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Rentenssystem in Not: Was ist dran am Mythos des reichen griechischen Rentners?

Mit Mitte 50 in Rente und üppige Altersbezüge - so lautet das Klischee über das Rentensystem des Krisenlandes. Doch ein genauer Blick enthüllt: Solche Privilegien genießt nur eine sehr kleine Minderheit.

Von Niels Kruse

Rentner in Griechenland protestieren

Warten darauf, das was passiert. Die von EU und IWF verlangten Rentenkürzungen wollen diese Ruheständler nicht hinnehmen

"Weitere Rentenkürzungen sind unmöglich." Mit diesem Basta wollte Alexis Tsipras die Geldgeber Griechenlands noch vor wenigen Tagen in die Schranken weisen. Die Renten, so der griechische Regierungschef im "Tagesspiegel", seien zwischen 2010 und 2014 um bis zu 50 Prozent gekürzt worden, "was weitere Eingriffe in diesen sensiblen Bereich unmöglich macht". Der - fraglos marode - Zustand des griechischen Rentensystems ist einer der Knackpunkte in den Dauerverhandlungen zwischen Athen und den Geldgebern. Nun ist Tsipras aber offenbar doch eingeknickt. Laut der neuen Reformliste sollen die Frühverrentungen gestoppt und die Altersbezüge weiter gekürzt werden.

 Für die Alten und Ruheständler wäre dies eine bittere Pille, denn der genaue Blick auf die Rentenleistungen zeigt, dass das System nicht nur ungerecht ist, und das teuerste in ganz Europa ist, sondern auch deutlich weniger paradiesisch, als es vor allem in der deutschen Presse gerne dargestellt wird. Außerdem gibt es keine Sozialleistungen wie in Deutschland, so dass die Rente für viele Familien die einzig legale Einkommensquelle ist.

 Das System im Überblick

  • Insgesamt gibt es 13 verschiedene Rentenkassen. Jede einzelne von ihnen mit anderen Regelungen sowie Lücken, um vorzeitig verrentet werden zu können.
  •  Das System steht allerdings vor dem Kollaps, weil auf einen Rentner derzeit nur zwei Arbeitende kommen, bei einigen Kassen soll dieses Verhältnis bereits bei 1:1 liegen. Da die Löhne dramatisch gefallen sind und die Schwarzarbeit enorm zugenommen hat, sind die Einnahmen der Rentenkassen eingebrochen.
  •  Besonders bitter: Die Rentenkassen haben nach dem Schuldenschnitt im privaten Bereich rund 13 Milliarden Euro ihrer Geldeinlagen verloren, weil sie griechische Staatsanleihen gekauft hatten.
  •  Die Standardrente - wenn über die volle Beitragszeit eingezahlt wurde - beträgt 80 Prozent des Durchschnittslohns und liegt bei rund 1100 Euro im Monat. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt sie 48 Prozent des Durchschnittslohns oder 1287 Euro (im Westen) und 1187 Euro (im Osten).
  •  Die Durchschnittsrente beträgt nach Angaben des Athener Sozialministeriums bei 665 Euro. In Deutschland 734 Euro (West) und 896 Euro (Ost). Seit 2009 sind die Durchschnittsrenten um rund 30 Prozent gekürzt worden.
  •  Fast 90 Prozent der Rentner sind über 61 Jahre alt. 44,8 Prozent der Rentner erhalten Altersbezüge, die unter der Armutsgrenze liegen.
  •  Ein großer Kostenblock sind Frühverrentungen – vor allem im öffentlichen Dienst. So können Mütter, die vom Staat beschäftigt werden, 50 Jahre alt sind und ein noch nicht volljähriges Kind haben, nach 25 Jahren in die Rente gehen.
  • Andere Staatsangestellte und Beamte gehen durchschnittlich mit 56 Jahren in den Ruhestand. Klingt früh, ist in Deutschland aber genauso.

Die Gläubiger sowie die Athener Regierung versuchen schon länger, das Rentensystem zu reformieren. Geplant ist unter anderem ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren für Griechen, die sich nach 1993 versichert haben. Bereits heute gilt, dass nur diejenigen einen Rentenanspruch haben, die 62 Jahre alt sind, mindestens 40 Jahre lang gearbeitet haben und Beiträge gezahlt haben. Geht es nach den Geldgebern, soll Griechenland mit Hilfe von Sofortänderungen in diesem Jahr 900 Millionen Euro und ab 2016 dann 1,8 Milliarden Euro einsparen. 

mit Agenturen