GROSSBRITANNIEN Der englische Patient


Tony Blair war der strahlendste Politiker Europas, und Großbritannien galt als Zukunftsmodell. Vorbei. Denn längst kränkelt nicht nur das Vieh, sondern das ganze Land. Dennoch hat Blair gute Aussichten, am 7. Juni wiedergewählt zu werden. Aus stern Nr. 22/2001.

Tony Blair war der strahlendste Politiker Europas, und Großbritannien galt als Zukunftsmodell. Vorbei. Denn längst kränkelt nicht nur das Vieh, sondern das ganze Land. Dennoch hat Blair gute Aussichten, am 7.Juli wiedergewählt zu werden

Der Stadtteil Stepney Green im Osten Londons beginnt nur zwei U-Bahn-Stopps von der Tower Bridge entfernt, gleich hinter den glitzernden Büropalästen der City. Der Kontrast könnte dramatischer nicht sein. Dort das Finanzzentrum mit Börse, Versicherungen und Banken. Allein auf dem Londoner Devisenmarkt setzen die Trader in diesem knapp drei Quadratkilometer großen Stadtteil Hunderte von Milliarden um. Dafür bekommen sie selbst zwischen 300 000 und drei Millionen Mark im Jahr. Hier die trostloseste und heruntergekommenste Gegend in England: Plattenbauten, brettervernagelte Abbruchhäuser, billige Videoshops, dealende Jugendliche. Die Hälfte der Einwohner sind Bengalen – asiatische Einwanderer in der dritten Generation, längst britische Staatsbürger geworden.

______________________________________________

Reaktionen in GroßbritannienThe Scotsman

Kommentar: »Stern words damn Blair?s Britain«

Übersetzung: »More Third World than Third Way«

Sky News

Kommentar »Germans Slam 'Sick' Britain«

Forum

»Mehr Dritte Welt als Europa – ist Cool-Britannia am Ende?« Was sagen Sie?

Forum lesen oder gleich Beitrag schreiben

______________________________________________

Hier ist Dritte Welt», sagt Dr. Sam Everington, «und ich betreibe hier Dritte-Welt-Medizin.» Fast täglich macht er nach seinem Zehn-Stunden-Dienst in der Praxis noch Hausbesuche mit seinem alten VW Golf. Er kennt Dutzende der winzigen Sozialwohnungen, wo es nach Curry und Armut riecht und die Wände so dünn sind wie die Nerven der Bewohner. Tuberkulose grassiert in diesen Quartieren, wo bis zu zehn Leute in einen Raum gepfercht zusammenleben. Viele Kinder gelten selbst nach den Maßstäben von Entwicklungsländern als unterernährt. Der 44-jährige Everington ist Arzt des National Health Service (NHS), des staatlichen Gesundheitswesens. Es garantiert allen Bürgern des Landes kostenlose Versorgung im Krankheitsfall. So weit die Theorie.

An diesem graukalten Morgen drängen sich im Wartezimmer in der Stayners Road wie immer die Patienten. Mütter wiegen schreiende Babys. Alte kauern apathisch in den engen Plastiksesseln, bis ihr Name irgendwann aufgerufen wird. Viele Frauen sind verschleiert.

Die erste Patientin ist hoch in den Achtzigern. In der Nacht war sie gestürzt und hatte sich den Meniskus im linken Knie verletzt. Everington müsste sie eigentlich gleich in ein Spital überweisen. Aber das lässt er bleiben. Denn Betten sind nur in äußersten Notfällen verfügbar – wenn überhaupt. Bei der Patientin müsste sofort eine Kniespiegelung gemacht werden. Doch bevor sie einen Termin bekommt, werden vier bis fünf Monate vergehen. Bis dahin verschreibt der Arzt starke Schmerzmittel und sicherheitshalber auch noch Antidepressiva.

»Oft fühle ich mich beschissener als die Patienten, weil ich ihr Leid sehe, es aber nicht lindern kann. Es fehlt wirklich an allem«, sagt Everington. Die Arbeitsbedingungen seien eigentlich genauso wie in seinem ersten Job – in einer Krankenstation im Busch von Simbabwe.

Für jeden Patienten hat er durchschnittlich sieben Minuten Zeit. Seit 15 Jahren praktiziert der Allgemeinmediziner nun im NHS und hat den schleichenden Verfall des einst weltweit gepriesenen britischen Gratis-Gesundheitssystems hautnah miterlebt.

