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Washington Memo: Wie Amerika mit der Irak-Lüge lebt

Es ist ein Krieg, der mit einer Lüge begann, viele Menschenleben kostete, eine Region ins Chaos stürzte und Amerikas Ansehen in der Welt beschädigte. Fünf Jahre nach dem Beginn des Irak-Krieges versuchen viele Amerikaner nun, den Konflikt hinter sich zu lassen. Nur einer hält den Angriff immer noch für einen strategischen Sieg.

Von Katja Gloger, Washington

Einmal in der Woche sitzt Lawrence Wilkerson im Kellerraum eines kleinen Gebäudes der George Washington Universität. Dort unterricht der ehemalige Oberst der US-Armee eine Gruppe Studenten in Politik. Sein Unterricht ist praxisnah - und seine Lektionen, weiß er, ziemlich ernüchternd. Denn Lawrence Wilkerson arbeitete vier Jahre lang als Stabschef von US-Außenminister Colin Powell. Er erlebte hautnah, wie die Bush-Regierung den Irak-Krieg plante.

Lawrence Wilkerson hatte auch die undankbare Aufgabe, jene unheilvolle Rede zusammen zu stellen, die sein Chef Colin Powell am 5. Februar 2003 vor den Vereinten Nationen halten musste. Diese Rede würde später als Kriegslüge in die Geschichte eingehen - denn innerhalb weniger Monate würde sich herausstellen: alle Fakten, vom Geheimdienst CIA geliefert, die Colin Powell über die angeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein und seine angeblichen Verbindungen zu Al-Kaida-Terroristen anführte, waren falsch.

Die Amerikaner glaubten an Powell

Die angeblichen harten Beweise beruhten bestenfalls auf Indizien. "Wir wurden von unserem Geheimdienst, aber auch von unserer politischen Führung getäuscht", sagt Wilkerson heute. "Doch für Bush und Cheney erfüllte die Rede ihren Zweck: die Amerikaner glaubten daran. Und zwar nicht wegen ihres Inhaltes, sondern weil Colin Powell sie vorgetragen hatte. Amerikas hoch geachteter Soldat, der Mann, dem das ganze Land vertraute."

Nach dieser Rede war der Weg in den Krieg frei. In einen Krieg, den Bush längst entschieden hatte. Noch heute packt Oberst Wilkerson die Wut, wenn er daran denkt, wie er manipuliert und benutzt wurde.

Viele Amerikaner fühlen sich betrogen

Wie Oberst Wilkerson fühlen sich viele Amerikaner heute von ihrem Präsidenten betrogen und hinters Licht geführt. Und die meisten Amerikaner möchten den Präsidenten und seinen Krieg jetzt am liebsten hinter sich lassen. Aber am liebsten ohne das Gefühl der schmählichen Niederlage. So zeigen Meinungsumfragen: zwar glaubt die Mehrheit der Amerikaner, dass der Krieg ein Fehler war und Amerika enormes Ansehen in der Welt gekostet hat. Zugleich aber glauben mittlerweile 43 Prozent der Befragten, dass dieser Krieg jetzt erste Erfolge zeigt - schließlich kommen im Moment nur noch wenige Schreckensnachrichten aus Bagdad. Und so werden auch die Forderungen nach einem sofortigen Truppenabzug leiser. Nach einer Umfrage des Pew-Institutes sind 47 Prozent heute dafür, die amerikanischen Truppen so lange im Irak zu lassen, bis sich die Lage einigermaßen stabilisiert habe.

Und so wird der 5. Jahrestag des Kriegsbeginns in dieser Washingtoner Frühlingswoche merkwürdig leise begangen. Massenproteste in der Hauptstadt, eine Friedensbewegung? Gar nicht dran zu denken. Ein paar Kriegsgegner versammeln sich, darunter auch die "Friedensbrigade der Omas", Großmütter, die für den Frieden stricken. Andere wollen das US- Finanzministerium blockieren, um so gegen Kriegsprofiteure zu protestieren. Außerdem plant man eine symbolische Folter-Demonstration vor dem Weißen Haus. Immerhin.

