist: das unfassbare Ausmaß der Korruption. Jeder Libyer darf im Monat nur 250 Dinar abheben, nicht mehr als 25 Dollar. Viel zu wenig bei der horrenden Inflation. Doch selbst diese kleine Summe Bargeld bekommt nur, wer die Milizen bezahlt. Die entscheiden, wer sich den Geldautomaten und Bankschaltern überhaupt nähern darf.

"Mein Freund arbeitete in einer Bank in Tripolis", sagt Yasin. "Er wollte Geld an alle ausbezahlen, nicht nur an die Alliierten der Milizen." Bankkunden hatten schon ihre Möbel verkaufen müssen, um Essen zu besorgen. Das habe Yasins Freund nicht dulden wollen. Darauf hielten ihm die Milizen eine Waffe an den Kopf, er wagte nicht mehr zu widersprechen. So sind alle Filialen der Banken in Tripolis in den Händen der Bewaffneten.

In einem solchen Land garantieren Flüchtlinge unkomplizierte Einnahmen, sie werden von Kriminellen als eine Art Bankautomat genutzt, jederzeit erpressbar oder weiterzuverkaufen. Und damit stellen sich die Fragen des Anfangs erneut: Warum bleiben die Schlauchboote derzeit dennoch in den Häfen? Für wie lange noch? Und zu welchem Preis?

"Die Schmuggler unterbinden die Abfahrten allein gegen Geld"

Mahmoud spricht leise, ein lautes Wort zu viel kann in Libyen den Tod bedeuten. Er ist ein Mann von Rang, ein Mann, der viele Einblicke hat, auch in wichtige Verhandlungen. Er trifft sich am Strand zwischen Zawiya und Sabrata, wo er arbeitet. Weit weg von indiskreten Augen und Ohren. Er sagt, alles in Libyen habe einen Preis. Und die Flüchtlinge seien eben das größte Geschäft im Land. "Wenn die Migranten nicht nach Europa übersetzen, dann verdienen die Schmuggler nicht. Setzen sie ihr Geschäft nun aus, nur weil das italienische Innenministerium die Rettungsschiffe der Hilfsorganisationen weiter weg ins Meer verbannt?" Nein, natürlich nicht, eine rhetorische Frage. "Die Schmuggler unterbinden die Abfahrten allein gegen Geld."

Im Surman-Gefängnis wechseln sich die Insassinnen auf den Matratzen ab. 250 leben hier in einem Raum

Im Surman-Gefängnis wechseln sich die Insassinnen auf den Matratzen ab. 250 leben hier in einem Raum

Und dann erzählt Mahmoud von einem klandestinen Treffen zwischen Agenten des italienischen Geheimdienstes und den Führern der Hauptmilizen von Zawiya und Sabrata. Fünf Millionen Dollar seien gezahlt worden. "Die Schmuggler werden die Abfahrten noch für einen Monat stoppen, vielleicht für zwei. Sie haben jetzt Geld verlangt und werden dies wieder tun. Es ist der Preis, den Europa zahlt, um keine Flüchtlinge aufzunehmen." Mahmoud schaut aufs Meer, Richtung Europa.

Anstelle von Gaddafi, sagt er dann noch, gebe es heute Hunderte kleine Gaddafis. Unter dem Diktator sei das Leben betäubt gewesen, ohne Freude, ohne süßen Geruch. "Heute, im Milizen-Regime, stinkt es nur noch."