Everington ist Labour-Sympathisant. Aber ob er die Partei am 7. Juni wieder wählen wird, hat er noch nicht entschieden. Blair habe gewaltige Altlasten von den Konservativen übernommen, vor allem im öffentlichen Dienst. Doch gerade in den

vergangenen vier Jahren sei in den britischen Krankenhäusern »alles noch viel schlimmer geworden. Viel Blabla, große Ankündigungen und nichts dahinter.« Für ihn hat die Blair-Revolution mehr Dritte Welt als »Dritten Weg« gebracht. Die meisten Kliniken seien überfüllt, schmutzig und hätten viel zu wenige Ärzte und Schwestern. Frauen und Männer liegen, häufig nicht einmal durch Vorhänge getrennt, in Räumen mit bis zu 30 Betten. Acht von zehn NHS-Medizinern würden lieber heute als morgen ihren Job hinschmeißen.

Für dringende Operationen gibt es lange Wartezeiten. Einer von Everingtons Patienten mit einem wuchernden Ge-

hirntumor bangt schon seit fünf Monaten dem ersehnten Anruf des Krankenhauses entgegen. Ein anderer mit Lungenkrebs wartet seit einem halben Jahr auf den OP-Termin. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation könnten jedes Jahr 25 000 Briten mit Krebserkrankungen überleben, wenn sie nicht auf das NHS angewiesen wären. Im Vergleich mit Großbritannien geben die USA das Doppelte, Deutschland das Anderthalbfache für die Gesundheitsversorgung aus. Everington: »Was hier bei uns passiert, ist eine nationale Schande.«

Vor vier Jahren hätte niemand hier geglaubt, dass es so kommen würde. Als Tony Blair mit einer Mehrheit von

179 Stimmen nach 18 Jahren die Konservativen ablöste und im Mai 1997 in die Downing Street einzog, ging ein

Ruck durch das ganze Land. An die Stelle des grauen John Major war der jugendliche Strahlemann Tony samt erfolgreicher Ehefrau und kleiner Kinder getreten. Blair beglückte das Volk mit seinem Mantra vom »Dritten Weg« und ließ sich als erster

Repräsentant von »Cool Britannia« feiern. Die Welt schaute voller Neid auf London, und die Engländer hatten endlich wieder etwas, worauf sie stolz sein konnten.

Vier Jahre später ist das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland zwar weiter ein Land mit dem größten Wirtschaftswachstum Europas, der geringsten Arbeitslosenquote und der niedrigsten Inflationsrate der EU. Zwar gilt die Hauptstadt London noch immer als Zitadelle des Zeitgeistes und Mekka der Immobilienmakler, wo Garagen für 330 000 Mark den Besitzer wechseln. Aber gerade da, wo Labour nicht bloß gut drauf sein, sondern auch gut da stehen wollte, ist die Bilanz nach einer Wahlperiode niederschmetternd.

»Wir werden die Erziehung zu unserer Priorität Nummer eins erheben«, hatte Blair vor seinem Amtsantritt verkündet. Es war sein wichtigstes Wahlversprechen. Doch mehr denn je, so der linksliberale Londoner »Guardian«, zählen die Briten zu den »Deppen Europas«. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in teure Privatschulen. Die staatlichen Bildungsstätten gelten hingegen als miserabel, überlaufen und unterfinanziert.

Im Land von William Shakespeare und Harry Potter ist einer von fünf Erwachsenen praktisch Analphabet und hat Schwierigkeiten, das Kleingeld in der Brieftasche zu zählen. Als Chris Woodhead, Chefinspektor aller britischen Schulen, im vergangenen Oktober zermürbt und frust-riert seinen Posten aufgab, warf er der Regierung vor, »eine ganze Generation von Kindern verraten zu haben«.

Das schreckte Blair nicht davon ab, den Termin für die Unterhauswahlen ausgerechnet in einer Schule zu verkünden. Erst zitierte der Premier aus der Bibel, dann stimmte ein Mädchenchor fromme Lieder an, schließlich bat Blair das Wahlvolk »um ein neues Mandat für eine radikale Wende« – ein Hochamt ganz im Sinne der Strategen von New Labour.

Die hatten schon einmal versucht, der neuen Bewegung eine Kathedrale zu errichten. Als der »Millennium Dome« zur Jahrtausendwende in London eröffnet wurde, war die BBC live dabei. Zwölfmal schlug die Glocke von Big Ben. Die Queen schunkelte mit Tony Blair und seiner Gattin zu »Auld Lang Syne«. Und der Premierminister pries in jener Silvesternacht das futuristische Bauwerk des Starchitekten Lord Richard Rogers als »Beweis für britische Kreativität und unsere Überlegenheit im neuen Jahrtausend«.