Pentagon statt Oval Office

Und der Oberbefehlshaber? Der Mann, der mit diesem Krieg die Fackel der Freiheit in die Welt tragen und sich ("Mission accomplished") in den Geschichtsbüchern verewigen wollte? Er hat gerade mal einen Termin zum Thema in seinem offiziellen Kalender: eine Rede über den Krieg gegen Terror- die meisten Beobachter kennen sie schon auswendig. Darin will er verkünden, dass seine Truppenerhöhung die Tür zu einem "strategischen Sieg im Krieg gegen den Terror" eröffnet hat. Schon vor ein paar Tagen hatte er in einer Rede trotzig wiederholt, was er seit Jahren sagt: "Die Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, war die richtige Entscheidung früh in meiner Amtszeit; sie ist zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung; und sie wird für immer die richtige Entscheidung bleiben."

Und als kameragerechte "location" für diese Botschaft hat er sich dafür nicht etwa das Oval Office oder eines der von Gattin Laura gerade so schön renovierten Zimmer im Weißen Haus ausgesucht, aus denen er sonst so gerne zur Nation spricht. Er geht vielmehr ins Pentagon, ins Verteidigungsministerium, die fünfeckige, düstere Festung auf der anderen Seite des Potomac. Auf Visite in die chaotische Region hat er seinen Vize geschickt. Richard Cheney, von vielen als entscheidender Kriegstreiber gefürchtet, meldete aus Bagdad begeistert eine "bedeutende Wende" in der Sicherheitslage des Landes. Die "surge", die Truppenerhöhung um 30.000 Mann, funktioniere. Das war der Washington Post gerade mal eine pflichtschuldige Meldung auf Seite zehn wert.

"Lieber verliere ich einen Wahlkampf als einen Krieg"

Auch John McCain war auf Tour. Der ehemalige Kriegsgefangene und jetzige Präsidentschaftskandidat der Republikaner beendete gerade seine "Faktenfindungs-Mission" im Irak. Auch er meldet Erfolge. Und die braucht er dringend, wenn er Präsident werden will. Schließlich hat John McCain den Krieg von Anfang an unterstützt. Und sein Versprechen lautet: "Lieber verliere ich einen Wahlkampf als einen Krieg." Dieser Slogan kommt an bei seinen Wählern - jedenfalls besser als seine kruden Ideen zur Rettung der Wirtschaft.

Erste Irak-Ermattungserscheinungen zeigten sich hingegen bei den beiden demokratischen Bewerbern um den Job im Weißen Haus. Hoffnungsträger Barack Obama musste sich nach Kritik an provozierenden Äußerungen seines Pastors in gewohnt historischer Dimension über das Rassenproblem im Land äußern und wiederholte ansonsten, dass er den Großteil der Truppen innerhalb von 16 Monaten aus dem Irak abziehen werde. Wohlgemerkt: den Großteil der Truppen, nicht alle. Und Senatorin Hillary Clinton nutzte die Gelegenheit, den Wählern noch einmal einzuhämmern, dass sie den Job des Oberbefehlshabers sofort antreten könne. Sie werde innerhalb von 60 Tagen mit dem Truppenabzug beginnen - der ziehe sich dann allerdings bis zum Jahr 2013. "I'm ready on day one", sagte sie allein gestern wahrscheinlich mehr als ein Dutzend Mal. Ob sie damit für die Vorwahlen wirklich vergessen machen kann, dass sie vor fünf Jahren für den Krieg stimmte?

Der Irak scheint weit weg

Doch im Moment haben die Menschen andere Sorgen als den scheinbar so fernen Krieg. Die nicht endende Immobilienkrise. Der fallende Dollar. Die dramatischen Entwicklungen an der Wall Street. Rezessionsfurcht. Der ständig steigende Ölpreis. Schon kostet das Benzin an die vier Dollar pro Gallone - es ist so teuer wie nie. Da mochte George W. Bush vergangene Woche noch so sehr versichern, dass man die Lage "unter Kontrolle" habe und dass der Rest der Welt eigentlich nur "neidisch" auf Amerikas erfolgreiches Wirtschaftsmodell blicke. "In Zeiten der Krise würden wir gerne sehen, dass unser Präsident wenigstens erfolgreich so tut, als ob er alles im Griff habe", entfuhr es da einer wütenden Kommentatorin der New York Times.

