Geiseldrama in Beslan Befreiung noch nicht beendet


Trotz der Stürmung des besetzten Schulgebäudes in Süd-Russland verschanzen sich noch immer Terroristen mit Geiseln in der Schule. Die Zahl der Toten schwankt zwischen 100 und 150.

Sechs Stunden nach Beginn des Sturmangriffs russischer Truppen im Nordkaukasus dauerte das Geiseldrama weiter an: Die pro-tschetschenischen Rebellen in Beslan hatten am Freitagabend noch mehrere Menschen in ihrer Gewalt, wie ein Offizier des Inlandsgeheimdienstes FSB mitteilte. Bei dem Sturmangriff kamen nach Angaben der Behörden in Nordossetien mehr als 100 Menschen ums Leben. Nach einer Meldung der Moskauer Nachrichtenagentur Interfax könnte diese Zahl auf mehr als 150 steigen.

Mehr als 520 befreite Geiseln und andere Bewohner der Kleinstadt Beslan wurden in Krankenhäuser gebracht. Bei den meisten Verletzten handelt es sich um Kinder, die nach dem Sturmangriff in Panik aus dem Gebäude strömten. Viele von ihnen waren nur mit der Unterhose bekleidet, da sie drei Tage zusammengepfercht in der Turnhalle der Schule ausharren mussten.

Weitere Terroristen auf der Flucht

20 der Geiselnehmer, die den Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien forderten, wurden getötet. Weitere sind auf der Flucht. Drei Rebellen hielten sich am Abend noch im Keller der Schule verbarrikadiert, wie die Moskauer Nachrichtenagentur Interfax meldete. Unter ihnen soll sich auch der Anführer der Gruppe befinden. Der Leiter des Geheimdienstes FSB in Nordossetien, Valerie Andrejew, teilte am Abend mit, dass heftige Kämpfe im Gange seien, um die restlichen Geiseln zu befreien.

Kurz vor Erstürmung der Schule floh eine Gruppe von Frauen und Kindern ins Freie und wurde dabei nach Angaben des Inlandsgeheimdienstes FSB von Rebellen beschossen. Auch sollen mehrere Extremisten, unter ihnen offenbar auch Frauen mit Sprengstoffgürteln, mit einigen Geiseln das Schulgebäude verlassen haben. Wegen der zunehmend chaotischen Lage entschlossen sich die Behörden kurzfristig, mit militärischen Mitteln einzugreifen. Der Sturmangriff sei nicht geplant gewesen, sagte ein tschetschenischer Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach einer Meldung von Interfax.

Mit Beginn des Angriffs kam es zu heftigen Gefechten in der Schule. Einsatzkräfte sprengten ein Loch in eine Gebäudemauer, um den eingeschlossenen Kindern und Erwachsenen den Weg ins Freie zu bahnen. Die Rebellen teilten sich nach Polizeiangaben offenbar in drei Gruppen auf. Ein Teil blieb in der Schule; dort wurden nach Informationen von Interfax zehn Geiselnehmer erschossen. Andere flohen in südliche Richtung in die Stadt. Weitere Rebellen versuchten, sich unter die freigelassenen Geiseln zu mischen und so zu entkommen.

Zahl der restlichen Geiseln in Terroristenhand ist unbekannt

Erst nach mehreren Stunden wurde das Ausmaß der Katastrophe erkennbar. In der Schule wurden mehr als 100 Tote entdeckt, von denen bis zum Abend 60 identifiziert wurden. Die meisten wurden von dem Dach über der Halle erschlagen, das nach einer Explosion über den Köpfen der Geiseln einstürzte. Die Schule wurde erheblich beschädigt, in der Decke klaffte ein großes Loch.

Wie viele Geiseln die Rebellen in ihrer Gewalt hatten, ist nicht bekannt. Während die Behörden zunächst von insgesamt rund 350 Geiseln gesprochen hatten, berichtete eine am Donnerstag freigelassene Lehrerin von 1500 Gefangenen. Eine unbekannte Zahl von Geiseln wurde bereits vor dem Sturmangriff getötet, die Angaben schwanken sich zwischen 12 und 20 Getöteten.

In den Niederlanden erklärten die EU-Außenminister ihr Bedauern, dass das Geiseldrama nur mit Blutvergießen beendet werden konnte. Der amtierende EU-Ratsvorsitzende und niederländische Ressortchef Bernard Bot sagte in Valkenburg bei Maastricht, er verstehe aber "das Dilemma, dem sich die russische Regierung ausgesetzt sah". Bundeskanzler Gerhard Schröder brachte sein Mitgefühl mit den Opfern des Geiseldramas zum Ausdruck. Das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen bewege jeden in Deutschland.

Das Geiseldrama in Beslan ist das zweite in Russland, das innerhalb von zwei Jahren mit dem Tod zahlreicher Menschen endet. Tschetschenische Rebellen waren es auch, die im Oktober 2002 Geiseln im Moskauer Musical-Theater Nordost nahmen. Damals kamen bei der Erstürmung 129 Geiseln ums Leben, weil die völlig geschwächten Menschen den Einsatz von Gas nicht verkrafteten.

AP/Reuters/DPA AP DPA Reuters

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