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Flüchtlingsinsel Lampedusa "Sie kennen die Zahlen. Wir kennen die Leichen"


Mehr als hundert Flüchtlinge starben beim jüngsten Unglück vor Lampedusa, Tausende harren auf der Insel aus. Im Juli sprach der stern mit Bürgermeisterin Giusi Nicolini über die Problematik.

Immer wieder ertrinken, erfrieren, ersticken Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Beim jüngsten Unglück am Donnerstag starben über hundert Menschen, als ein Boot vor der italienischen Insel Lampedusa kenterte. 200 Menschen werden immer noch vermisst. Hoffnung, noch Überlebende zu finden, haben die Rettungskräfte aber kaum.

Die Bürgermeisterin der Insel, Guisi Nicolini, sagte anlässlich der Katastrophe: "Es ist ein Horror. Sie bringen immer weitere Leichen." Seit Mai 2012 ist die 52-Jährige Bürgermeisterin jener italienischen Insel im Mittelmeer, die zum Symbol dafür wurde, wie afrikanische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa ums Überleben kämpfen. Ein Kampf, der für Giusi Nicolini zum Alltag gehört.

Bereits im Juli sprach der stern mit Nicolini über die seit Jahren anhaltende Flüchtlingsproblematik. Sie klagt an: die Gleichgültigkeit, mit der den Flüchtlingen - lebend oder tot - begegnet wird.

Frau Nicolini, Sie sind jetzt seit über einem Jahr die Bürgermeisterin von Lampedusa...

... von Lampedusa und Linosa. Wir haben zwei Inseln. Lampedusa ist die größere.

Wie viele Flüchtlinge haben Sie in Ihrer Amtszeit bisher beerdigt?

23 Menschen, die wir bergen und beerdigen konnten. Von ihnen sind 21 auf hoher See ertrunken, ihre Körper waren kaum noch zu erkennen. Die letzten zwei sind auf einem Schlauchboot an Unterkühlung gestorben. Die Menschen treiben oft tagelang in nasser Kleidung auf dem Meer. Wer schwach ist, überlebt das nicht. Daher ist Unterkühlung eine häufige Todesursache.

Die Menschen kommen in Schlauchbooten über das Meer?

Ja, sicher, auch. Oder in kleinen Motorbooten. Dann sind die Toten mit an Bord, so wie 2011, als 25 Menschen unter Deck erstickt waren. Das kennen Sie vermutlich aus den Nachrichten. Die Zahlen, meine ich. Wir kennen die Leichen. Junge Männer, Frauen, Kinder.

Was geschieht mit den Toten?

Ich versuche herauszufinden, wer sie waren. Oft sind Verwandte oder Freunde mit an Bord, manchmal der Stammesführer.

Diese Plexiglasschilder, die Sie in Ihrem Büro stehen haben...

Das sind Gedenktafeln. Die bringe ich auf ihren Gräbern an. Wir sind eine kleine Insel, es ist bei uns üblich, der Toten zu gedenken. Wenn ich den Namen der Verstorbenen nicht weiß, schreibe ich das Geschlecht dazu, das Alter und vor allem die Todesumstände. Es kommt ja kaum jemand hierher, um das Grab eines Flüchtlings zu besuchen. Aber wenigstens diejenigen, die das lesen, sollen wissen, wie der Mensch zu Tode kam.

"Geboren in Somalia, 1992" steht auf diesem Schild hier.

Ja, dahinter ist noch eines. Der eine Somalier konnte von seinem Cousin identifiziert werden, der mit an Bord war, einem Jungen, 16 Jahre alt. Der andere wurde von seinem Stammesführer identifiziert. Von ihm haben sich auch Verwandte gemeldet. Seine Tante, die ihn wie einen Sohn großgezogen hat. Sie wartete in London auf ihn. Nun wird sie nur noch sein Grab sehen. Das ist hart, nicht wahr? Das überschreitet eine mentale Grenzlinie.

Was meinen Sie damit?