Der Irak scheint weit weg in diesen Tagen. Die Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Monaten gebessert, weniger US-Soldaten sterben. Doch niemand weiß, wie lange dies anhält. Immer noch steht das Land am Rande des Bürgerkrieges, keines der wirklich wichtigen Gesetze ist verabschiedet, die Unterstützung der Sunniten hat sich die US-Armee mit Millionen Dollar erkauft. 2000 Anschläge zählt man im Monat, mindestens 180.000 tote Iraker, 2,1 Millionen Flüchtlinge im Ausland, noch einmal so viel innerhalb des Irak. Dazu rund 4000 gefallene US-Soldaten, Zehntausende Schwerverwundete. Und die finanziellen Kosten des Krieges summieren sich zurzeit auf schockierende 3000 Milliarden Dollar. Dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei.

"Hybris", "Fiasko", "Zustand der Verdrängung"

Unterdessen sezieren die Experten die letzten noch unbekannten Details. Viele dicke Bücher sind in den vergangenen Jahren geschrieben worden, ausgezeichnete Studien, und sie tragen Titel wie "Hybris", "Fiasko" oder "Zustand der Verdrängung" und sie zeigen, wie blind und wie arrogant und wie verlogen die US-Führung in diesen Krieg zog, wie wild entschlossen man war, am Irak und seinem Diktator Saddam Hussein ein Exempel für eine neue Außenpolitik der USA zu statuieren und wie beharrlich man Warnungen überhörte oder verdrängte. Doch in diesen Tagen ist noch einmal die Rede von einem gewissen Paul Bremer III. Der ehemalige Statthalter der USA in Bagdad hatte noch 2003 zwei unheilvolle Entscheidungen getroffen - erst hatte er Saddams Baath-Partei verboten und dann auch noch die irakische Armee per Federstrich aufgelöst. Zehntausende Soldaten wurden über Nacht entlassen - und gingen in den Untergrund. Es war eine der wichtigsten, eine der verhängnisvollsten Entscheidungen dieses Krieges - aber niemand will sie getroffen haben.

Denn bis heute weiß angeblich niemand, auf wessen Weisung Paul Bremer damals handelte. Präsident Bush jedenfalls wurde auf einer Sitzung am 22. Mai 2003 von dem bevorstehenden Dekret schlicht in Kenntnis gesetzt. Als die damalige Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice erstaunt nachfragte, beschied man ihr, die Entscheidung sei eben schon gefallen. Sie fügte sich. Und Paul Bremer selbst kann sich angeblich nicht mehr erinnern, wer diesen unheilvollen Vorschlag gemacht habe. Er habe Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unterstanden, sagt er. Und Rumsfeld? Der Mann, der die Armee nach vier Monaten aus dem Irak abziehen wollte? Er wird in diesen Wochen gerne mit Ehrenmedaillen geehrt.

Die Entscheidung war richtig, die Ausführung falsch

Die damaligen Akteure nutzen die Atempause, die Guum den konservativen Gegenangriff zu starten. So schreibt der neokonservative Vordenker Richard Perle: " Die Entscheidung für den Krieg war richtig. Doch dann hätten wir das Land den Irakern übergeben müssen. Aber wir stolperten in eine Besatzung." Sein Freund, der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister Douglas Feith wiederum hat gleich ein ganzes Buch geschrieben. "Krieg und Entscheidung" heißt es, vor einigen Wochen stellte er es vor ausgewählt konservativem Publikum vor. Auch seine These: Die Entscheidung war richtig, die Ausführung falsch. Die Schuld haben eben Andere. Dabei war er mitverantwortlich für Nachkriegsplanungen. Ein Zuhörer in der ersten Reihe nickte wohlgefällig: Paul Wolfowitz, auch er damals einer der Kriegstreiber Pentagon, stellvertretender Verteidigungsminister, der von Bush später mit dem Posten des Weltbank-Direktors belohnt wurde. Gerne nahm er Huldigungen entgegen, kaute dazu an seinen Fingernägeln. Auf Fragen wollte Paul Wolfowitz nicht antworten.

Doch dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei, schon gar nicht für Präsident Bush. Bald schon will eine liberale Bürgerorganisation einen Bus durch Amerika schicken. "Die Hinterlassenschaft von Bush" soll er heißen und über die bitteren Wahrheiten der Präsidentschaft informieren. In diesem Bus sollen auch die Kampfstiefel eines gefallenen US- Soldaten ausgestellt werden. Der Erinnerungs-Bus soll monatelang durch das Land rollen.

Hoffentlich wird das Benzin in dieser Zeit nicht noch teurer.