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M. Streck: Last Call: Motherf***ing c***suckers - Wenn das Fluchen plötzlich Geld kostet

Im englischen Rochdale sollen die Bürger künftig Bußgelder zahlen fürs Fluchen. Unser Kolumnist Michael Streck glaubt, dass Rochdale kein guter Ort für ihn wäre. Er würde dort wohl arm.

Fluchen am Steuer

Fluchen am Steuer - sowas kann im englischen Rochdale künftig ziemlich ins Geld gehen

Manchmal gehen mit mir die Gäule durch. Ich schäme mich danach selbst ein klein wenig, wenn ich etwa vor dem sitze und auf den Drucker fluche, der nicht funktioniert, oder das Internet, das nicht funktioniert oder auf Bayern München, weil ich immer auf die fluche. Das ist so eine Angewohnheit. Ich sage bei diesen Gelegenheiten ziemlich viele Schimpfwörter auf, "Scheiße" ist vermutlich noch das vornehmste darunter.

Einmal, auf einer sommerlichen Reise, filmten mich meine Frau und meine Töchter, wie wir im Stau standen an der bosnischen Grenze und ich einen leichten oder doch eher schweren Tobsuchtsanfall bekam und russische Autofahrer beschimpfte und bosnische Zöllner und mich meine Frau nicht mal mit dem Hinweis beruhigen konnte "Guck mal, vor uns ist ein Bayern-Fan". Ich schimpfte mich durch einen 16 Kilometer langen Stau. Danach war ich richtig erschöpft. Dieses Videodokument gehört fraglos zu den peinlichsten meines Lebens.

Rochdale hat noch ein paar andere Probleme

Die Stadt Rochdale nahe Manchester wäre künftig wohl kein guter Ort für mich. In Rochdale, das erwägt der Rat der Stadt, soll das öffentliche Fluchen unter Strafe gestellt werden. Man möchte damit das Image der Stadt aufbessern und antisoziales Verhalten eindämmen. Fluchen könnte dort künftig bis zu 100 Pfund kosten, Wiederholungstäter zahlen mehr. In Rochdale würde ich arm. Wer bislang noch nicht wusste, dass in Rochdale offenkundig mehr geflucht wird als andernorts, weiß das nun. Vielleicht leben dort aber einfach auch nur mehr Menschen mit Tourette-Syndrom. Das würde es zumindest wissenschaftlich erklären.

Nun hat Rochdale noch ein paar ganz andere Probleme als Leute, die fluchen. Brexit natürlich auch. Aber die Stadt war wegen eines üblen Kindesmissbrauchsskandals vor Jahren landesweit in den Schlagzeilen. Erst im Februar wurden fünf Männer wegen sexueller Übergriffe auf minderjährige Mädchen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Einige Bewohner fragen sich deshalb öffentlich, ob die Behörden nichts Wichtigeres zu tun hätten als "shit" und "fuck"-Sager abzustrafen. Einer, offenbar sehr ortskundig, twitterte: "Ich habe von 2003 bis 2007 im Stadtzentrum gearbeitet. Und ich kann nur sagen, dass man in Rochdale gar nicht anders kann als fluchen."

Gillian Duffy, eine ältere Dame von heute 72 Jahren, ist vermutlich Rochdales berühmteste Flucherin. Während des Wahlkampfs 2010 soll sie den damaligen Premierminister Gordon Brown gefragt haben "Where are they fucking from?", als sie über osteuropäische Einwanderer debattierten. Brown nannte Frau Duffy damals "eine bornierte Frau", galt fortan selbst als borniert und verlor die Wahlen. Gillian Duffy behauptet bis heute, sie habe ein ganz anderes F-Word benutzt, nämlich "flocking" statt "fucking".

Die Dame wurde jedenfalls auch einvernommen als Expertin zum geplanten Bann und befürwortet ihn sehr. Einer Zeitung erzählte Frau Duffy, dass sie neulich im Bus ein dauerfluchendes Schulmädchen zur Räson rief mit der recht klaren Anweisung, es solle seine "schmutzige Schnauze halten". Das Mädchen parierte brav.

Die Liste der sieben Un-Worte

Prinzipiell aber zeitigen Fluchverbote in den seltensten Fällen durchschlagende Wirkung. Wir lebten früher in Amerika, dort gab und gibt es einen Index von verbotenen Worten, die man weder sagen noch schreiben darf. Und zwar nie, nie, nie. Diese sieben Ur-Un-Wörter auf der Tabuliste sind: shit, piss, fuck, cunt, cocksucker, motherfucker und tits. Aber das würde in einer amerikanischen Zeitung niemals stehen, sondern: s**t, p**s, f**k, c**t, c**s***, mother*** und t**s Diese Urliste geht im Übrigen auf den wunderbaren Komödianten George Carlin, der sie 1972 in einem legendären Monolog mit dem Titel "Seven Words you can never say on Television" selbstverständlich zur Aufführung brachte. Danach brach das Theater natürlich erst recht los, genau das wollte Carlin ja. Der Oberste Gerichtshof (!) verbannte diese Wörter dann in einem Urteil von 1978 aus dem Radio- und Fernsehsprachraum. Momentan weichen in Amerika die Dinge etwas auf. Sie haben jetzt einen Präsidenten, der selbst gerne flucht und verbotene Dinge sagt.

In Großbritannien ist es noch nicht ganz so schlimm wie in den Staaten. Aber vielleicht sind wir auf dem Weg dorthin. Es gibt ja schon zwei Gemeinden mit offiziellem Schimpf-Bann. Salford Quays, ein hübscher Vorort von Manchester, führte ihn ebenso ein wie Kettering. In Salford stellten daraufhin ein paar listige Menschen eine sogenannte "Fluch-Bank" hin, auf der man sitzen und schimpfen kann gegen einen kleinen Aufpreis. Außerdem trat ein Chor auf und sang englische Schimpfwörter. Und sie haben wirklich herrliche Schimpfworte hier, allein für Idiot mehr als ein Dutzend Synonyme. Auch im Deutschen gibt es dafür viele Worte, sie hören sich aber nicht entfernt so schön an wie nincompoop, dimwit, dope, dork, dunce, klutz, moron, oaf, numbskull, nitwit, numpty, prat, putz, twerp, twit, jerk oder wally. Meines Erachtens kann es in diesen Zeiten gar nicht genug davon geben.

In Rochdale wird die ganze Chose vermutlich ähnlich ausgehen wie in Salford Quays. Natürlich werden die Menschen weiter fluchen. Und momentan wohl besonders auf diesen "fucking swearing ban". So was Dämliches können sich in Wahrheit nur cunts, cocksuckers oder motherfuckers ausgedacht haben, denen man am liebsten noch ein ehrliches "shit", "piss" und "tits hinterherrufen möchte.

Sorry, das musste ich kurz loswerden. Diese Kolumne entsteht nämlich während einer Zugfahrt mit typisch britischer, also chronischer Verspätung. Jetzt geht es mir besser. Und das verdammte Internet funktioniert auch wieder.

"Scheiße, ja!": Darum sind fluchende Menschen klüger