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Frontline-Club bot Assange Unterschlupf: Der Club der beinharten Reporter

Als die ganze Welt nach ihm suchte, fand Wikileaks-Gründer Julian Assange Zuflucht in einem Club für Journalisten, dem Frontline-Club mitten in London. Ein exklusiver Ort für die Mutigsten der Zunft.

Von Cornelia Fuchs, London

Der Frontline-Club ist eine Mitgliedervereinigung der ganz besonderen Art. In seinen Clubräumen in der Nähe des West-Londoner Bahnhofes Paddington stehen die für traditionelle Gentlemen’s Clubs bekannten abgewetzten dunklen Ledersofas. Das Essen wird den Mitgliedern vom Restaurant im Erdgeschoss hochgeholt und von Kellnern gereicht. Eintritt hat in diesen Raum nur, wer eine Jahresgebühr bezahlt.

Soweit, so normal für einen britischen Club. Doch im Frontline versammeln sich keine Zigarren rauchenden alten Herren, die über Reitsport oder Parlamentsabstimmungen diskutieren, sondern die Kriegsreporter und Auslandskorrespondenten der Welt. In den Vitrinen an den Wänden stehen Stiefel des ersten unabhängigen Kriegs-Korrespondenten Englands, der Times-Reporter William Howard Russell berichtete für die Times vom Blutbad an der Krim. An der Wand weist ein Schild auf den "Fixer-Fonds" hin, der Gelder sammelt für die Versorgung lokaler Mitarbeiter westlicher Medien, die in Kriegsgebieten wie dem Irak oder Afghanistan verletzt werden.

Im obersten Stockwerk gibt es zwei Zimmer, die an Besucher vermietet werden. Hier hat Assange seit Monaten an Wikileaks gearbeitet. Zwischendurch hielt er einen Stock darunter Pressekonferenzen ab, die Bilder davon gehen im Moment um die Welt.

Wikileaks nicht über Zweifel erhaben

Der Gründer des Clubs, Vaughan Smith, ist vorsichtig, wenn man ihn auf die Verbindung von Frontline mit Wikileaks befragt. Ihm ist es wichtig, dass der Club sich nicht gemein macht mit Wikileaks. "Es gibt Fragen über die Rechenschaftspflicht von Wikileaks", sagt er. Journalisten müssten sich dem Presserecht stellen, auch Wikileaks muss sich die Fragen gefallen lassen, wer wann und warum entscheidet, was veröffentlicht wird.

Aber als die Situation in den vergangenen Wochen für Wikileaks-Gründer Julian Assange immer schwieriger wurde, und er sich verstecken wollte vor dem Auslieferungsbegehren der schwedischen Staatsanwaltschaft, die ihn zu Vorwürfen der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung befragen wollte, da bot Vaughan Smith Assange Zuflucht in seinem Privathaus. Dort wartete Assange, bis er sich am Montag Scotland Yard in London stellte.

Vom Handy gerettet

Es ist kein Wunder, dass Vaughan Smith im Zweifel dem Mann hilft, der für freien Informationsfluss im Internet kämpft. Er selber ist mit Kameras in den Krieg gezogen, im ersten Golfkrieg ist er mit einer ausgeliehenen Uniform als falscher Offizier an die Front vorgestoßen, freundlich unterstützt von der britischen Armee. So konnte er ohne Militär-Zensur Material von den langen Reihen ausgebrannter Fahrzeuge filmen, die nach dem Bombardement der westlichen Armeen beim Rückzug der Iraker aus Kuwait zurückblieben.

Smith wurde zweimal angeschossen, in Serbien rettete ihn nur sein Mobiltelefon. Das zerstörte Gehäuse, die Kugel noch sichtbar, liegt in einer der Vitrinen des Frontline Clubs. Seine Agentur Frontline News TV war der BBC einen Dokumentar-Film wert, der Titel: "Frontline News, die Mavericks, die das Gesicht der Kriegsberichterstattung veränderten."

Julian Assange hat in einem Interview gesagt, dass viel zu wenige Journalisten ihr Leben verloren haben in den Kriegszonen der vergangenen Jahrzehnte. Das sei ein Zeichen, dass sie die harten, wichtigen Reportagen ihren Fixern vor Ort überlassen – mitsamt der Gefahr, die damit verbunden ist. Vaughan Smith musste sich diesen Vorwurf sicher nicht gefallen lassen, während er Assange auf seinem Bio-Bauernhof in der Grafschaft Kent beherbergte.