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Das Martyrium des Gilad Schalit Israels verlorener Sohn


Vor fünfeinhalb Jahren wurde Gilad Schalit in den Gaza-Streifen verschleppt. Weder Diplomatie noch Bomben konnten seine Freilassung erzwingen. Nun scheint das Ende des Martyriums zu nahen.
Von Sophie Albers

Sie flattern an Autoseitenspiegeln, manchmal auch an Türgriffen oder an Balkongittern: die neongelben Solidaritätsbänder sind überall in Israel zu sehen, so wie die Fahnen mit dem Porträt des jungen Mannes, der in all den Jahren zum Sohn eines ganzen Landes geworden ist. Gilad Schalit war immer hier - auch wenn der israelische Soldat vor fünfeinhalb Jahren von Hamas-nahen palästinensischen Kämpfern gekidnappt wurde und seitdem im Gaza-Streifen gefangengehalten wird. Die Menschen in Israel haben ihn nie aufgegeben. Man hat nicht einmal gewagt, die Sorge auszusprechen, dass Schalit tot sein könnte. Und nun sieht es tatsächlich so aus, als würde der mittlerweile 25-Jährige freikommen. Wenn auch für einen hohen Preis.

In der Nacht zum Mittwoch hat das israelische Kabinett einem unverhältnismäßigen Gefangenenaustausch zugestimmt: mehr als 1000 Hamas-Aktivisten gegen Schalit. Es sei kein guter Deal, aber die einzige Möglichkeit, den Jungen endlich nach Hause zu bringen, zitiert die Zeitung "Haaretz" Yoram Cohen, den Chef des Inlandsgeheimdienstes. Israel werde mit Toten und neuen Verschleppungen dafür bezahlen, warnen die Kritiker, darunter Außenminister Avigdor Liebermann. Der Beschluss sei ein Symbol für die israelische Solidarität, so die Befürworter. "Israel gibt uns unseren Sohn zurück", sagte Gilads Vater, Noam Schalit, wenige Minuten, nachdem er von der Kabinettsentscheidung erfahren hat. Doch Schalits Familie sagt auch: "Für uns wird es erst vorbei sein, wenn wir Gilad sehen, wenn er nach Hause kommt". Sie sind vorsichtig geworden. Zu häufig schon war die Hoffnung auf Schalits Rückkehr geschürt worden - und wurde dann doch nicht erfüllt.

Angriff aus dem Tunnel

Es war der frühe Morgen des 25. Juni 2006, als militante Palästinenser aus dem Gazastreifen im Süden durch einen Tunnel auf die israelische Seite gelangten und einen Armeeposten überfielen. Zwei der Angreifer und zwei israelische Soldaten wurden getötet. Schalit und drei weitere Soldaten wurden verwundet. Schalit saß in einem Panzerfahrzeug, das von einer Rakete getroffen wurde. Der damals 19-Jährige erlitt eine Schulterwunde und brach sich die linke Hand.

Am nächsten Tag gaben seine Kidnapper die Gefangennahme öffentlich bekannt. Es bekannte sich die Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigade. Die forderte die Freilassung aller palästinensischen Frauen und Minderjähriger im Gegenzug für Informationen über den Verbleib von Schalit. Die israelische Regierung sagte Nein, nahm Dutzende Hamas-Anführer in der Westbank fest und schickte die Armee in den Gazastreifen - ohne Erfolg. Es folgte die Bekanntgabe des Preises für die Freilassung Schalits: Israel sollte mehr als 1000 inhaftierte palästinensische Aktivsten gehen lassen. Israel sagte wieder Nein.

Unendlicher Höllenritt für die Eltern

Von der Regierung Ägyptens bis zur katholischen Kirche gab es diplomatische Bemühungen, Schalit frei zu bekommen. Im September 2006 tauchte ein Brief auf, dessen Handschrift als die von Schalit identifiziert wurde. Darin schrieb der Junge, dass es ihm gut gehe. Es werde nach den islamischen Regeln zur Behandlung von Kriegsgefangenen mit ihm umgegangen, so eine Verlautbarung der Kidnapper, die in all den fünfeinhalb Jahren - entgegen den Genfer Konventionen - weder dem Roten Kreuz noch den Eltern Kontakt mit Schalit erlaubt haben. Im Frühjahr 2007 gab es Spekulationen über einen möglichen Gefangenenaustausch. Doch der Höllenritt für Schilats Eltern war noch lange nicht zu Ende.

Namenslisten für einen möglichen Gefangenenaustausch wurden aufgesetzt. Eine Audioaufnahme Schalits tauchte auf, in der er um die Erfüllung der Bedingungen bat und sagte, er sei sehr krank. 2008 erhielten die Eltern den dritten und letzten Brief in Schalits Handschrift. Als eine Journalistin Gilads Vater einmal fragte, wie er mit der Situation klar komme, sagte er: "Wir kommen damit nicht klar."

Das normale Leben

Im Dezember 2008 brach der Gaza-Krieg aus, an dessen Ende Gilads Eltern aus Frankreich erfuhren, dass ihr Sohn noch lebe. Die Hamas, die mittlerweile als Verhandlungspartner auftrat, forderte das sofortige Ende der israelischen Besatzung und wollte von der Freilassung Schalits nichts mehr wissen. Im Oktober 2009 veröffentlichte sie schließlich ein Video, das Gilad zeigte - mager, aber am Leben. Bemühungen der Vereinten Nationen um den Gefangenen in Gaza scheiterten genauso wie die Russlands und Deutschlands.

Schalits Eltern fühlten sich von der israelischen Regierung zunehmend allein gelassen. Drei Jahre lang hatten sie "stillgehalten", um die Verhandlungen nicht zu stören. Doch nun gingen sie auf die Straße, veranstalteten Kundgebungen, Vater Noam gab ein Interview nach dem anderen. Als der scheidende Premier Ehud Olmert im August 2009 behauptete, Demonstrationen für die Freilassung Schalits seien wenig hilfreich, verließen die Eltern ihren Wohnort Mizpe Hilla im Galilee, im Norden des Landes und zogen in ein Zelt vor Olmerts Amtssitz in Jerusalem: "Wir werden vor seinem Haus sitzen, damit er uns sieht, wenn er morgens aufwacht, wenn er das Haus verlässt und wenn er wiederkommt. Damit er uns nicht vergisst, bevor er dieses Haus ganz verlässt" und alles seinem Nachfolger Netanjahu übergibt, so Noam Schalit. Doch auch der neue Premier brachte den Eltern den Sohn nicht zurück.

Bis heute haben die Schalits mit Freunden und Unterstützern in ihrem Zelt gesessen. Doch nun wird es abgebaut. "Es ist an der Zeit, es einzupacken und nach Hause zu gehen", wird Gilads Mutter Aviva Schalit zitiert, nachdem Netanjahu den Erfolg vor allem ägyptischer Vermittlung bekannt gegeben hat. Doch auch sie zwingt sich zur Zurückhaltung: "Bis Gilad nach Hause zurückkommt". Dann könne man endlich zum normalen Leben zurückkehren. So es das für Gilad noch gibt.


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