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Lynndie-England-Prozess: Müssen auch Cheney und Rumsfeld aussagen?

Die Verteidigung der US-Soldatin Lynndie England hat beantragt, US-Vizepräsident Dick Cheney und Pentagon-Chef Donald Rumsfeld als Zeugen im Zusammenhang mit den Misshandlungen in Abu Ghoreib vorzuladen.

Die Anhörung zur Misshandlung irakischer Gefangener durch die US-Soldatin Lynndie England ist vorübergehend ausgesetzt worden. Militärrichterin Denise Arn erklärte, vor einer Fortsetzung wolle sie die Anträge der Verteidigung prüfen, hochrangige Zeugen wie US-Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vorzuladen. Englands Verteidiger Rick Hernandez äußerte vor Reportern die Einschätzung, die Anhörung werde vermutlich in drei Wochen fortgesetzt.

Die Staatsanwaltschaft wandte sich gegen die Vorladung zahlreicher weiterer Zeugen durch die Verteidigung. Dies sei für die bloße Entscheidung darüber, ob ein Prozess gegen England eröffnet werden sollte, nicht notwendig - schließlich sei die Existenz der Fotos nicht von der Hand zu weisen. Verteidiger Hernandez erklärte dagegen, die Vorladung von Englands Vorgesetzten bis hin zur politischen Führung sei notwendig, weil die Regierung Aussagen wichtiger Zeugen über die Rolle von Offizieren und Geheimdienst bei den Misshandlungen nicht offen gelegt habe.

"Einschüchterung"

Zuvor hatte die US-Soldatin Lynndie England in der Anhörung die Misshandlung irakischer Gefangener als Taktik zur "Einschüchterung" und "Demütigung" bezeichnet. Die Leine um den Hals eines am Boden liegenden nackten Häftlings sei ein "Instrument zur Einschüchterung" gewesen, um den Gefangenen von einer Zelle in eine andere zu bringen, berichteten US-Medien von der Anhörung der 21-Jährigen vor einer Militärkommission in Fort Bragg (North Carolina).

Die Kommission muss entscheiden, ob ein Verfahren eröffnet wird. Der im siebten Monat schwangeren Frau drohen im Fall einer Verurteilung bis zu 38 Jahre Haft.

Nach Angaben der Tageszeitung "New York Times" haben die bisherigen Zeugen von einem "Gefängnis im Chaos" berichtet, in dem US-Militärpolizisten selbst einen Ring von Prostituierten betrieben und illegal Alkohol verkauft hätten. Kein Zeuge habe aber ausgesagt, dass es einen direkten Befehl gegeben habe, die Häftlinge - wie auf den rund 280 Misshandlungsbildern festgehalten - zu behandeln.

Wirklich nur Einzeltaten?

In anderen Aussagen sei die Behauptung der US-Regierung in Frage gestellt worden, bei den Misshandlungen von Abu Ghoreib handele es sich um die Einzeltaten von sieben "Schurkensoldaten", schreibt das Blatt. Einige Zeugen hätten beteuert, dass hochrangige Offiziere einschließlich des höchsten Geheimdienstoffiziers in dem Gefängnis, von der missbräuchlichen Benutzung von Hunden, einigen Misshandlungen und dem Tod eines Irakers gewusst hätten.

Die Tageszeitung "Washington Post" zitiert Zeugen, wonach einige irakische Häftlinge lieber nackt geblieben seien, als Leinensäcke oder Damenunterwäsche zu tragen.

Die Verteidigung Englands argumentiert bislang, dass die Soldaten auf höheren Befehl gehandelt hätten und jetzt als Dienstrangniedrigste zu Sündenböcken für den Skandal gemacht werden sollen.

Die Verteidigung will auch mehrere ranghohe US-Generäle vorladen. Als Zeugen sollen unter anderem der frühere US-Kommandeur im Irak, Generalleutnant Ricardo Sanchez, sowie die Ex-Leiterin des Gefängnisses Abu Ghoreib, Brigadegeneral Janis Karpinski, aussagen.