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Interview

UN-Klimagipfel: Kommunikations-Experte bewertet Gretas Ansprache: "Rede war stark und nicht zu emotional"

Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat vor dem UN-Klimagipfel eine wütende Rede gehalten. Kommunikationsberater Johannes Hillje sagt im stern-Interview, was diese Wut beim Publikum bewirkt und was Thunberg hätte besser machen können.

Emotionale Rede: "Was erlaubt ihr euch?" Greta Thunberg liest den Politikern beim UN-Klimagipfel die Leviten

Wie bewerten Sie die Rede von Greta Thunberg vor den Staats- und Regierungschefs beim UN-Weltklimagipfel? War sie ein Erfolg?

Ja. Es ist sehr mutig von Greta Thunberg, Staatschefs aus aller Welt in dieser Deutlichkeit mit ihrer unzureichenden Klimapolitik zu konfrontieren. Welcher 16-jährige Mensch traut sich das schon? Dabei steht Gretas emotionale Anklage ja auf einem überzeugenden Fundament: Sie beruft sich  auf den wissenschaftlichen Konsens und fordert deshalb eine bessere Klimapolitik von den Verantwortlichen.

Was hätte Thunberg besser machen können?

Natürlich kann man über einzelne Formulierungen streiten, aber ich halte es für unangemessen, an eine 16-Jährige die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an erfahrene Politiker. Gretas Verärgerung ist echt, deshalb war das eine starke Rede. Gestandene Politiker machen sich lächerlich, wenn sie einer 16-Jährigen überzogene Emotionalität vorwerfen. Mit solchen Vorwürfen wollen manche nur von Gretas inhaltlicher Kritik ablenken. Diese Taktik nutzt auch US-Präsident Donald Trump immer wieder – so auch jetzt, wenn er sich über Thunberg lustig macht. Auf eine Debatte über eine vermeintlich zu emotionale Rede sollte man sich nicht einlassen.

Hat Sie die Wut überrascht, mit der sie gesprochen hat?

Nein, hat sie nicht. Thunbergs verschärfte Tonlage ist der Tatsache geschuldet, dass sie seit einem Jahr großen Zuspruch von Politikern bekommt, diese aber in zu kleinen Schritten handeln. Damit kann sie nicht zufrieden sein. Und wie gesagt: Greta verbindet Pathos und Logos (etwa: "Gefühl und Verstand", Anm. d. Red.). Ihre Forderungen sind nicht radikal, sondern wissenschaftlich. Aber natürlich setzt sie auch auf Emotionen, um weiter Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu erregen.

Was bewirkt diese Emotionalität beim Publikum? Rüttelt sie auf oder sorgt sie eher für Ablehnung?

Beides. Von ihren Unterstützern bekommt sie damit große Zustimmung, bei ihren Kritikern stößt sie auf große Ablehnung. Trotzdem haben wir in Deutschland beim Thema Klimaschutz ja den gesellschaftlichen Konsens, die Erderwärmung aufzuhalten. Der Konflikt dreht sich hier eher darum, welche Maßnahmen notwendig sind, um das Ziel zu erreichen Das ist normal in einer Demokratie. Die Debatte über die richtigen Maßnahmen ist aber anstrengend und  erfordert Fachwissen. Für die Gegner von Thunberg ist es da bequemer, mit der Frage, ob die Rede zu emotional war, vom eigentlichen Thema abzulenken.

Wird diese Rede in Erinnerung bleiben?

Das nehme ich an. Es kommt nicht oft vor, dass ein so junger Mensch vor den Regierungen dieser Welt so mutig und wortgewandt redet. Ich hoffe, dass sie aber nicht nur wegen der Emotionalität in Erinnerung bleibt: Wir haben ein stetig kleiner werdendes CO2-Budget, um dem Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten. Insofern hat Greta die nüchternden Fakten emotional vorgetragen. Ihre Rede ist daher erinnerungswürdig.