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Abstimmung in Großbritannien: Die Brexit-Kampagne: mehr Verlierer als Gewinner

Bald haben es die Briten geschafft: Die Brexit-Abstimmung steht bevor und danach endet hoffentlich die unbritisch-unterirdische Debatte, die mehr Verlierer als Gewinner hervorgebracht hat.

Von Michael Streck, London

Brexit Boris Johnson David Cameron

Der eine ist für den Brexit, der andere dagegen - aber beide sind in der gleichen Partei: Boris Johnson (l.) und Premier David Cameron

Wie die Kesselflicker haben die Briten in den vergangenen Wochen und Monaten über die Frage gestritten: Raus aus der EU oder drinbleiben? Das Niveau der Debatte: unbritisch-unterirdisch - auch und vor allem auf Seiten der Politik. Unabhängig vom Ausgang stehen schon jetzt die Gewinner und Verlierer fest. Das es mehr Verlierer als Gewinner gibt, auch das sagt einiges aus.

GewinnerVerlierer
Boris Johnson, Out-Kampagne: Der frühere Londoner Bürgermeister hat sich geschickt in Stellung gebracht für eine Nachfolge um den Posten von Premier David Cameron. Flamboyant, aber auch ruchlos und mit ungeheurem Machtinstinkt. Er schloss sich dem "Leave"-Lager an, weswegen ihn seine Parteikollegin Amber Rudd schroff einen Opportunisten nannte, "den nur eine Zahl interessiert": Number 10, Downing Street. Zuweilen klang Johnson wie ein Vertreter der anti-europäischen UKIP-Partei. Ob er wirklich so ein überzeugter EU-Gegner ist, wie er vorgaukelte - zweifelshaft. Sein Vater und seine Schwester warben für die "In"-Seite. Johnson hätte deren Argumente wohl ebenso leidenschaftlich vertreten können.David Cameron, In-Kampagne: Der amtierende Premier wird sich in den vergangenen Wochen reichlich oft gedacht haben, warum er dieses Referendum überhaupt lostrat. Er wollte damit ursprünglich den rechten Rand seiner Partei befrieden und obendrein den Rechtsauslegern von UKIP das Wasser abgraben. Beides ist nicht richtig gelungen. Seine Partei ist zerrissen wie nie, das Land gespalten. Auf Großbritannien kommt nun mehr eine Phase der Aussöhnung zu. Und im Falle eines Brexits eine extrem ungewisse Zukunft. Streng genommen nur deshalb, weil Cameron seine Wiederwahl sichern wollte. Man kann es auch so sehen: In Sachen Opportunismus steht er seinem Widersacher Boris Johnson nicht viel nach 
Nicola Sturgeon, Gordon Brown und die Schotten, In-Kampagne: Eine partei-übergreifende Allianz der Souveränität aus dem Norden. Sturgeon, Vorsitzende der Scottish National Party (SNP) und ihr Vorgänger Salmond, überzeugten in den TV-Debatten und verliehen der oft erschreckend niveaulosen Diskussion Tiefe. Beide klammerten sich nicht nur an die ökonomischen Horror-Szenarien für den Brexit-Fall, sondern erklärten den Briten mit Empathie, dass Europa mehr sei als eine schnöde Kosten-Nutzen-Rechnung. Die schottische Tory-Chefin Davidson bewies zudem, dass die Konservativen in Schottland wieder eine charismatische Figur besitzen. Und der frühere Premierminister Gordon Brown zeigte, dass er der vielleicht beste Ex-Premier ist. Brown sprang wie schon vor zwei Jahren bei der Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit seinem Nachfolger Cameron zur Seite. Und könnte ihm womöglich abermals den Job gerettet haben.Die Eliten und der politische Anstand: Auf beiden Seiten: Wenn irgendwann Historiker auf diese Zeit zurückblicken, werden sie vermutlich zu dem Schluss kommen, der Sommer des Jahres 2016 sei insgesamt unwürdig unbritisch gewesen. Die Insulaner, Erfinder der gepflegten Debattenkultur, erlebten ein All-Time Low. Mit infamen Übertreibungen, glatten Lügen, Zynismus und Lautstärke. Die Politiker, obschon vom Volk gewählt, redeten am Volk vorbei. Lautstärke dominierte, wo Fakten gefragt waren. Und das merkten die Leute: In den Umfrage-Ergebnissen sank die politische Klasse ziemlich exakt auf das Niveau der Debatte. J.K Rowling, die Harry Potter-Autorin, zeigte sich entgeistert. "Ich weiß, wie man ein Monster schafft", schrieb sie auf ihrer Webseite, und verglich die Bösartigkeit der Rhetorik mit ihrer Schöpfung "Lord Voldemort". Man darf gespannt sein, wie lange die Nation braucht, um sich davon zu erholen. Oder: ob überhaupt.
Sadiq Khan, neuer Labour-Bürgermeister von London, In-Kampagne: Er kam, sah, siegte bei den Wahlen in London. Und bereicherte dann mit sanfter Stimme und sachlichen Argumenten den Wahlkampf. Khan, erster muslimischer Bürgermeister einer westlichen Metropole, trat sogar gemeinsam auf mit David Cameron auf, der ihn Wochen zuvor noch einen Extremisten geschimpft hatte. Am Dienstag diskutierte er beim letzten großen Fernseh-Duell in London auch mit seinem Vorgänger Boris Johnson an. Er hatte zuvor 19 Stunden lang nichts gegessen und getrunken, Ramadan. Khan wirkte konzentriert, klar und präzise. Und demonstrierte Millionen Zuschauern, dass die Labour Party doch noch existiert. Das hätte man nämlich leicht vergessen können.Jeremy Corbyn. Labour-Chef und seine gesamte Partei, In-Kampagne: Das Referendum wäre eine Chance gewesen für die angeschlagene Volkspartei und deren blassen Vorsteher, wieder an Statur zu gewinnen. Sie wurde auf groteske Art verspielt. Corbyn tauchte ab. Und wenn er sich mal äußerte, dann derart kryptisch, nicht nur seine Berater fragten: Wofür ist er denn? Drin oder draußen? Das fragten sich auch die Wähler. Bis zur Abstimmung wusste fast 50 Prozent der Wähler nicht, welche Position die Partei vertritt. "Jeremy", sagte ein Freund, "hat keine Ahnung, wie die Leute außerhalb von seinem Wahlkreis ticken." Wie Labour die nächsten Wahlen gewinnen will, ist eines der vielen Rätsel, das dieses Referendum hinterlässt.
Die Briten: Am Donnerstag ist der Irrsinn vorbei. Keine TV-Debatten mehr, keine schäbigen Poster mehr, keine Lügen und Übertreibungen.Die Briten: Am Donnerstag ist der Irrsinn zwar offiziell vorbei. Aber danach geht es richtig los. Egal, wie es ausgeht.

Die Europäische Idee: Monatelang wurde an ihr gezerrt, gerüttelt und auf ihr herumgetrampelt. Selbst die Europa-Befürworter verstanden es nicht, den Briten die Vision der Union schlüssig näherzubringen. Es hörte sich stets so an, als die EU bei der Frage von "Bleiben" oder "Gehen" das geringe der beiden Übel. Passion geht anders. Die Diskussion schwappte irgendwann natürlich auch auf den Kontinent. Und auch dort infizierte sie die Menschen. Wie würden wir eigentlich abstimmen, wenn wir dürften? Europa hat schon bessere Tage gesehen.


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