Geiseldrama von Beslan Kreml auf der Anklagebank


Vor zwei Jahren erstürmten tschetschenische Rebellen in Beslan eine Schule - bei der Befreiung starben 330 Menschen, die meisten davon Kinder. Für die Hinterbliebenen sind daran nicht nur die Terroristen Schuld.

Noch steht die Ruine der Schule Nr. 1 in Beslan. Wie unter Zwang zieht es die Einwohner der ossetischen Kleinstadt im Nordkaukasus immer wieder an diesen Ort. Hier haben vor zwei Jahren ihre Kinder gelitten beim brutalsten Terroranschlag der russischen Geschichte. Zum Schuljahresbeginn am 1. September 2004 nahmen Terroristen aus Tschetschenien und Inguschetien mehr als 1100 Kinder und Erwachsene als Geiseln. Nach zwei Tagen Hunger, Durst und Hitze in der Schulturnhalle endete das Drama in einem Blutbad mit mehr als 330 Todesopfern. 186 von ihnen waren Kinder.

Die orthodoxe Kirche dringt darauf, die ausgebrannte Sporthalle abzureißen und dort eine Kapelle zu errichten. Doch Hinterbliebene in der Organisation "Golos Beslana" (Stimme Beslans) protestieren: "Die Turnhalle ist der Beweis für die Verbrechen nicht nur der Terroristen, sondern auch der Staatsmacht gegen unschuldige Opfer."

Worte, aber keine Taten

Die Menschen in Beslan treibt seit zwei Jahren der Verdacht um, dass der russische Staat von der Ortspolizei bis hinauf zu Präsident Wladimir Putin bei der Rettung der Kinder versagt hat und dies vertuschen will. Zwar traf sich Putin zum ersten Jahrestag der Tragödie 2005 mit Hinterbliebenen und sagte zu, ihre Einwände zu prüfen. Doch an der offiziellen Sicht auf Beslan hat sich seitdem nichts geändert.

Nach Angaben der Ermittler wurden bis auf einen alle 30 Geiselnehmer getötet. Der überlebende Terrorist Nurpaschi Kulajew aus Tschetschenien wurde im Mai 2006 in Wladikawkas, der Hauptstadt von Nordossetien, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Todesstrafe blieb ihm erspart, weil sie in Russland seit dem Beitritt zum Europarat 1996 nicht mehr vollstreckt werden darf. Überlebende Geiseln sagten indes im Prozess aus, dass mehr Terroristen in der Schule gewesen seien als offiziell behauptet.

Mysteriöse Explosion

Am meisten martert die Menschen in Beslan die Frage, was am 3. September 2004 eine verhängnisvolle Explosion in der Turnhalle auslöste, die ein stundenlanges Feuergefecht zwischen Terroristen und Sicherheitsbehörden hervorrief. Eine Parlamentskommission in Moskau schloss sich der offiziellen Version an, die zufällige Detonation einer Terroristenbombe habe das Blutbad ausgelöst.

Das Gremium unter Vorsitz des kremlnahen Abgeordneten Alexander Torschin hat bislang nur einen vorläufigen Bericht veröffentlicht. Nach langer Verzögerung soll die Endfassung nun nach dem emotionsgeladenen Jahrestag im September vorgestellt werden.

Doch ein Kommissionsmitglied, der Abgeordnete Juri Saweljew, legte in dieser Woche einen abweichenden Bericht vor. Eingreifkräfte hätten mit Granatbeschuss von außen einen Sturm der Turnhalle eingeleitet, schrieb der Sprengstoffexperte. Gegen den Rat des mit Zivilisten besetzten Krisenstabs habe eine kleine Gruppe ranghoher Geheimdienstoffiziere das gewaltsame Durchgreifen angeordnet. Der Kreml wollte sich nicht erpressen lassen.

Der Mann, der Putin in Beslan herausforderte und sich mehrfach zur Planung des brutalen Anschlags bekannt hat, ist mittlerweile tot: Anfang Juli wurde der gefürchtete tschetschenische Terroristenführer Schamil Bassajew bei einer Bombenexplosion in Inguschetien getötet.

Im August stieg die Zahl der Todesopfer in Beslan auf 332, weil eine 68-jährige Frau ihren Verletzungen erlag. Die Großmutter hatte damals ihre Enkel zur Schule begleitet. Zum Jahrestag am 1. September werden die Menschen in Beslan erneut Kerzen am Ort des Schreckens aufstellen und trauern. Und am 3. September um 13.05 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten Explosion, sollen 332 weiße Luftballons in den Himmel steigen - einer für jeden Toten.

Friedemann Kohler/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker