Beslan Die Trauer wandelt sich in Wut


Ein Jahr nach dem Geiseldrama mit 319 Toten in einer Schule im russischen Beslan bleibt die Frage, wer für die Eskalation der Gewalt verantwortlich war. Die Angehörigen der Opfer sehen Präsident Putin in der Verantwortung.

In der Ruine der Schule Nr. 1 in Beslan ist die Zeit stehen geblieben. Das verkohlte Dachgebälk der Turnhalle ragt in die Luft. Vor einem Jahr starben an diesem Ort 319 als Geiseln gefangene Kinder, Eltern und Lehrer. Die Tragödie in dem russischen Städtchen im Nordkaukasus durchbrach nach den Todesflügen 2001 in den USA erneut die Grenzen des Fassbaren: Noch nie hatten Terroristen derart brutal hunderte Kinder als Ziel genommen. Je näher der Jahrestag rückt, desto bohrender fragen die Hinterbliebenen nach der Schuld der Staatsmacht, die sie in der Stunde der Not im Stich ließ.

Bis heute zieht es die Einwohner von Beslan wie unter Zwang in die Schulruine. Tamara Chabalowa erzählt vom Tod ihrer Enkelin Andschelika Kornukowa. "Mama, du bist wichtiger. Ich schütze dich", habe die 13-Jährige gesagt und die mitgefangene Mutter mit ihrem Leib gedeckt. Dann habe eine Bombe das Mädchen zerrissen.

Ein Inferno aus Explosionen, Schüssen und Feuer

Zum Schulanfang, dem fröhlichen "Tag des Wissens" am 1. September 2004 überfiel ein von Tschetschenen geführtes Terrorkommando die Schule und nahm 1100 Schüler, Eltern und Lehrer als Geiseln. Zwei Tage litten die in der Sporthalle eingesperrten Opfer ohne Wasser und Essen. Am 3. September ging die Tragödie in einem Inferno aus Explosionen, Schüssen und Feuer zu Ende. Der Hergang ist bis heute nicht genau geklärt. Auch zwölf Soldaten starben. 31 Terroristen wurden nach offiziellen Angaben getötet, nur einer lebend gefangen. Viele Anzeichen deuten nach Sicht der Kritiker auf ein himmelschreiendes Versagen des Sicherheitsapparates. Doch 1500 Kilometer entfernt in Moskau nahm Präsident Wladimir Putin Beslan zum Anlass, die Kontrolle über die Regionen und politischen Parteien in Russland auszubauen.

Ein Jahr nach den fürchterlichen Ereignissen sind die Wunden in Beslan nur oberflächlich geheilt. Die Ex-Geisel Luisa Kudakowa meint zwar, die Qualen vergessen zu haben. "Ich denke niemals an das, was passiert ist", sagt das siebenjährige Schulmädchen. Unbeschwert spielt sie mit dem Hund ihres Großvaters. Doch ihre Trommelfelle, geplatzt im Dröhnen von Bomben, müssen noch operiert werden. Eine Welle der Hilfsbereitschaft aus Russland und dem Ausland hat sich über Beslan ergossen. Es wird gebaut. Neben zwei neuen Schulen entstehen Sportplätze, Kindergärten und ein Rehabilitationszentrum für den Nordkaukasus. "Mit Geld oder neuen Schulen ist das Vertrauen der Menschen nicht zurück zu gewinnen", sagt indes Asa Mukagowa, Mitarbeiterin der Lokalzeitung.

Mütter klagen an

Die Mütter der toten Kinder prangern im Strafprozess gegen den einzigen überlebenden Terroristen Nurpaschi Kulajew das Versagen der Staatsmacht an: Warum gab es keine Verhandlungen? Wer ließ am 3. September mit Panzern, Hubschraubern und Flammenwerfern auf die Schule voller Kinder schießen? "Wir wollen, dass die Schuldigen genannt werden", fordert Susanna Dudijewa, die Vorsitzende des Mütterkomitees von Beslan. Die Staatsmacht hat die Befehlswege bis hinauf zu Innenminister Raschid Nurgalijew, Geheimdienstchef Nikolai Patruschew und Präsident Putin verschleiert. Die verzweifelten Mütter besetzten sogar für eine Nacht den Verhandlungssaal im Obersten Gericht von Wladikawkas, um strafrechtliche Ermittlungen zu erzwingen. "Der Hauptschuldige an dem, was passiert ist, ist Putin", sagt die Mutter Ella Kessajewa. "Doch der versteckt sich in seinem Präsidentenamt." Immerhin - für den 2. September hat Putin den Müttern ein Treffen angeboten.

"Eine erfolgreiche Operation"

Im Kampf gegen den Terror hat Russland in einem Jahr kaum Fortschritte gemacht. Kurz nach Beslan übernahm der tschetschenische Chefterrorist Schamil Bassajew im Internet zynisch die Verantwortung für die "erfolgreiche Operation". Er ist bis heute nicht gefasst. Große Anschläge bleiben zwar aus, doch mittlerweile hat der von Tschetschenien ausgehende Partisanenkrieg zwischen radikalen Islamisten und russischer Polizei den gesamten Nordkaukasus erfasst.

In Beslan haben einige trauernde Mütter seit einem Jahr jeden Tag auf dem Friedhof verbracht. Reihe um Reihe stehen dort die Grabsteine aus rotem Granit. Auch die Mutter von Inna Tuajewa lebt nur bei der toten Tochter, auch wenn noch zwei andere Kinder auf ihre Fürsorge warten. "Warum durfte sie nicht weiterleben?", fragt die Mutter und wischt liebevoll jedes Staubkorn von der schweren Grabplatte ab.

Friedemann Kohler/DPA DPA

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