Diese Menschen sind gestorben, hier bei uns. Gestorben, bei dem Versuch, unsere Küsten zu erreichen. Wenn man auf einer Insel im offenen Meer lebt, dann weiß man um die Gefahren auf hoher See. Lampedusa ist eine Rettungsboje. Ein Floß, auf dem Schiffbrüchige sich ausruhen und Kraft schöpfen können. Das war schon immer so, das gehört zu unserer Geschichte und zu unserem Selbstverständnis. Es ist traurig und schmerzhaft, wenn jemand das rettende Ufer nicht erreicht.

Aber wenn täglich mehrere Hundert ...

Moment! Ich bin noch nicht fertig. Und ich weiß auch schon, was Sie sagen wollen.

Ja?

Ja. Die Flüchtlingsströme, die Massen, die hier anlanden, und wie wir mit dieser Invasion von Menschen umgehen. Richtig?

Na ja, ich würde es nicht "Invasion" nennen.

Aber so nennt es das Fernsehen oft genug. Wenn in den Nachrichten darüber berichtet wird, dass wieder so und so viele Flüchtlinge auf Lampedusa gelandet seien, dann ruft das ein bestimmtes Bild hervor. Dabei stimmt das gar nicht. Die meisten schaffen es gar nicht bis zur Küste. Sie senden SOS von hoher See, wenn sie noch viele Seemeilen entfernt sind, sie werden auf dem Meer von unseren Küstenwachen aufgenommen. Es sind also keine "Landungen", sondern Rettungsaktionen. Aber die Schlagzeile heißt trotzdem: "In der Nacht sind 500 auf Lampedusa gelandet". Zwei Tage später: "300 auf Lampedusa gelandet". Es wird von "Flüchtlingsschwemme" geredet. Es wird mit Zahlen herumgeworfen, die Angst machen sollen, 500, 300, 400 ... Als wäre das Ganze eine Naturkatastrophe. Etwas Bedrohliches. Etwas Vorübergehendes. Beides ist falsch. Es kommen Männer, Kinder, Frauen. Viele Schwangere. Jeder von ihnen hat eine Geschichte. Hat Unglück und Leid hinter sich gelassen. Die Berichterstattung nimmt ihren Schicksalen das Menschliche.

Sie sind wütend.

Wütend? Eher fassungslos. Die meisten Menschen, die über Lampedusa nach Europa kommen, haben ein Recht auf Asyl. Und zwar in jedem europäischen Land, das die Konvention zum Schutz der Menschenrechte unterschrieben hat. Das sind keine Wirtschaftsflüchtlinge. Dass sich bei uns auf der Insel die illegale Einwanderung konzentriert, ist eine große Lüge. Wenn ich wütend bin, dann deswegen. Weil es eine große Dummheit ist, zu denken, dass man Immigration stoppen müsse. Oder könne. Migration ist normal. Es hat sie immer gegeben, bei Vögeln, bei Walen, bei Menschen. Tiere verlassen eine Region, wenn es zu warm ist oder zu kalt. Wenn sie nicht überleben können. Warum sollten Menschen das nicht tun?

Im November 2012 haben Sie einen offenen Brief an Europa geschrieben. Sie werfen den europäischen Staaten Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Flüchtlinge vor.

Ja. Und Gleichgültigkeit uns gegenüber. Den Brief habe ich geschrieben, als die Aufnahmelager wieder einmal überfüllt waren und niemand wusste, wohin man die Leute verlegen sollte. Derzeit sind bei uns 500 Flüchtlinge im Aufnahmelager, sie schlafen auf Matratzen auf dem Boden, das Lager ist voll. Theoretisch werden sie auf andere Lager verteilt, aber das geschieht oft sehr langsam. Wenn die Verweildauer bei uns zu lang und es in den Lagern zu eng wird, kann man für die Sicherheit der Menschen nicht garantieren.

Es kam schon zu Bränden, zu Aufständen.

