Die Bodycam-Aufnahmen eines schwerwiegenden Polizeifehlers nach einem Messerangriff in Southampton sorgen in Großbritannien für Empörung und haben eine Debatte über umgekehrten Rassismus und rechte Stimmungsmache ausgelöst.
Hintergrund ist die Verurteilung eines 23-jährigen Mannes wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Der verurteilte Mann aus der Sikh-Gemeinschaft hatte im Dezember 2025 einen weißen 18-jährigen Studenten auf dem Nachhauseweg mit einem Messer tödlich verletzt. Als die Polizei am Tatort eintraf, belog der 23-Jährige die Beamten und erklärte, der Weiße Henry Nowak habe ihn rassistisch beleidigt.
Auf dem Video ist zu sehen, wie der 18-jährige Nowak nach dem Angriff am Boden liegend stirbt – während die Polizisten ihm nicht helfen, sondern ihm stattdessen Handschellen anlegen. Dabei ruft der Student mehrmals „I can't breathe“ („Ich kann nicht atmen“). Zwar erklärte Nowak, dass auf ihn eingestochen worden war, doch die Polizisten antworteten: „Wo denn? Ich glaube das nicht!“
Berechtigte Kritik oder Stimmungsmache?
Der Prozess gegen den angeklagten Sikh ging am Montag mit der Verhängung einer lebenslangen Haftstrafe gegen den 23-Jährigen zu Ende. Das Video von dem Polizeieinsatz war im Laufe des Prozesses an die Öffentlichkeit gelangt. Die Aufnahmen wurden vielfach in Onlinediensten geteilt und kommentiert, unter anderem auch von US-Milliardär Elon Musk, der den Angehörigen des Opfers Geld für eine Privatklage gegen die Polizei anbot.
Vonseiten rechter und konservativer Politiker wurde als Ursache für den Fehler rasch die Bemühung um Rassismusbekämpfung ausgemacht. Liberale und linke Politiker hingegen witterten rechte Stimmungsmache.
Nigel Farage, der rechtspopulistische Chef der Partei Reform UK, die derzeit die Umfragen in Großbritannien anführt, sah einen umgekehrten George-Floyd-Moment gekommen. Der Fall des schwarzen Mannes, der in der US-Metropole Minneapolis durch Polizeigewalt zu Tode kam, war ein Schlüsselmoment in der Black-Lives-Matter-Bewegung. In einem Videoaufruf auf der Plattform X prangerte Farage eine angebliche Zweiklassenkultur an, „in der die Rechte und Privilegien weißer Menschen weniger zählen als die ethnischer Minderheiten“.
Der liberaldemokratische Abgeordnete Max Wilkinson warf Farage daraufhin vor, „eine Tragödie dazu auszunutzen, um Gemeinschaften in Großbritannien auseinanderzubringen“. Das sei „spaltend, gefährlich und fundamental unbritisch“, so Wilkinson.
Sorge vor neuem Krawallsommer in Großbritannien
Premierminister Keir Starmer bezeichnete den Fall als „furchtbar und schockierend“ und begrüßte eine angekündigte Untersuchung durch die Aufsichtsstelle für Polizeiverhalten IOPC. Er habe die Bodycam-Aufnahme gesehen, sagte er später in einer Videobotschaft, und bezeichnete sie als „erschütternd“. Als Vater eines 17-Jährigen sei ihm schlecht geworden beim Zusehen, so der Premier. Es gebe nun gewichtige Fragen zu beantworten, nicht zuletzt wie Rassismusvorwürfe die Entscheidungen in dem Fall beeinflusst hätten.
Innenministerin Shabana Mahmood sagte bei einer Debatte im Unterhaus, die Untersuchung solle innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden. Sie warnte jedoch davor, „dass dieser Mord dazu führt, dass Gemeinschaften aufeinander losgehen“. Ähnlich hatte sich auch der Vater des Opfers vor Gericht geäußert, wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtete: „Wir wollen nicht, dass sein Tod dazu benutzt wird, noch mehr Spaltung, Hass oder Spannung zu schaffen.“
Rechtsextremist Tommy Robinson rief hingegen in einem wütenden Video-Appell zu einem spontanen Protest vor dem Polizeihauptquartier in Southampton auf. Er weckte damit Befürchtungen vor einem neuen Krawallsommer. Robinson hatte eine unrühmliche Rolle beim Anheizen rassistischer Ausschreitungen im Sommer 2024 gespielt. Damals wurden England und Nordirland wochenlang von gewaltsamen Ausschreitungen erschüttert. Dem Aufruf folgten bis zum frühen Abend etwa 2000 Menschen, wie der britische Nachrichtensender Sky News berichtete.
Laut Mahmood musste bereits ein Polizist mit seiner Familie umziehen, weil er Morddrohungen erhalten hatte, nachdem er fälschlicherweise mit dem Vorfall in Verbindung gebracht worden war.