Keine anderthalb Jahre liegt diese denkwürdige Nacht zurück. Doch versetzen längst nicht mehr grandiose Bauten das Land in einen Taumel nationaler Größe. Statt dessen torkeln die wahnsinnigen Kühe, lodern die Scheiterhaufen verbrannter Schafe, entgleisen die altersschwachen Züge. Der »Dome« gilt nur noch als Symbol für die Dimension des Versagens.

Statt der kalkulierten zwölf Millionen Gäste wollten gerade mal fünf Millionen die krass überteuerten Eintrittspreise für die Leistungsschau britischen Unternehmertums bezahlen. Als das Scheitern des von Blair handverlesenen Dome-Managements nicht mehr zu übertünchen war, sollte Pierre-Yves Gerbaud Schaden abwenden. Ausgerechnet ein Franzose. Doch dem 35-jährigen Ex-Macher des Pariser Disneyland, der in den USA studiert hat, blieb nur die Abwicklung. Die weithin sichtbare

Riesenhalle steht seit Monaten zum Verkauf. Keiner will sie haben. Allein die Erhaltung des Bauwerkes kostet weiterhin monatlich über drei Millionen Mark. »Noch nirgends«, sagt der Manager, »habe ich ein so hohes Maß an Unprofessionalität, Dummheit und Arroganz erlebt wie hier.«

Auch die jüngste Plage Britanniens, die Maul- und Klauenseuche, wurde erst durch britisches Unvermögen zur großen Krise. So wie ihre konservativen Vorgänger beim Ausbruch des Rinderwahnsinns BSE Mitte der neunziger Jahre haben die Labour-Minister die Epidemie erst fahrlässig unterschätzt, dann verniedlicht, schließlich hektisch und planlos reagiert. So keulte ein Schlachtkommando Ende April auf einem Hof in Cumbria den gesamten Tierbestand. Pech für die 500 Schafe und deren Besitzer: Die Herden weideten in einer der wenigen virusfreien Zonen. Die Veterinärbeamten hatten sich schlicht um 100 Meilen verfahren und waren auf dem falschen Anwesen gelandet.

Tausende Kadaver, die nicht verbrannt, sondern im lockeren Erdreich vergraben wurden, haben bereits das Grundwasser vergiftet und mussten teuer wieder ausgebuddelt werden. Im ganzen Land produzieren die stinkenden Großfeuer mehr Dioxin und andere krebserregende Giftstoffe als alle Dreckschleudern der britischen Industrie zusammen.

Die Bauern sind verzweifelt. Seit Beginn der BSE-Krise hat sich im Vereinten Königreich im Schnitt jede Woche einer das Leben genommen. Den Zorn der Farmer bekam Tony Blair zu spüren, als er vor kurzem in Carlisle mit ausgesuchten Verbandsfunktionären reden wollte. Zwei Dutzend Bauern samt Frauen und Kindern schrien auf ihn ein. Bleich und ein wenig zitternd bahnte er sich, von Bodyguards abgeschirmt, den kurzen Weg durch die Menge. Ein Demonstrant mit Wollmütze hielt ein Plakat hoch: »Nur ein toter Tony ist ein guter Tony.«

Unter dem Druck der Krise entschloss sich der Premier, die Unterhauswahlen vom Mai auf den Juni zu verschieben. Es war ein verhängnisvolles Signal. Abgeschreckt von den apokalyptisch wirkenden Scheiterhaufen haben Tausende Urlauber vor allem aus Japan und den USA ihre Englandreisen storniert. Großbritannien gilt als unsicheres und gefährliches Territorium.

Mehr noch als der Milliarden Pfund teure Imageschaden stört die selbstbewussten Briten, dass sie nun dem Hohn und Spott der »bloody foreigners« ausgeliefert sind. Das Vereinigte Königreich sei wieder »zum Aussätzigen Europas« geworden, hämte der irische Landwirtschaftsminister. Die »New York Times«, ein Blatt der ehemaligen Überseekolonie, taufte Großbritannien »die Insel der Seuchen«. Und der italienische »L?Espresso« fragte besorgt, ob über dem Königreich »ein Fluch« liege.

Da wirkt die Jahrhundert-Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum über die Ära von Queen Victoria wie Salz in den Wunden. Während ihrer 63-jährigen Regierung als Königin von England und Kaiserin von Indien erlebte das Empire den Zenit seiner Macht. Kunst und Wissenschaft standen in Blüte, die industrielle Revolution brachte uner-messlichen Reichtum,

das erste Transatlantikkabel wurde verlegt, die Briten sahen sich als »Erfinder der Globalisierung«. Hundert Jahre später mussten sie Hongkong, den letzten Überseebesitz, an China zurückgeben. Selbst in Europa manövrierten sie sich nach dem Zerfall des Ostblocks mit ihrem EU-Kurs, zickzack, an den Rand.

