Gaza-Blockade "Der Tod ist besser als das Leben"


Kein Job, kein Geld, keine Zukunft: Immer mehr junge Menschen nehmen sich im Gazastreifen das Leben. Die von Israel beabsichtigten Lockerungen im Warenverkehr werden die Misere von 1,5 Millionen Palästinensern nicht beheben.

Abu Ahmed ist verbittert. 1,5 Millionen Schekel (316 000 Euro) Umsatz hat der 70 Jahre alte Möbelunternehmer noch im Mai 2007 gemacht. Das war vor Beginn der israelischen Blockade. "In mein Geschäft verirrt sich heute kein Kunde mehr. Meinen letzten Schreibtisch habe ich vor drei Monaten verkauft (...) Von meinen 52 Angestellten ist noch der Teejunge geblieben. Ich werde wahnsinnig", sagt der Vater von drei Kindern. Hat er noch Hoffnung? "Keine Hoffnung", kommt es wie aus der Pistole geschossen.

"Wir brauchen Rohmaterialien, wir brauchen Baustoffe und nicht mehr Ketchup und mehr Mayonnaise", klagt der verhinderte Unternehmer. Die Wirtschaft müsse wieder in Gang kommen, Jobs seien notwendig, damit die Leute kaufen können - beispielsweise seine Möbel. Und glaubt man Abu Ahmeds Pessimismus, dann wird die von Israel avisierte Lockerung der Blockade keinen Schub auslösen.

Nach monatelangem Druck aus dem Ausland hat die israelische Regierung jetzt zwar ihre Absicht erklärt, mehr als die bislang 114 verschiedenen Waren in den Gazastreifen durchzulassen. Es fehlt aber noch eine Liste mit den künftig wieder gestatteten Gütern. Allein ein Trend zeichnet sich ab: Danach könnten künftig Materialien für zivile Projekte die Grenze passieren, falls diese unter Aufsicht von bestimmten international anerkannten Hilfsorganisationen stehen. Mit Rohren könnte beispielsweise das völlig marode Wasser- und Abwassersystem repariert werden. Die zweite Gruppe umfasst Dinge des täglichen Lebens wie Nahrungsmittel, Gewürze, Haushaltswaren, Schreibsachen und Spielzeug.

"Diese Ankündigung macht deutlich, dass Israel nicht die Absicht hat, die kollektive Bestrafung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu beenden, sondern nur zu mildern", kritisiert die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Restriktionen bei der Einfuhr von Rohmaterialien, ein fast vollständiges Exportverbot und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen hätten die Wirtschaft im Gazastreifen zerstört und die Menschen in Arbeitslosigkeit, Armut und Abhängigkeit von Hilfsorganisationen gestürzt. "Diese Probleme werden nicht gelöst, wenn die Blockade weitergeht", schreibt Amnesty.

Und wie sich Krise auf den Gemütszustand der Einwohner des kleinen Palästinensergebiets am Mittelmeer auswirkt, erklärt Fadel Abu Hein, Direktor eines Gesundheitszentrums in Gaza. "35 bis 40 Prozent der Menschen leiden unter Depressionen und Angstzuständen", sagt er. Mehr als 100 000 Menschen hätten ihre Jobs verloren. Eine Folge von Ärger und Frustration sei die Zunahme von häuslicher Gewalt. Andere Männer flüchteten sich in Religion oder Isolation.

"Der Tod ist besser als das Leben", sei eine gängige Redewendung. Die Zahl der Selbsttötungen habe sich verfünffacht - und dies vor allem in der Gruppe der 17- bis 25-Jährigen, sagt Dr. Fadel. "Die jungen Leute stehen unter Stress. 'Geh los und suche dir Arbeit', heißt es zu Hause. Es ist aber nicht einfach, einen Job zu finden. Sie können überhaupt nichts finden, worauf sie ihr Leben aufbauen können."

Die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas-Organisation trägt ein gerüttelt Maß Mitschuld an der Misere. Israel hat die Abriegelung unter anderem mit dem jahrelangen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen und der Entführung des Soldaten Gilad Schalit begründet.

Ahmed Jussef, stellvertretender Außenminister in der selbsternannten Hamas-Regierung, lässt das kalt. Er stellt Forderungen: "In Gaza fehlen insgesamt 7000 Artikel, die die Menschen brauchen. Die Ankündigung (Iraels) ist deshalb nur ein Weg, die Welt hinters Licht zu führen, dass Israel die Sanktionen lockern wird. Notwendig ist, dass die Blockade ganz aufgehoben und die Grenze zu Ägypten geöffnet wird. Wir müssen keine Geschäfte mit Israel machen."

Hans Dahne, DPA DPA

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