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Russland: Reparaturbedürftige Großmacht

Die Angst russischer Männer vor der Armee ist verständlich - bis zu 3000 Soldaten kommen jedes Jahr ums Leben. Das glückliche Ende im jüngsten U-Boot-Drama kann die desaströse Lage des Militärs nicht verschleiern.

Die sieben Matrosen aus dem verunglückten Mini-U-Boot sind dem Tod entronnen. Doch sie verdanken ihr Leben nicht russischem Geschick und russischer Technik. Britische Spezialisten befreiten das hilflose Tauchboot aus den Seilen einer Horchanlage und eines Fischernetzes. Russland habe die Lehren aus dem Untergang des Atom-U-Bootes "Kursk" mit 118 Toten vor fünf Jahren nur unvollständig gezogen, darin war sich die russische Öffentlichkeit einig. Die Wellen der Kritik brandeten bis hoch zu Präsident Wladimir Putin. "Ein voller Erfolg. Und eine vollständige Niederlage" - so fasste die Moskauer Zeitung "Moskowski Komsomolez" die Rettung der Seefahrer vor der Halbinsel Kamtschatka zusammen.

Putin ging am Montag Routine-Regierungsgeschäften nach und äußerte sich wie in den Tagen zuvor nicht zu dem Drama im Fernen Osten seines Landes. "Der Kreml scheint nicht zu verstehen, dass es von selbstbewusster Führung zeugt, wenn man Verantwortung übernimmt", kritisierte die englischsprachige Zeitung "Moscow Times". Während der Katastrophe der "Kursk" hatte Putin tagelang geschwiegen, genauso während der Geiselnahmen in Moskau 2002 und in Beslan 2004. Gleichzeitig war allen Beteiligten klar, dass es ohne Putins vorherige Hinwendung zum Westen wohl kaum den rettenden Hilferuf an die Seestreitkräfte der früheren Gegner gegeben hätte. "Danke, dass ihr auf die militärische Geheimhaltung gepfiffen habt!", rief das Blatt "Komsomolskaja Prawda" der Führung zu.

Oben oder unten?

Nach dem "Kursk"-Unglück vom August 2000 hatte die Marine zugesagt, besseres Rettungsgerät für die U-Bootflotte anzuschaffen. Davon war in der neuen Krise nichts zu sehen. Die drei anderen Tauchboote der Pazifikflotte lagen reparaturbedürftig an Land. Einsatzfähig war nur eine ferngesteuerte Unterwasserkamera "Tiger", die aber kein Schneidewerkzeug hat. Der Hauptärger der Öffentlichkeit traf die Seestreitkräfte. Wie oft in Russland entspann sich die Diskussion, ob die Schuldigen oben oder unten zu suchen seien. "Man wird wohl alles meinem Mann anlasten, weil er angeblich jung und unerfahren sei", befürchtete Jelena, die Frau des U-Boot-Kapitäns Wjatscheslaw Milaschewski (25). "Dabei kann er mit dem Tauchapparat virtuos umgehen."

Doch diesmal schlug der Blitz zuerst oben ein: Der auslaufende Vertrag mit Marinekommandeur Admiral Wladimir Kurojedow werde nicht verlängert, kündigten Offiziere im Verteidigungsministerium an. Kurojedow, ein Freund Putins, hatte als Kommandeur schon das "Kursk"-Desaster und den Untergang des ausgemusterten Atom-U-Bootes K-159 mit neun Toten 2003 politisch überstanden. "Wie viele Unglücke müssen noch geschehen, damit endlich kompetente Leute an die Spitze der Seestreitkräfte gesetzt werden?", fragte die "Nesawissimaja Gaseta".

Katastrophale Zustände in den Streitkräften

Doch das glückliche Ende im jüngsten U-Boot-Drama kann nicht über die katastrophale Lage in den meisten Einheiten der russischen Streitkräfte hinwegtäuschen. Panzer verrosten, Kampfbomber müssen am Boden bleiben und die U-Boote schaffen es nicht mehr in den sicheren Hafen. "Wir müssen endlich mehr Geld investieren, damit sich solche Tragödien nicht wiederholen", fordert der Parlamentsabgeordnete Viktor Iljuchin, der die patriotische "Bewegung zur Unterstützung der Armee" anführt. Die russische Armee, einst der Stolz der Sowjetunion, hat in den vergangenen Jahren deutlich an Prestige verloren. Wenn Präsident Wladimir Putin von Modernisierung spricht, hat er vor allem die Nuklearwaffen im Sinn.

Mit der "Erfolgsmeldung", das Militärbudget im Vorjahr um acht Prozent erhöht zu haben, erntete die Regierung in Moskau bei russischen Experten nur ein müdes Lächeln. Nach Schätzungen machen die Militärausgaben nur ein Dreißigstel des Verteidigungshaushaltes der USA aus. Dabei sind die Armeen von der Personalstärke beinahe gleich groß. Besonders unter den etwa 400.000 russischen Offizieren ist Unmut weit verbreitet. Viele Luftwaffenpiloten müssten von monatlich 4500 Rubel (knapp 150 Euro) ihre Familien ernähren, beklagte der Kommandeur der Luftstreitkräfte, General Wladimir Michailow, im Januar. Selbst Offiziere mit Kriegserfahrung in Afghanistan oder Tschetschenien verdienen weniger als Wehrpflichtige in den meisten Nato-Ländern.

Die unter Putin deutlich gestiegene Korruption macht auch vor den Kasernentoren nicht halt. Ein Millionengeschäft ist beispielsweise mit Attesten und Gutachten zu machen, die jungen Männern den gefürchteten Wehrdienst ersparen. Schätzungsweise 300 Millionen Euro steckten sich im vergangenen Jahr die Beamten und Offiziere in den Einberufungsbehörden in die eigene Tasche, wie die renommierte russische Anti-Korruptions-Stiftung "Indem" im Juli mitteilte. Vor vier Jahren hätten die Zahlungen die "Drückeberger" noch 10 Millionen Euro betragen.

Angst vor der Armee

Die Angst der jungen Männer vor der Armee ist in Russland durchaus verständlich. Nach einem Bericht des Komitees der Soldatenmütter kommen jedes Jahr 3000 russische Soldaten ums Leben. Das russische Verteidigungsministerium schätzt die Zahl der toten Soldaten auf 1100. Etwa jedes sechste Opfer wird nach Angaben der Soldatenmütter von Kameraden oder Vorgesetzten getötet, viele Soldaten begingen Selbstmord.

Friedemann Kohler und Stefan Voß/DPA / DPA