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Frank Lu: Chinas letzter Dissident

Er hat China immer geliebt und tut es noch heute. Doch als Armeesoldat hat Frank Lu begonnen, Missstände anzuprangern und musste aus der Volksrepublik fliehen. Nun bekämpft er von Hongkong aus die größte Organisation der Welt: Die Kommunistische Partei Chinas.

Von Janis Vougioukas

Der junge Mann mit dem alten Gesicht schaut sich um, bevor er das Metallgitter zur Seite schiebt und die Stahltür aufschließt. Er hat gelernt, vorsichtig zu sein. Drinnen sind die Wände kahl und die Decke hängt niedrig über dem Schreibtisch und dem speckigen Sofa. Neonlicht färbt den Raum in flirrendes Blau. Von hier aus führt er den Kampf gegen die größte Organisation der Welt: die Kommunistische Partei Chinas.

Das Hauptquartier des Informationszentrums für Menschenrechte und Demokratiebewegung in China liegt im 14. Stock eines Hochhauses im Hongkonger Stadtteil Kowloon, wo die Fassaden von Schimmel und Feuchtigkeit graubraun gefärbt sind. Das Informationszentrum ist die kleinste Menschenrechtsorganisation auf der Welt. Zu ihr gehört ein Mann: Frank Lu.

"Ich wollte mein Land beschützen"

Frank war einmal ein glühender chinesischer Patriot, geboren im November 1964 in der Provinz Hunan. Er wuchs auf dem Land auf, stieg morgens mit seinen Freunden in die Berge, um den Sonnenaufgang zu beobachten und badete im Shao-Fluss. Mit 16 Jahren meldete er sich zur Armee. Die schickte ihn nach Shijiazhuang. "Ich wollte immer Soldat sein und mein Land beschützen", sagt er.

Anfang 1979 stürzten vietnamesische Truppen das Pol-Pot-Regime in Kambodscha. China sah seine Vormachtstellung in Asien bedroht und kam den verbündeten Roten Khmer zu Hilfe. Am 17. Februar drang die Volksbefreiungsarmee an 26 Stellen auf vietnamesisches Gebiet ein. Die Chinesen bejubelten ihre Soldaten. Als sie Wochen später mit zerrissenen Uniformen und müden Gesichtern zurückkamen, erzählten sie ihre Geschichte. Sie berichteten, wie sie ein Bergdorf angegriffen hatten. Die Einwohner hatten sich in Tunneln versteckt und die chinesischen Soldaten warfen Bomben in beide Eingänge. Die Decke gab nach und die Höhle wurde zum Massengrab für 700 Menschen, viele davon Frauen und Kinder.

Briefe gegen das System

Als Frank das hörte, zerbrach in seinem inneren Mechanismus eine Feder. Frank, der Soldat, schrieb zehn lange Briefe gegen den Krieg und schickte sie an die Volkszeitung und die Rote Fahne. "Ich habe nicht geglaubt, dass sie veröffentlicht werden, aber ich musste mir meine Wut von der Seele schreiben", sagt er. Die Briefe wurden nie gedruckt. Doch kurz danach erschienen drei Männer von der Militärpolizei. "Deine Briefe sind gegen das System", sagten sie und nahmen Frank mit. So wurde aus dem jungen Mann in Uniform über Nacht ein Dissident.

Die Sicherheitsoffiziere steckten ihn in eine Arrestzelle. Er wurde nicht gefoltert und nicht geschlagen. Aber in seiner Zelle brannte Tag und Nacht Licht. Frank dachte an Selbstmord, doch er hatte nicht den Mut. Seitdem kann er nicht mehr schlafen und muss jeden Abend Tabletten nehmen.

Diener der Menschen

Ein Jahr später kam Frank wieder frei. Er schlug sich durch, bis er 1985 an der Zhongnan University of Technology angenommen wurde. Es war die Zeit des politischen Frühlings. Am 15. April 1989 starb der beliebte Politiker Hu Yaobang. Frank hatte Hu bewundert. Sie stammten aus derselben Provinz. Die Menschen schätzten Hu für seine liberale Einstellung gegenüber Intellektuellen. Er hatte sich stets getraut, seine Meinung zu sagen und verstand sich als Diener der Menschen. Am Ende war Hu dafür von seinen Posten entbunden worden.

Aus den Trauerkundgebungen, die die Studenten in Peking für ihr verstorbenes Idol abhielten, entwickelten sich politische Demonstrationen. Die Jugendlichen forderten ein Ende der Korruption. Sie wollten Gerechtigkeit und Gleichheit. Immer häufiger fiel auch das Wort "Demokratie". Am 17. April marschierten die Studenten auch zum Platz des Himmlischen Friedens, dem Zentrum der politischen Macht. Die Demonstrationen wurden jeden Tag größer. Am 20. Mai reagierte die Parteiführung und stellte die Hauptstadt unter das Kriegsrecht. Frank blieb in Hunan, organisierte dort Solidaritätskundgebungen, Hungerstreiks und Sit-ins vor der Zentrale der Provinzregierung. 10.000 Studenten beteiligten sich an den Protesten in Hunan. "Wir wussten nicht, wohin mit unserem Ärger", sagt Frank heute. Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 beendeten die Soldaten der 27. Armee die wochenlangen Demonstrationen der Jugendlichen mit einem Blutbad.