2009 wurde Lampedusa zum Schauplatz für die Politik der Abschottung. Und es dauerte zwei Jahre, bis der Europäische Gerichtshof dieses Vorgehen verurteilte. Auch das macht mich wütend. Bis 2011 gab es hier ein Identifikations- und Ausweisungszentrum. Dort kamen alle als illegal eingestuften Einwanderer hin, meist Nordafrikaner. 1500 Tunesier waren in einem Lager, das für 800 Menschen vorgesehen war. Zwei Monate saßen sie dort fest und wussten, dass sie in jedem Fall ausgewiesen werden. Insgesamt waren mehr als 10 000 Nordafrikaner auf Lampedusa. Dann ist die Situation eskaliert, kein Wunder. Und wir erlebten, dass wir alle im selben Boot saßen: Die Flüchtlinge wurden hängen gelassen. Und wir auch.

Wie viele Menschen leben hier?

Linosa hat 500 Einwohner und Lampedusa 5800.

Und was meinen Sie, wenn Sie sagen, dass die Lampedusaner und die Flüchtlinge im selben Boot sitzen?

Ich meine eine Politik, die nicht solidarisch gegenüber den Migranten ist, aber eben auch nicht solidarisch gegenüber den Menschen, die in den von Immigration betroffenen Landstrichen leben. Ich bin hier geboren, für mich ist diese Insel einer der schönsten Plätze der Welt. Wir bemühen uns, die Natur zu erhalten. Bei uns finden Meeresschildkröten Schutz, die vom Aussterben bedroht sind.

Unser Strand wurde gerade zu einem der schönsten Europas gewählt. Unser Meer hat eine Farbe ... dieses Türkis, das ist einzigartig. Und die Tiere hier draußen, so weit ab vom Festland, das ist anders. Mysteriös, ursprünglich. Ich halte es für gravierend ungerecht, ein Naturparadies wie Lampedusa zu opfern für politische Entscheidungen, die keine Probleme lösen. Wir leben hier. Unsere Insel ist eine Brücke für Menschen, die nach Europa wollen. Und nicht das "Guantánamo des Mittelmeers".

In Ihrem Brief sprechen Sie von "Europas Schande". Von einer Einwanderungspolitik, die Menschenopfer in Kauf nimmt und abschrecken will. Wie haben die EU-Politiker auf Ihre Vorwürfe reagiert?

Gar nicht.

Gar nicht?

Nein, es gab nicht eine einzige Reaktion von EU-Politikern. Also, ich hätte gedacht, dass jemand von der Europäischen Union sagt: "Na, die ist ja total verrückt, da fahren wir jetzt mal hin und schauen, was die will." War aber nicht so.

Stattdessen kam Papst Franziskus.

Das war ein historischer Besuch. Der neue Papst wandte sich an Europa und Afrika zugleich, er hob den Schleier, der bislang die Toten im Meer bedeckt hat und den Menschenhandel, der vom demokratischen Europa toleriert worden ist. Die Geste von Bergoglio wird hoffentlich den Blick vieler Menschen auf dieses Drama verändern. Wobei: Ich habe schon vorher sehr viele Briefe von ganz normalen Leuten bekommen. Vor allem von Frauen, aber auch von Schülern und Studenten, von Künstlern und Intellektuellen.

Was haben die geschrieben?

Gar nicht viel, einige waren sehr bestürzt, aber ich konnte vor allem eine große Anteilnahme spüren. Obwohl ich ja nur Dinge sage, die mir selber banal vorkommen: dass Menschen sterben, das ist eine Tatsache und geschieht seit Jahren. Dass wir die Flüchtlinge menschenwürdig aufnehmen müssen. Es ist doch idiotisch, dass wir enorm viel Geld und Rettungskräfte einsetzen, um die Menschen an Land zu holen - und dann sperren wir sie zu Tausenden in ein Lager, das nur für 500 Platz hat.

Was würden Sie machen? Wie soll man das Problem lösen?

Die Frage ist schon falsch. Flüchtlinge werden immer kommen - so gesehen gibt es keine Lösung, zumindest keine, die das verhindert. Wer Flüchtlinge abweist, versteht nicht, dass die Ersparnisse, die von Immigranten in ihr Herkunftsland geschickt werden, dazu beitragen, die Situation dort zu verbessern - und eine weitere Auswanderungswelle zu verhindern. Ein Mensch, den wir hier beschäftigen, ernährt sechs weitere. Abgeschottete Grenzen verhindern die Einwanderung nicht. Sie vermehren nur das Heer der Illegalen, die sich verstecken müssen. In Wahrheit profitiert bei uns der verfaulte Teil der italienischen Wirtschaft von den illegalen, billigen Arbeitskräften, vor allem auf dem Bau.

