Ausland Russland rätselt über Blutbad von Beslan


Das russische Parlament legt heute einen Untersuchungsbericht zur Geiseltragödie in der Schule von Beslan vor. In der Stadt hatten islamistische Terroristen etwa 1100 Schulkinder und Erwachsene als Geiseln festgehalten.

16 Monate nach der Geiseltragödie in der Schule von Beslan mit 331 Todesopfern ist der Hergang der blutigen Ereignisse immer noch unklar. Die offizielle Version der russischen Staatsmacht und die Erinnerungen der Betroffenen im Nordkaukasus an die Tage vom 1. bis 3. September 2004 klaffen auseinander. 52 Stunden litten 1100 Kinder und Erwachsene in der Gewalt von Terroristen aus Tschetschenien und Inguschetien, bis das Drama in einem Feuergefecht endete. Die Hinterbliebenen werfen den Behörden mit Präsident Wladimir Putin an der Spitze vor, nicht genug zur Rettung ihrer Kinder getan zu haben. Die Tötung der Terroristen sei dem Staat wichtiger gewesen und das solle vertuscht werden.

An diesem Mittwoch wird eine Untersuchungskommission der beiden russischen Parlamentskammern, geleitet von dem Abgeordneten Alexander Torschin, nach mehrmaliger Verzögerung ihre Ergebnisse bekannt geben. Kritik an den Sicherheitsbehörden wird in dem Bericht nicht erwartet, dazu ist das Parlament zu fest in der Hand des Kremls.

Lange Stille beim Verfassen des Abschlussberichts

Putin hatte im September 2004 die Einsetzung einer Kommission durch die Abgeordneten nicht verhindert, aber auch nicht gerade begrüßt. Eine solche Untersuchung drohe zu einer "politischen Show" zu werden, sagte er. Anfangs ging die Torschin-Kommission noch sehr öffentlich in Beslan auf Faktensuche. Doch je mehr es darum ging, in Moskau die Spitzen von Polizei und Geheimdienst zu befragen, desto weniger war zu hören. Die lange Stille beim Verfassen des Abschlussberichts deutet nach Einschätzung Moskauer Medien darauf hin, dass selbst die linientreuen Abgeordneten unter Druck stehen.

In der russischen Öffentlichkeit vertritt vor allem die Generalstaatsanwaltschaft die offizielle Version der Ereignisse. An dem Überfall seien nur 33 Terroristen beteiligt gewesen und nicht bis zu 50, wie von den Einwohnern Beslans behauptet. Die erste Explosion in der Schulturnhalle, in der die Geiseln zusammengepfercht waren, sei durch Zufall ausgelöst worden: Eine mit Klebeband befestigte Bombe sei herab gefallen. Am Montag erklärte Vize-Generalstaatsanwalt Nikolai Schepel auch, dass der vielfach kritisierte Krisenstab sich an alle geltenden Regeln und Gesetze gehalten habe.

Die geleugnete Tatsache eingestehen

Einige Aussagen der Staatsanwälte sind indes beim Prozess gegen den einzigen überlebenden Terroristen Nurpaschi Kulajew in Wladikawkas durch Zeugen widerlegt worden. So musste die Anklage die zunächst geleugnete Tatsache eingestehen, dass die Einsatzkräfte Flammenwerfer gegen die Schule eingesetzt hatten.

Den bislang mutigsten Bericht zu Beslan legte Ende November das Parlament der betroffenen Teilrepublik Nordossetien vor. Auch die Kommission regionaler Abgeordneter stand unter starkem Druck von oben. Sie kam indes zu dem Schluss, dass nicht der örtliche Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Waleri Andrejew, Herr im Krisenstab gewesen sei. Die Entscheidungsgewalt habe bei den stellvertretenden FSB-Leitern Wladimir Pronitschew und Wladimir Anissimow aus Moskau gelegen, die aber in keiner offiziellen Struktur auftauchten.

Verheerende Explosion

In der entscheidenden Frage nach dem Auslöser des Blutbads am 3. September 2004 folgert der Bericht, dass kurz nach 13.00 Uhr Ortszeit zunächst zwei Granaten an der Wand und auf dem Dach der Turnhalle explodiert seien. Diese seien wahrscheinlich von den russischen Sicherheitskräften abgeschossen worden, um Terroristen in der Halle auszuschalten. Die verheerende Explosion der Terroristenbombe in dem Sportsaal, der viele Geiseln zum Opfer fielen, sei erst im Gefecht 20 Minuten später erfolgt.

Friedemann Kohler/DPA DPA

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