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Flüchtlinge: Massenansturm auf Mayotte

Unter Lebensgefahr setzen viele illegale Einwanderer in Fischerkähnen vom nahen Madagaskar zur französichen Insel Mayotte über. Von 160.000 Einwohnern sind 60.000 Illegale. Und der Zustrom schwillt immer weiter an.

Heerscharen illegaler Einwanderer nutzen das großzügige französische Staatsbürgerrecht, um sich im Lande einzunisten. Schon stellen die Neuankömmlinge 40 Prozent der Bevölkerung. Schattenwirtschaft, Kriminalität und Unsicherheit machen sich breit. Doch der Zustrom schwillt immer weiter an. Genau so sei die Lage in seinem Wahlkreis, der Insel Mayotte im Indischen Ozean, erklärt der französische Abgeordnete Mansour Kamardine. Und der farbige Muslim nennt eine Lösung: Das französische Staatsbürgerrecht muss geändert werden.

Welle der Empörung

Genau das will der Minister für die Überseegebiete, François Baroin. Für Mayotte solle nicht mehr gelten, dass jeder Franzose werden könne, der auf französischem Boden geboren werde, sagte er. Der Vorschlag löste bei den Linken eine Welle der Empörung aus. Nun versuchte Premierminister Dominique de Villepin die Wogen zu glätten. "Es kommt natürlich nicht in Frage, das Recht des Bodens in unserem Land in Frage zu stellen", sagte er. "Es geht um eine Lösung für das Problem Mayottes." Doch was heißt "in unserem Land"?

Von 160.000 Einwohnern Mayottes sind 60.000 Illegale. Die Geburtsklinik in der Hauptstadt Mamoutzou ist mittlerweile mit 7500 Geburten im Jahr die größte Frankreichs. 80 Prozent der Babys stammen von illegalen Einwanderern. "Ganz ehrlich: Welche Region (in Europa) würde einen solchen Druck aushalten?", fragt Kamardine.

Viele illegale Einwanderer setzen in kleinen Fischerkähnen unter Lebensgefahr vom nahen Madagaskar oder von den Komoren über. So mancher kommt dabei um. Kamardine nennt das Seegebiet um das 374 Quadratkilometer große Archipel, das sich zwei Mal in Referenden gegen eine Loslösung von Frankreich aussprach, den "größten Friedhof des Indischen Ozeans". Einmal im Lande, schlagen sich die Männer mit Schwarzarbeit und Gelegenheitsjobs durch. Viele Frauen aber kommen, um ihre Kinder auf dem Fleckchen Frankreich zur Welt zu bringen.

Gentests gegen Scheinvaterschaften

In einem mafiös organisierten "Vaterschaftshandel" bezahlen die Frauen den Behörden zufolge Einheimische dafür, sich als Väter auszugeben. Damit werden ihre Babys gemäß dem Blutrecht automatisch Franzosen. Nach dem Boden-Prinzip werden sie auch wie Franzosen behandelt, aber erst mit 18 Jahren eingebürgert. Wegen der Scheinvaterschaften forderten Lokalpolitiker schon Gentests für alle Kinder. Während die Menschenrechtsorganisation SOS Racisme argwöhnt, die Regierung könne "den antirassistischen Konsens aufgeben", bemüht Kamardine die Geschichte, um Paris zum Handeln zu bewegen. Die armen Komoren versuchten mit dem Missbrauch des Einbürgerungsrechts, das relativ reiche Eiland zu "rekolonisieren". Schon als der Sultan von Mayotte die Insel 1841 an die Franzosen verkauft habe, sei dies geschehen, um Mayotte vor einer komorischen Invasion zu schützen.

Hans-Hermann Nikolei/DPA / DPA