Von außen wird Lampedusa als Bollwerk wahrgenommen. Verletzt Sie das?

Ja. Es ist ungerecht. Eine kleine Insel von 20 Quadratkilometern kann nicht Europas Außengrenze sein. Mein Appell an Europa und an die öffentliche Verwaltung zielt darauf ab, das Aufnahmeverfahren zu ändern. Im Aufnahmelager muss jeder ungeachtet seines Rechtsstatus versorgt werden. Das ist wichtig für Lampedusa, für mich als Bürgermeisterin, für die Bewohner der Insel: Die Menschen, die hier ankommen, sind Schiffbrüchige. Ihnen muss geholfen werden. Sie bekommen Kleider, Medizin, Essen. Dann müssen sie auf das Festland verlegt werden, weil neue Schiffbrüchige ankommen.

Was denken die Leute darüber, die hier leben? Wie sieht das Zusammenleben im Alltag aus?

Die Frage habe ich mir nie gestellt. Ich bin zwar die Bürgermeisterin, aber in erster Linie eine Frau aus Lampedusa. Wenn man hier aufwächst, ist die Rettung der Schiffbrüchigen selbstverständlich, etwas, das wir alle mit Stolz vertreten. Was den Bewohnern missfällt, ist, dass sie befürchten müssen, nicht mehr auf ihrer Insel leben zu können, weil das europäische Festland die Aufnahme der Flüchtlinge verweigert oder verzögert. Wenn sie von der Politik allein gelassen werden...

... wenn der Tourismus unter den Schreckensmeldungen leidet?

Oder ganz einknickt, wie 2011. Tourismus ist unsere wichtigste Einnahmequelle, seit der Fischfang dem sicheren Tod entgegengeht. Trotzdem haben wir einen geschützten Strand durchgesetzt, den wir nicht dem Massentourismus opfern. Wir überleben ohne jede Hilfe, ohne Subventionen vom Festland. Zwar oft improvisiert und manchmal auch illegal, aber aus eigener Kraft. Die Menschen hier sind sehr stark. Es gibt ja noch nicht einmal ein Krankenhaus auf der Insel. Wer krank ist, muss nach Sizilien und bekommt keine Fahrtkosten bezahlt. Wer sehr krank ist, muss sein Haus verkaufen, damit er zwei, drei Jahre länger leben kann.

Woher kommt Ihr Kampfgeist?

An einem Ort wie diesem ist Druckmachen die einzige Chance. Im Süden geht es nicht anders. Mein Vater hat dagegen gekämpft, dass die Insel von Investoren und Spekulanten kolonialisiert wird. Wie diese Insel geschützt werden muss, habe ich schon im Elternhaus gelernt. Kasten: gut zu wissen Grenzen und Gesetze Die Flüchtlinge Aufgrund seiner Nähe zu Afrika ist Lampedusa seit Jahren eines der Hauptziele von Migranten aus Afrika, ebenso wie die Kanaren, Malta, die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta bei Marokko oder die griechische Grenze zur Türkei. Mit den Umbrüchen in Nordafrika hat sich die Situation auf Lampedusa verschärft. Mehrere Hundert Menschen kommen jedes Jahr bei der Überfahrt im Mittelmeer ums Leben. Die Migranten, oft gut ausgebildet, haben eine Odyssee hinter sich. Routen führen etwa über die malische Stadt Gao oder über Agadez im Niger. Ihre Rechte Seit 2003 legt das "Dublin II"-Abkommen fest, dass nur noch das Land für einen Flüchtling zuständig ist, in dem dieser erstmals Europa betreten hat. In Italien anerkannte Asylsuchende dürfen unter Umständen zwar weiterreisen, haben aber etwa in Deutschland kein Bleiberecht. Die Behörden können sie ohne weitere Prüfung zurückschicken.

Luisa Brandl und Andrea Ritter print

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