Gibraltar "Lieber tot als spanisch"


Gibraltar feiert den 300. Jahrestag der britischen Eroberung. Die Bevölkerung fühlt sich ebenso britisch wie ihre Landsleute im Mutterland - Spanien hält jedoch weiter an seinem Anspruch auf Gibraltar fest.

Als die imposante Flotte unter Admiral George Rooke im Morgengrauen des 4. August 1704 das Feuer eröffnete, war das Schicksal Gibraltars besiegelt. Nur sechs Stunden nach dem ersten Kanonendonner entschloss sich der spanische Militärgouverneur Diego de Salinas angesichts der riesigen Übermacht zur Kapitulation. Die Rechnung der Briten war aufgegangen: Sie hatten die Wirren des spanischen Erbfolgekrieges genutzt, um den strategisch wichtigen Felsen an der Nahtstelle zwischen Mittelmeer und Atlantik zu besetzen. 120 Tote gab es auf beiden Seiten.

Die südländische Sonne brennt unbarmherzig

300 Jahre danach regeln in Gibraltar "Bobbys" den Verkehr, die Restaurants entlang der "Main Street" servieren "Fish and Chips", und in den Pubs der britischen Kronkolonie gibt es Guinness. Bezahlt wird selbstverständlich in Pfund. Nur einen Steinwurf vom nächsten spanischen Ort, La Línea de la Concepción, entfernt, wirkt die winzige Halbinsel auf den Besucher wie eine beliebige englische Kleinstadt. Einige markante Unterschiede gibt es allerdings: Die südländische Sonne brennt unbarmherzig, es wird rechts gefahren, und die 30.000 Einwohner sprechen neben Englisch allesamt ein fließendes Spanisch mit starkem andalusischen Akzent.

Die "Gibraltareños" fühlen sich aber ebenso britisch wie ihre Landsleute im Mutterland - und wollen daran auch nichts ändern. Als Madrid und London vor zwei Jahren kurz davor standen, sich die Souveränität über das 6,5 Quadratkilometer große Gebiet zu teilen, ging ein Aufschrei durch die Besitzung. "Lieber tot als spanisch", war auf den Demonstrationen zu hören. Und in einem Referendum im November 2002 stimmte 99 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib unter britischer Herrschaft - nur 187 Bewohner votierten dagegen. Zwar wurde die Abstimmung weder von Spanien noch von Großbritannien anerkannt, doch ihren Zweck erfüllte sie trotzdem: Die Verhandlungen liegen seither auf Eis.

Spanien ist gar nicht "amused"

Als Ende Juni Prinzessin Anne Gibraltar anlässlich der Jubelfeiern zum 300. Jahrestag der Eroberung besuchte, war Spanien gar nicht "amused". Die Regierung sprach von einer "unpassenden Geste", die die Empfindungen der Spanier verletze und bestellte den britischen Botschafter ins Außenministerium ein. Der Protest wiederholte sich, als kurz darauf ein Atom-U-Boot der Royal Navy im Hafen der Kolonie festmachte.

Das Wappen Gibraltars zieren eine Burg mit drei roten Türmen und einem Schlüssel. Diesen wollen die Bewohner am liebsten selbst in der Hand haben. "Wir streben das Recht auf Selbstbestimmung an, aber ohne unsere enge Bindung zu Großbritannien aufzugeben", erläutert "Chief Minister" Peter Caruana das lang gehegte Ziel. Denn für die meisten Bewohner der Kolonie bleibt Spanien ein rotes Tuch - obwohl viele von ihnen spanische Ehepartner haben und ein Haus an der Costa del Sol besitzen. Aber die Erinnerung an die Zeit, als Diktator Francisco Franco (1939-1975) die Grenze zu Gibraltar schloss, ist noch wach. Das war 1969. Erst 1985, zehn Jahre nach der Rückkehr Spaniens zur Demokratie, ging der Schlagbaum wieder hoch.

"Alles Schikane"

"Um nach Spanien zu gelangen, mussten wir eine Fähre nach Tanger (Marokko) nehmen und von dort nach dem südspanischen Algeciras übersetzen", erzählt die Besitzerin einer Boutique in der "Governor’s Street". Heute geht das zwar einfacher. Aber die "Gibraltareños" müssen wegen der Kontrollen der spanischen Polizei an der Grenze oft lange Wartezeiten ertragen, der Flughafen, dessen Rollbahn man auf dem Weg ins Zentrum überqueren muss, kann nur von Großbritannien aus angeflogen werden. Spanien hält auch die Kontrolle über die knappen Telefonleitungen. "Alles Schikane", schimpfen die Einwohner.

Während Madrid an seinem Anspruch auf das Gebiet festhält und Gibraltar als illegales Steuerparadies und einen Anachronismus der Geschichte betrachtet, wird in der Kolonie stets an eine alte Legende erinnert: Danach wird Gibraltar erst dann aufhören, britisch zu sein, wenn es die Affen nicht mehr gibt, die den 425 Meter hohen Kalkfelsen an seiner Ostseite bevölkern. Als diese seinerzeit vom Aussterben bedroht waren, soll Winston Churchill für Nachschub aus Marokko gesorgt haben. Inzwischen ist ihre Population auf gut 160 Exemplare angewachsen - Tendenz steigend.

Jörg Vogelsänger/DPA DPA

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