Doch das sehen die Wähler ihrem Premier noch am ehesten nach. Sie sind stolz darauf, dass zwischen ihrem Land und dem »Kontinent«, wie sie den Rest Europas nennen, ein paar Seemeilen Wasser liegen, und sie pflegen ihre insularen Eigenheiten. Dazu gehört auch »the stiff upper lip«. So nennen die Briten die Disziplin, die Zähne zusammenzubeißen und nicht die Nerven zu verlieren. Kein Volk versteht sich so liebenswert darauf wie sie, Gleichmut zu wahren. Sie können dafür auch täglich trainieren: Nirgendwo sonst wird die Fähigkeit zu freundlichem Fatalismus so eingeübt wie bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Im Mutterland der Eisenbahn hat eine Reise mit dem Überlandzug oder der Londoner U-Bahn häufig den gleichen Effekt wie der Besuch bei einer Domina: Man wird gequält, erniedrigt und misshandelt. Und dies durchaus zu Rotlicht-Preisen. Nur Spaß macht es nicht. Das Londoner U-Bahn-System ist das teuerste der Welt. Eine einfache Fahrt kostet durchschnittlich acht Mark. Mit ihren 275 Stationen und ihrem 408 Kilometer langen Streckennetz stammt die »Tube« in weiten Teilen aus dem 19. Jahrhundert. Sie befördert pro Jahr knapp eine Milliarde Fahrgäste. Die Bediensteten in ihren leuchtend blauen Uniformen haben in diesem Frühjahr schon zweimal gestreikt und London zum Stillstand gebracht. Sie verlangten nicht etwa mehr Lohn oder kürzere Arbeitszeiten, sondern mehr Sicherheit für sich und die Passagiere.

Wie schon beim Millennium Dome soll auch hier ein Ausländer als Retter auftreten: Bob Kiley. Der 65-jährige Amerikaner hat erfolgreich die U-Bahnen in Boston und New York saniert. Für gut eine Million Mark Jahresgehalt will der ehemalige CIA-Spitzenmann das nun auch in London schaffen. Sein Einstand riecht schon mal gut. Künftig soll der Gestank in den Stationen durch Versprühen des extra kreierten Parfüms »Madeleine« gelindert werden.

Doch die dahinsiechende Infrastruktur ist mit der Spraydose nicht zu verbessern. In Notting Hill etwa, einer der von Touristen meistfrequentierten Stationen, steht seit 18 Monaten die Rolltreppe still. Sie stammt aus der Vorkriegszeit und hat noch Holzstufen. Jetzt gibt es keine Ersatzteile mehr und kein Geld, eine neue einzubauen. Deshalb müssen sich alle Passagiere über eine enge und rutschige Treppe quälen. Kiley: »Mir ist es ein Rätsel, dass sich das die Leute so lange gefallen lassen. In New York hätten wir schon längst das Personal erschlagen.«

Nun könnte man meinen, dass sich die Bürger bei den kommenden Wahlen rächen werden. Weit gefehlt. Der Vorsprung von New Labour ist so groß, dass Blairs Wiederwahl als sicher gilt. Dies verdankt er dem erbärmlichen Zustand der Opposition. Statt die zahllosen Pleiten und Versäumnisse der Regierung anzuprangern, verschleißen sich die Konservativen in einem Kleinkrieg um die Parteiführung. Der umstrittene Tory-Chef William Hague, 40, wird von den Karikaturisten beharrlich als Embryo gezeichnet, mit ebensowenig Ideen im wie Haaren auf dem Kopf.

Auch mit dumpfen ausländerfeindlichen Parolen versuchten die Tories Stimmen zu fangen. Das kommt gut an bei den Untertanen Ihrer Majestät. In Großbritannien schwelen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit wie die Scheiterhaufen in den Maul-und-Klauenseuche-Regionen. Ein Regierungskommissar monierte etwa bei den Londoner Bobbys »institutionalisierten Rassismus gegen eigene Kollegen«. In der Behandlung und Betreuung von Asylbewerbern rangiert Großbritannien gar als Schlusslicht der 15 EU-Mitgliedsstaaten. Blairs Asylpolitik, erschreckte sich selbst die Labour-freundliche Wochenzeitung »New Statesman«, sei noch radikaler als die des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider. Welcome to Cool Britannia.

Bernd Dörler


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker