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Lynndie England: "Sie folterte aus Liebe"

Knapp zwei Jahre nach den Misshandlungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghreib hat ein neuer Prozess gegen die Soldatin Lynndie England begonnen. Ihre Verteidigung versucht es diesmal mit einer neuen Taktik.

Knapp zwei Jahre nach den Gefangenenmisshandlungen im US-Militärgefängnis von Abu Ghreib bei Bagdad hat ein neuer Prozess gegen die US-Soldatin Lynndie England begonnen. Zum Auftakt des Militärverfahrens am Mittwoch in Fort Hood (Texas) wurde eine fünfköpfige Geschworenenjury aus Offizieren gewählt, danach hielt Ankläger Steven Neill sein Eröffnungsplädoyer.

Von ihren Anwälten wurde die Angeklagte als übermäßig gefolgsam dargestellt. Die 22-Jährige sei dazu verführt worden, auf Fotos mit irakischen Gefangenen zu posieren, sagte ihr Anwalt Jonathan Crisp in seinem Eröffnungsplädoyer vor einem Militärgericht in Fort Hood im US-Bundesstaat Texas. Die Fotos hatten weltweit für Empörung gesorgt. England habe sich aus Liebe und Vertrauen zu ihrem 14 Jahre älteren Vorgesetzten und Liebhaber, Charles Graner, derart verhalten. "Was für sie zählte, war die Beziehung zu Graner", sagte Crisp. "Sie denkt: Ich liebe ihn, er liebt mich, er wird nichts tun, was mir wehtun könnte." England selbst sagte kaum etwas während der Sitzung.

England drohen bis zu elf Jahren Haft

Sollte England in allen sieben Anklagepunkten für schuldig gesprochen werden, drohen ihr bis zu elf Jahre Haft. Graner, der mit England ein Kind hat, wurde bereits zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach Antritt seiner Haftstrafe hat er eine andere Frau geheiratet. Diese hatte sich im Folterskandal von Abu Ghreib für schuldig erklärt. Staatsanwalt Chuck Neill stellte England anders als ihr Verteidiger als aktive Teilnehmerin in dem Skandal dar, welche die auf Fotos festgehaltenen Szenen genossen habe. "Es geschah ausschließlich zur Unterhaltung von Frau England und den anderen Soldaten", sagte Neill. Dabei zeigte er auf das Lächeln Englands auf Fotos. Sie sei aktiv in die Geschehnisse eingebunden gewesen.

Gefangene an der Hundeleine

Die heute 22-jährige England wurde zur Symbolfigur des Skandals von Abu Ghreib. Ende 2003 aufgenommene Fotos der US-Soldatin mit misshandelten und gedemütigten Irakern lösten weltweit Empörung aus. In einem Fall führte sie einen kriechenden Gefangenen an einer Hundeleine. Nachdem ein erster Militärprozess gegen sie im Mai geplatzt war, wurde sie in sieben Punkten wegen Konspiration und Gefangenenmisshandlung neu angeklagt. Im Falle einer Verurteilung in allen Anklagepunkten drohen ihr bis zu elf Jahre Haft. England ist die letzte aus einer Gruppe von sieben US-Militärpolizisten, die sich in der Folge des Abu-Ghreib-Skandals vor dem Militärgericht verantworten mussten.

Kein aufrichtiges Schuldbekenntnis

Im ersten Verfahren hatte die junge Frau aus dem US-Bundesstaat West Virginia eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft getroffen, die im Gegenzug zu einem Schuldbekenntnis eine weitaus geringere Strafe vorsah, als ihr nun droht. Zeugen der Verteidigung hatten argumentiert, England habe Befehle von Vorgesetzten befolgt. Die Soldatin selbst ließ damals wiederholt indirekt durchblicken, dass sie sich eigentlich nicht schuldig fühlt. Der zuständige Richter hatte daher die Absprache aber nicht akzeptiert: Er argumentierte, dass das Schuldbekenntnis nicht aufrichtig sei. Daraufhin wurde die Vereinbarung für nichtig erklärt und erneut Anklage erhoben.

Mit einem Urteil wird bis Ende kommender Woche gerechnet.

DPA/Reuters / DPA / Reuters