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Gordon Brown: Eine glücklose Regierungszeit

Ein ganzes Jahrzehnt hatte Gordon Brown sehnsüchtig darauf gewartet, das Amt des britischen Premierministers zu übernehmen. Als sein Vorgänger Tony Blair dann im Juni 2007 endlich zurücktrat, war die Stunde des ewigen Schatzkanzlers gekommen.

Ein ganzes Jahrzehnt hatte Gordon Brown sehnsüchtig darauf gewartet, das Amt des britischen Premierministers zu übernehmen. Als sein Vorgänger Tony Blair dann im Juni 2007 endlich zurücktrat, war die Stunde des ewigen Schatzkanzlers gekommen. Für kurze Zeit lief alles bestens, und die regierende Labour Party schob sich in den Umfragen erstmals seit Monaten wieder vor die oppositionellen Konservativen. Doch dann folgte ein Fiasko dem anderen, und Brown könnte nun als glückloser Premier in die Geschichte eingehen.

Der heute 59-jährige Schotte dürfte es tausende Male bereut haben, dass er nach der Übernahme des höchsten Regierungsamtes von Blair nicht umgehend Neuwahlen anberaumte. Der Wechsel hatte seine Partei beflügelt, und Browns Sympathiewerte schossen nach oben, weil er die Opfer des Hochwassers vom Sommer 2007 umgehend besuchte und ihnen unbürokratisch Hilfe zukommen ließ. Die Medien spekulierten unaufhörlich über Wahlen im Herbst.

Doch dann fielen die Umfragewerte wieder, und Brown zögerte. Schließlich verkündete er, es werde im Jahr 2007 keine Neuwahl geben, weil er zunächst sein politisches Programm abarbeiten wolle. Die Medien schalten ihn daraufhin als Zauderer, dem es an Entscheidungsfreudigkeit mangele.

Ein großer Rückschlag für Browns Regierung war die im Herbst 2008 einsetzende Wirtschafts- und Finanzkrise. Diese ging einher mit Einbrüchen am Immobilienmarkt, was in einem Land von Eigenheimbesitzern wie Großbritannien immer hohe Wellen schlägt. Zu Beginn konnte Brown mit seiner langjährigen Erfahrung als Schatzkanzler noch Führungsstärke zeigen. Doch eben wegen seiner zehn Jahre als Finanzchef wurde er nun mitverantwortlich gemacht für die globalen Auslöser der Krise.

Davor hatte man Brown stets für den vorherigen Aufschwung gelobt. So ist es eine bittere Ironie des Schicksals, dass sich unter seiner Regierung das Blatt zu wenden begann. Nachdem er zehn Jahre lang auf das Amt des Premierministers gewartet hatte, schien das Glück ihn just in dem Moment zu verlassen, als er sein Ziel endlich erreicht hatte.

Hinzu kam dann noch der Spesenskandal. Britische Parlamentarier gerieten zunehmend in Verruf mit Enthüllungen, dass sie neben Zweitwohnsitzen auch Hauspersonal, Mahlzeiten in Luxusrestaurants und sogar Gartenteiche, Rasendünger und Pornofilme als Spesen abgerechnet hatten. Der regierenden Labour Party wurden solche Vergehen noch stärker angekreidet als der Opposition, zumal Brown auch selbst betroffen war. Er hatte strittige Aufwandsentschädigungen von rund 12.000 Pfund (knapp 14.000 Euro) beansprucht.

Der in Glasgow geborene Pfarrerssohn warb schon als Zwölfjähriger um Stimmen für Labour. Er studierte Geschichte an der Universität Edinburgh, und seine Doktorarbeit befasste sich mit den Verbindungen zwischen der Labour Party und den schottischen Gewerkschaften. Wie Blair wurde auch Brown 1983 erstmals ins Londoner Unterhaus gewählt. Es war der Anfang einer langen Rivalität.

Als der Labour-Vorsitzende John Smith 1994 einem Herzanfall erlag, galten beide als Anwärter auf dessen Nachfolge. Dem Vernehmen nach schlossen sie damals in einem Londoner Pub folgenden Deal: Blair solle Parteichef und damit nach einem Labour-Wahlsieg Premierminister werden und Brown Schatzkanzler. Blair hätte dann nach der Hälfte seiner zweiten Amtszeit zugunsten Browns zurücktreten sollen.

Blair blieb jedoch bis zur Mitte seiner dritten Amtszeit Premierminister, und Brown scheint deswegen immer noch verbittert. Denn Blair konnte sich im damaligen Wirtschaftsboom sonnen, während dies dem Schatzkanzler nach der Regierungsübernahme nicht mehr vergönnt war.

Annedore Smith, APN / APN