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Folterskandal: Bilder aus "Spaß" gemacht

Seit dem Folterskandal von Abu Ghoreib steht sie am Pranger der Weltöffentlichkeit. Lynndie England zeigte bisher wenig Schuldbewusstsein, nun entscheidet eine Militärkommission über ihre Zukunft.

Die Häftlinge im irakischen Gefängnis von Abu Ghoreib sind nach Angaben eines US-Militärermittlers von den Soldaten "aus Spaß" und nicht auf höheren Befehl misshandelt worden. Das sagte der US-Offizier Paul Arthur nach US-Medienberichten am ersten Tag einer Anhörung der US-Soldatin Lynndie England vor einer Militärkommission in Fort Bragg (North Carolina). Die Kommission muss entscheiden, ob sich England vor einem Militärgericht verantworten muss.

Der Soldatin drohen bis zu 38 Jahre Gefängnis

Nach Angaben von Militärermittler Arthur hat England ausgesagt, dass die Bilder mit nackten Häftlingen "nur aus Spaß" gemacht worden seien. "Sie (die Soldaten) haben nicht gedacht, dass es etwas Ernsthaftes sei (...) Sie haben herumgealbert", sagte der Offizier. Nach Angaben des Militärermittlers Warren Worth hatte England gegen die Aufnahme der Bilder auch keinerlei Einwände gemacht.

Der im siebten Monat schwangeren Soldatin drohen nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN im Falle eines Schuldspruchs bis zu 38 Jahre Gefängnis. Außer England müssen sich noch sechs weitere US-Soldaten in dem Misshandlungsskandal verantworten. Einer von ihnen bekannte sich bereits schuldig und erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.

Anhörung über mehrere Tage

England erschien am Dienstagmorgen in Armeeuniform vor dem Gebäude auf dem Stützpunkt Fort Bragg. Die Anhörung ist auf mehrere Tage angesetzt. Sollte die Kommission den Fall an ein Militärgericht verweisen, rechnen Rechtsexperten mit einem Prozess frühestens in diesem Herbst.

Englands Verteidiger wollen geltend machen, dass die Soldatin lediglich Befehle befolgte. Sie sei angewiesen worden, für die Bilder zu posieren. Damit sollten andere Gefangene eingeschüchtert werden, und die Taktik sei auch erfolgreich gewesen. Englands Verteidiger glauben, dass die junge Frau zum Sündenbock gemacht werden soll.

Fotos erzeugten weltweiten Abscheu

Die Fotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghoreib, die England bei der Misshandlung irakischer Gefangener zeigen, haben weltweit Abscheu ausgelöst. Sollte es noch Sympathien für die junge Frau (21) gegeben haben, die vielleicht im Chaos von Abu Ghoreib den menschlichen Anstand verlor, hat England sich diese mit ihrem trotzigen Blick und einem Fernsehinterview, in dem sie alle Schuld von sich wies, verscherzt.

Sie habe schließlich nur Befehle befolgt, sagte England im Mai, und zeigte keine Reue. Ein paar Mal grinste sie. Es sei ihr schon mulmig gewesen, doch habe sie nicht das Gefühl gehabt, etwas "Ungewöhnliches" zu tun. Was England tat, ist auf den Fotos zu sehen: So hielt sie einen am Boden liegenden nackten Gefangenen an einer Hundeleine, deutete lächelnd und mit einer Zigarette im Mundwinkel auf die Genitalien eines anderen und posierte mit ihrem Freund Charles Garner vor Gefangenen, die nackt übereinander lagen.

Junge Soldatin aus einer typischen amerikanischen Kleinstadt

Wie die junge Soldatin England aus einer typischen amerikanischen Kleinstadt in solche Abgründe rutschen konnte, haben zahlreiche Psychologen und Reporter zu ergründen versucht. Keiner hat bislang eine Antwort gefunden.

England wuchs in dem kleinen Nest Fort Ashby in West Virginia auf. Das Geld war knapp, die Familie lebte zeitweise in einem Wohnwagen. Dem Kleinstadtmief und der Perspektivenlosigkeit trotzte England nach Angaben von Klassenkameraden schon zu Schulzeiten mit einer großen Klappe. Armeestiefel und militärische Tarnkluft waren ihre bevorzugte Bekleidung.

"Sie wollte die große weite Welt sehen"

In der Armee sah England die große Chance, der deprimierenden Umgebung zu entfliehen. Sie wollte die große weite Welt sehen, sagte ihre Mutter Terrie in einem Zeitungsinterview, und sich von der Armee zur Meteorologin ausbilden lassen. Sie meldete sich noch in der High School zur Reserve, um einem dreckigen Job in einer Hühnerfabrik zu entfliehen. Nach dem Schulabschluss jobbte sie im Supermarkt. Aus einer Laune heraus heiratete sie einen Kollegen, doch ging die Beziehung schnell in die Brüche.

Englands Freunde aus Fort Ashby waren entsetzt, als der Misshandlungsskandal ans Licht kam und England weltweit zum Inbegriff des Abscheus wurde. "Lynndie ist nicht so, wie man annimmt, wenn man die Bilder sieht", sagte ihre Freundin Destiny Gloin im US-Fernsehen. "Ich liebe sie und schäme mich ihrer nicht." Ihre Eltern versuchten, das Bild ihrer Tochter in der Öffentlichkeit mit netten Familienschnappschüssen zu korrigieren.

"Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort"

England hatte mit einem Bürojob bei der Armee gerechnet. Stattdessen fand sie sich im Februar vergangenen Jahres im Irak wieder. Ihre Einheit sollte eigentlich die Verkehrspolizei unterstützen, doch landete sie als Gefangenenbewacherin in Abu Ghoreib. "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte sie ihrer Mutter in einem Telefongespräch. England ist schwanger und erwartet in diesem Sommer ein Baby von ihrem Freund Charles Garner. Garner gilt als Anführer der Misshandler von Abu Ghoreib und ist ebenfalls angeklagt.

Auch gegen dänische Soldaten laufen Ermittlungsverfahren

Unterdessen wurde am Dienstag bekannt, dass auch mehrere dänische Soldaten im Verdacht der Gefangenenmisshandlung im Irak stehen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kopenhagen sagte, gegen die Soldaten liefen Ermittlungsverfahren. Verteidigungsminister Søren Gade beorderte die Kommandeure des dänischen Truppenkontingents nach Dänemark zurück. Dänemark hat rund 500 Soldaten im Irak stationiert

Christiane Oelrich / DPA / DPA
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