Sie verhörten ihn immer wieder

Eine Woche später kam die Polizei wieder. Sie verhörten Frank immer und immer wieder. Die Universität entließ ihn. Irgendwann fand er einen Job bei einer taiwanesischen Computerfirma in Shenzhen, die sich nicht für seine Vergangenheit interessierte. Shenzhen war für chinesische Verhältnisse eine freie Stadt. Aber niemand interessierte sich für Politik. 1993 wurde er wieder verhaftet. Doch er hatte Glück und konnte fliehen. Am nächsten Morgen bestieg er ein Motorboot, das ihn nach Hongkong brachte. Er hatte nur einen Rucksack und eine Flasche Wasser bei sich. Und er wusste, dass er nicht mehr nach China zurückkonnte.

Frank schlug dünne Wurzeln in Hongkong, der fremden Stadt, in der sich immer mehr politisch Verfolgte und Verbannte versammelten. Hier konnten sie endlich offen über ihre Ziele sprechen. Frank aß jahrelang nur Nudelsuppe. Als Flüchtling wohnte er in einer drei Quadratmeter großen Kammer, zog immer wieder um. Eines seiner Quartiere war ein Dachverschlag neben dem Krematorium.

Er lernte die kantonesische Sprache und fand einen Gelegenheitsjob als Programmierer. Doch sein Herz wollte China nicht verlassen. Er dachte an seine Kommilitonen in Haft und die Ziele, die er nicht zurückgelassen hatte. Er kaufte ein kaputtes Faxgerät, das er selber reparierte und über Schmuggler nach China bringen ließ: ein dünner Draht von der Diktatur in die Freiheit. Seine Freunde im Untergrund schickten ihm Informationen über Verhaftungen und Menschenrechtsverletzungen.

Und Frank begann wieder zu kämpfen. Er nahm ein Blatt Papier und schrieb "Information Centre of Human Rights and Democratic Moments in China" auf den oberen Rand und darunter eine Nachricht über 15 Dissidenten, die politische Reformen verlangten. Dann schickte er das Schreiben an fünf Korrespondentenbüros, deren Nummern er von Freunden bei einer Menschenrechtsorganisation bekommen hatte.

"Nach Berichten einer Menschenrechtsorganisation …"

Das machte Frank jeden Tag. Und wurde so zum wichtigsten Nachrichtenlieferanten über Menschenrechtsverletzungen in China. Wenn dort irgendwo Unrecht passiert, piepst kurze Zeit später Franks Pager und auf dem Display leuchtet eine chinesische Nummer, die zurückgerufen werden möchte. Frank meldet sich dann, hört zu, überprüft alle Informationen, schreibt seine Nachricht, immer noch mit der Hand, und schickt sie an die 120 Medienorganisationen, die er inzwischen in seinem Faxgerät gespeichert hat. Am nächsten Tag steht in der Zeitung: "Nach Berichten einer Hongkonger Menschenrechtsorganisation …"

Als China zum Schlag gegen die Falun-Gong-Sekte ausholte, brachte Frank die Verhaftungen von Anhängern in die Weltnachrichten. Genauso die Arbeiterproteste im Nordosten des Landes. Er wusste von den Studentenprotesten an der Pekinger Universität - nur wenige Kilometer von den Büros der internationalen Medien entfernt, die ohne Franks Faxe nichts mitbekommen hätten. Im Dezember 2001 wurden in der Provinz Hubei fünf Führer einer protestantischen Untergrundkirche zum Tode verurteilt.

Er kann sich nicht mehr freuen

Frank schrieb ein Fax, das eine internationale Protestwelle auslöste. Und China wandelte das Urteil in eine lebenslängliche Haftstrafe um. "Ohne meinen Bericht wären sie im Himmel", sagt er ohne erkennbare Emotion. Er kann sich nicht mehr freuen.

Fast 4000 Faxe hat Frank bisher geschrieben und Zehntausende Überschriften in Zeitungen auf der ganzen Welt produziert. Eine Chronologie des Unrechts. Aber tief in seiner Seele, verschüttet und versteinert, hat er sich die Liebe zu seiner Heimat bewahrt. "Ich habe China immer geliebt", sagt Frank. Er denkt oft an die Berge. Die Sonnenaufgänge. Den Shao-Fluss. "Aber ich hasse die Kommunistische Partei." Das ist sein Antrieb.