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Freilassung von Gilad Schalit Historischer Gefangenentausch im Nahen Osten


Der wohl bekannteste Gefangene des Nahen Ostens, der israelische Soldat Schalit, ist frei. Der Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas ist angelaufen. Für Schalit sind 477 Palästinenser freigekommen. Weitere 550 müssen noch zwei Monate warten.

Der größte Gefangenenaustausch im Nahen Osten seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat erfolgreich begonnen: Die radikalislamische Hamas ließ den israelischen Soldaten Gilad Schalit nach mehr als fünf Jahren frei, dafür kamen die ersten 477 von insgesamt 1027 palästinensischen Häftlingen auf freien Fuß. Fraglich bleibt, ob die Operation den festgefahrenen Friedensverhandlungen einen positiven Impuls geben kann.

Schalit war nach Angaben der israelischen Armee bei guter Gesundheit. Auf Fernsehbildern machte er nach der Haft im Gazastreifen einen erschöpften, aber im Großen und Ganzen körperlich gesunden Eindruck. Auch auf palästinensischer Seite im Gazastreifen und im Westjordanland wurden die ersten heimkehrenden Ex-Häftlinge mit großer Erleichterung, Freudentränen und Jubel begrüßt.

Vor einer Woche erfuhr Schalit von der Freilassung

In einem Interview des ägyptischen Fernsehens direkt nach der Freilassung durch die Hamas sagte der sichtlich aufgeregte Schalit, er sei bei guter Gesundheit. Vor einer Woche habe er erfahren, dass er freigelassen werden solle. "Ich glaube, die Ägypter waren in ihrer Vermittlung erfolgreich, weil sie sowohl zur Hamas als auch zu Israel gute Beziehungen haben", sagte er.

Auf die Frage, auf was er sich am meisten freue, antwortete er: "Natürlich habe ich meine Familie am meisten vermisst, aber auch meine Freunde." Es hätten ihm Menschen gefehlt, mit denen er über seine Zeit in Gefangenschaft hätte sprechen können. Nach seiner Freilassung konnte er von einem Militärstützpunkt an der Grenze zu Ägypten aus erstmals wieder per Telefon mit seinen Eltern sprechen.

Im Fernsehen war zu sehen, wie ein israelischer Militär neben ihm ging und seinen Arm um den jungen Mann legte. Schalit lächelte, wirkte aber scheu. Er wurde den Angaben zufolge ärztlich untersucht. Man habe seinen Blutdruck gemessen und gefragt, ob er verletzt sei oder Schmerzen habe. Auf den Bildern sah Schalit sehr hager und blass aus, er hatte dunkle Augenringe. Die Armee hat ihm wegen seiner langen Geiselhaft den Status eines Kriegsinvaliden verliehen. Er muss nie wieder dienen.

Wiedersehen mit den Eltern

Anschließend flog Schalit per Hubschrauber zu dem Wiedersehen mit seinen Eltern Noam und Aviva auf dem Militärflughafen Tel Nov im Zentrum des Landes. Dort wollten ihn den Angaben zufolge auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak begrüßen. Später am Nachmittag soll Schalit dann mit seinen Eltern zu seinem Heimatort Mizpe Hila im Norden Israels geflogen werden. Dort wird er vorerst von der Öffentlichkeit abgeschirmt sein und sich erholen können.

Israel hatte am frühen Morgen mit der Übergabe von zunächst 477 palästinensischen Gefangenen an Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) begonnen. In zwei Monaten sollen 550 weitere Palästinenser freikommen, die Israel aber selbst aussuchen kann.

Die 27 Frauen und 450 Männer wurden in Gefängnisfahrzeugen zum Gazastreifen und zum Westjordanland gefahren. Sowohl im Gazastreifen wie auch in Ramallah im Westjordanland waren Großveranstaltungen zur Begrüßung der Heimkehrer geplant. Unter ihnen befinden sich auch 280 Ex-Häftlinge, die wegen ihrer Beteiligung an Terroranschlägen gegen Israelis zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt waren.

Mehr als 1000 Palästinenser gegen einen Israeli

Für Angehörige von Terroropfern war die Vorstellung, dass die Täter frei gelassen werden, unerträglich. Sie versuchten den Austausch mit Eingaben beim Obersten Gericht zu stoppen, hatten jedoch keinen Erfolg. Die Gegner der Freilassung argumentieren, einen Israeli gegen mehr als 1000 Palästinenser einzutauschen, sei unverhältnismäßig und gefährlich zugleich. Die Freigelassenen könnten nun erneut Anschläge auf Israelis verüben. Die große Mehrheit der Israelis unterstützt den Austausch jedoch.

Die Familie Schalit hatte eine sehr erfolgreiche Öffentlichkeitskampagne für die Freilassung ihres Sohnes organisiert, die auch Netanjahu zunehmend unter Druck setzte. Zuletzt waren am 21. Mai 1985 insgesamt 1150 überwiegend palästinensische Häftlinge im Gegenzug zur Freilassung von drei Israelis auf freien Fuß gesetzt worden.

Israel und die Hamas hatten den Tausch unter deutscher und zuletzt ägyptischer Vermittlung nach jahrelangen zähen Verhandlungen vereinbart. Der erfolgreiche Abschluss wird vor allem als Erfolg für die Hamas gewertet. Sie sprechen Israel das Existenzrecht ab und fordern die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Die Initiative von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, die Aufnahme eines palästinensischen Staates an der Seite Israels zu verfolgen, lehnt die Hamas als Irrweg ab.

be/DPA DPA

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