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Freilassung der Hamas-Geisel Gilad Schalit träumt vom Frieden


Nach fünf Jahren und vier Monaten ist der israelische Soldat Gilad Schalit wieder frei. Sichtlich ausgemergelt sprach er von einem Traum, der für ihn in Erfüllung gegangen sei. Und davon, dass er helfen wolle, den Nahen Osten zu befrieden.
Von Niels Kruse

Zweimal wurde der blasse, abgemagerte Mann untersucht: vom Roten Kreuz und von Militärärzten. Deren Diagnosen: alles in Ordnung. "Die Hamas hat mich gut behandelt", war einer der ersten Sätze, die Gilad Schalit in das Mikrofon eines ägyptischen Fernsehsenders sagte. Nach fünf Jahren und vier Monaten Gefangenschaft in den Händen der radikal-islamistischen Herrscher im Gazastreifen wurde der 25 Jahre alte Soldat nun entlassen, genauer gesagt: ausgetauscht gegen 1027 palästinensische Häftlinge. Israel atmet auf - das Schicksal des entführten Soldaten hatte das Land jahrelang in Atem gehalten.

Vor einer Woche habe er erfahren, dass er freikommen würde, berichtete Schalit den TV-Reportern. "Ich habe es schon in den vergangenen Monaten geahnt, dass es bald passieren wird." Trotz der langen Geiselhaft scheint der junge Panzergrenadier keinen Groll auf die Palästinenser zu hegen: "Ich würde mich freuen, wenn noch weitere palästinensische Häftlinge freikommen würden - zumindest solange sie anschließend keine Anschläge auf Israel verüben." Im Gegenzug für Schalit wurden am Dienstag zunächst 477 Gefangenen freigelassen, darunter 27 Frauen. In den Palästinensergebieten wurden sie von Hunderttausenden jubelnden Menschen begeistert empfangen. Eine zweite Gruppe soll innerhalb der beiden kommenden Monate freikommen.

Er fühlte sich unwohl angesichts der Menschenmassen

Bei der Überstellung des 25-Jährigen waren zahllose Medienvertreter zugegen. Schalit wurde zunächst vom Gazastreifen aus zum Grenzübergang Rafah nach Ägypten gebracht. Anschließend ging es von dort aus zum Grenzposten Kerem Schalom in Israel. Der israelische Fernsehsender Channel 2 strahlte zunächst ägyptische Fernsehbilder aus, die Schalit nach seiner Freilassung in Begleitung von Sicherheitskräften zeigten. Ihm sei nicht ganz wohl dabei, plötzlich wieder unter so vielen Menschen zu sein, "nachdem ich für lange Zeit kaum welche gesehen habe", sagte er.

Knapp anderthalb Stunden nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er mit einem Hubschrauber zum Luftwaffenstützpunkt Tel Nof gebracht, wo bereits seine Eltern auf ihn warteten. Er trat ihnen in Militäruniform gegenüber, die er zuvor angezogen hatte. Bevor er wieder seinen Vater in den Arm nehmen konnte, nutze Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die Gunst der Stunde und feierte die Freilassung Schalits auch als seinen Sieg: "Gilad ist heute heimgekehrt zu seiner Familie und seinem Volk. Dies ist ein bewegender Moment", so Netanjahu. "Ich habe an ihn gedacht und die fünf Jahre, die er in einem Verlies gelitten hat. Ich wollte nicht, dass er dasselbe Schicksal erleidet wie Ron Arad." Der Flieger war vor 25 Jahren im Libanon in Gefangenschaft geraten und ist bis heute nicht zurückgekehrt.

"Sehr bewegendes Telefonat mit seinen Eltern"

Nach der offiziellen Begrüßung durch den Regierungschef durfte der junge Mann endlich in den trauten Kreis seiner Familie zurückkehren. Bilder vom ersten Treffen zeigten einen Vater, der seinen schmächtigen Sohn vor Freude fast erdrückt. "Ich habe meine Familie und Freunde sehr vermisst", sagte Schalit im ägyptischen Fernsehen. Bereits nach seiner Ankunft in Israel hatte er mit seinen Eltern ein "sehr bewegendes Telefonat geführt", wie ein Armeesprecher sagte.

Schalit war ein schüchterner 19-jähriger Hauptgefreiter, als er am 25. Juni 2006 von der Hamas und zwei weiteren Palästinensergruppen an der Grenze zum Gazastreifen entführt wurde. Zwei weitere israelische Soldaten starben bei dem Angriff. Ägypten und Deutschland hatten seit Jahren immer wieder versucht, einen Gefangenenaustausch zu vermitteln. Es ist das erste Mal seit 26 Jahren, dass ein israelischer Soldat lebend aus der Gefangenschaft heimkehrt. Zudem zahlt Israel den bislang höchsten Preis für einen Soldaten. Im Mai 1985 wurden 1150 Palästinenser gegen drei Soldaten ausgetauscht.

Schalit wünscht sich Frieden

Am Nachmittag dann wurde Gilad Schalit in sein Heimatdorf Mispe Hila, im Norden Israels zurückgeflogen. Unter dem Jubel hunderter Menschen fuhr er im Konvoi zum Haus seiner Eltern, in der er nun wieder lebt, und am Tag seiner Rückkehr abgesperrt war. Seine Nachbarn bildeten ein Spalier, sangen, tanzten, einige trugen Hemden mit dem Aufdruck: "Wie gut es ist, Dich wieder zu Hause zu haben". Dieser Titel eines in Israel bekannten Liedes war auch das Motto der Freilassung.

Mit der Freilassung aus den Händen der Hamas sei für ihn ein "Traum" in Erfüllung gegangen, sagte er. Ein Wort, das er bereits auf einer Tonbandaufnahme benutzte, das die radikalislamische Palästinenserorganisation im Oktober 2009 von ihm verbreitet hatte. Es war einer der wenigen Kontakte zwischen ihm und seiner Familie in den vergangenen Jahren. Nun spricht Schalit wieder von einem Traum: dem Frieden zwischen Israel und den Palästinensern. Um das zu erreichen, "möchte ich beiden Seiten meine Hilfe zusagen".

mit DPA/AFP AFP

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