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Französische Geiseln: Ver-entführt oder zynisches Kalkül

Ausgerechnet zwei Franzosen sind im Irak als Geiseln genommen worden. Dabei gilt Frankreich als Freund der arabischen Welt. Vermutlich haben sich die Täter nur ver-entführt. Oder aber den Tabubruch einkalkuliert.

Von Niels Kruse

Kaum eine Entführung im Irak hat die Gemüter so aufgewühlt, wie die Geiselnahme zweier Journalisten aus Frankreich. Weder bei den geköpften US-Bürgern oder dem italienischen Terror-Opfer war die weltweite Empörung über Entführung im Irak so parteiübergreifend wie im Fall von Georges Malbrunot und Christian Chesnot. Russlands Präsident Wladimir Putin unterstützt die Forderungen nach unverzüglicher Freilassung der beiden Reporter genau wie Bundeskanzler Schröder, sein Vize Joschka Fischer, 160 Europaabgeordnete, zahlreiche muslimische Verbände und arabische Staaten.

Frankreich will sich den Forderungen nicht beugen

Die beiden Journalisten sind seit dem 20. August Gefangene einer Gruppe namens "Islamische Armee Iraks". Man werde sie hinrichten, drohen die Entführer, sollte Frankreich nicht sofort das Kopftuchverbot aufheben. Das Ultimatum, am Montag um 24 Stunden verlängert, läuft Dienstagabend aus. Die französische Regierung aber will ungeachtet dessen an dem Verbot festhalten, das am Donnerstag wirksam wird. Die Frage Aufhebung "stellt sich nicht", sagt Regierungssprecher Jean-François Copé.

Obwohl das Land in der Frage des Kopftuchverbots tief gespalten ist, haben sich selbst islamische Fundamentalisten, sonst an vorderster Front gegen das Kopftuchverbot, nun hinter die französische Regierung gestellt und die Geiselnahme verurteilt. Der Präsident des gemäßigten französischen Islamrates, Dalil Boubakeur wirft den Entführern vor, das falsche Ziel gewählt zu haben. "Frankreich verdient keine Strafe, sondern ein Dankeschön für seine Irak-Politik", sagt Boubakeur.

Geiselnahme hätte auch wonanders passieren können

Haben sich die Entführer diesmal ver-entführt, also vergebens auf den Jubel aus dem islamistischen Lager gesetzt? Natürlich sei es müßig über die Beweggründe der "Islamische Armee Iraks" zu spekulieren, sagt Henner Fürtig Irak-Experte des Deutschen Orient-Instituts gegenüber stern.de. Auch sei die Geiselnahme nichts, was ausschliesslich mit der speziellen Situation im Irak zu habe, "sie hätte auch in anderen arabischen Ländern passieren können", so Fürtig.

Außergewöhnlich macht den Terrorakt aber die Tatsache, dass es sich bei den Opfern um Franzosen handelt. Und dass es sich bei Georges Malbrunot um einen ausgesprochenen pro-arabisch eingestellten Menschen handele, wie Martin Beck, ebenfalls vom Orient-Institut und Bekannter des Journalisten, sagt. Zudem genießt Frankreich seit den späten 50er Jahren in arabischen Welt hohes Ansehen.

"Die Araber registrieren positiv, wie sich die französische Politik für die Belange der Palästinenser einsetzt. Nicht zu vergessen die Ablehnung des jüngsten Irakkriegs", so Fürtig. Seiner Ansicht nach fürchten die islamischen Länder nun, es sich mit einem wichtigen Freund im Westen zu verderben. Entsprechend geschlossen fiel die Reaktion in den arabischen Staaten gegenüber den Entführern aus. "Unmenschlich und unmoralisch", nannte ein Vertrauter des radikalen schiitischen Geistlichen Muktaka al Sadr die Tat. Gegen die Prinzipen des Koran gerichtet, hieß es aus dem Libanon. Unvereinbar mit internationalen und islamischen Regeln, sagte die iranische Regierung.

Der Wahnsinn könnte aber auch Methode haben, spekuliert der Experte. Die Geiselnehmer könnten sich durchaus der Sprengkraft ihres Handels bewusst gewesen sein, sagt Fürtig. Mit "Ami-go-home"-Parolen könne sich mittlerweile keine Terrorgruppe mehr profilieren. So zynisch es klingen mag: 'Widerstandskämpfer', die sich einen Namen machen wollen, schrecken nicht mehr länger davor zurück, ihre Opfer auch unter Freunden zu suchen. Auszuschließen, so Fürtig, sei das jedenfalls nicht.