Großbritannien Großaufgebot jagt die Bombenleger

In Großbritannien herrscht weiter Terroralarm. Nach dem Fund zweier Autobomben, die noch rechtzeitig entschärft werden konnten, fahnden nun Scotland Yard und der Geheimdienst MI5 nach den Tätern. Hilfreich: Die Polizei besitzt angeblich "kristallklare Aufnahmen" eines Verdächtigen.

In London hat die Polizei am Samstag einen Tag nach den Bombenfunden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. "Es wird noch mehr Polizeikontrollen geben", kündigte der Chef der Anti-Terror-Polizei, Peter Clarke, an. Die Ermittlungen dauerten an. Aus Geheimdienstkreisen verlautete, eine Verbindung zur radikal-islamischen Terrororganisation Al-Kaida könne nicht ausgeschlossen werden. Es spreche vieles für einen Zusammenhang mit dem internationalen Terrorismus, sagte ein Vertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Mit Glück verheerendem Anschlag entgangen

Eine Mischung aus Glück und schnelles Handeln hatte die britische Hauptstadt am Freitag vor möglicherweise verheerenden Bombenanschlägen bewahrt. Die Polizei hatte nach einem Hinweis von Rettungssanitätern zunächst einen Sprengsatz in einem Auto entdeckt, später einen zweiten, ebenfalls in einem Auto. Den Angaben nach gab es eine eindeutige Verbindung zwischen den Funden in den Fahrzeugen, beide vom Typ Mercedes. Bereits die erste Bombe hätte nach Angaben von Scotland Yard viele Menschen getötet oder verletzt. Sie wurde vor einem Nachtclub gefunden, indem sich hunderte Gäste befanden.

Nach Zeitungsangaben haben islamische Extremisten nur wenige Stunden vor der Entdeckung der beiden Autobomben in London einen Anschlag in der britischen Hauptstadt angekündigt. Dabei sei auch auf die Empörung unter Muslimen über die kürzliche Bekanntgabe der Erhebung des islamkritischen Autors Salman Rushdie in den Ritterstand hingewiesen worden, berichtete die "Times" am Samstag.

Nachclubs waren gewarnt

Demnach sollen auch britische Nachtclubs einige Tage vor dem Anschlagsversuch vor Terroranschlägen mit Fahrzeugen gewarnt worden sein. Ein mehr als 50 Seiten umfassendes Dokument, das Geschäftsleute auf die Gefahr von Autobomben hinweise, sei vor zwei Wochen von den Sicherheitskräften herausgegeben worden, berichtete die Zeitung am Samstag. Vor einigen Tagen sei die Warnung unter anderem auch dem Club "Tiger Tiger" zugestellt worden, vor dem in der Nacht zum Freitag eines der beiden Autos mit Sprengsätzen aus Benzin- und Gaskanister sowie Nägeln entdeckt worden war. Nach Angaben der "Times" hatte Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair erst kürzlich erklärt, in Personen- und Lastwagen versteckte Bomben seien derzeit für Großbritannien "die größte Gefahr".

Zu möglichen Tätern äußerte sich die Polizei zunächst nicht. Der britische Anti-Terror-Chef Peter Clarke teilte am Abend mit, das zweite Fahrzeug sei im selben Gebiet wie der am frühen Morgen vor dem Nachtclub "Tiger Tiger" in der Haymarket-Durchgangsstraße entdeckte Wagen abgestellt worden. Der Mercedes sei aber wegen Falschparkens abgeschleppt worden. Wie im ersten Fall sei in dem Fahrzeug eine beträchtliche Menge Benzin, Gas und Nägel gefunden worden. Und genau wie die erste Autobombe hätte der Sprengsatz eine verheerende Wirkung entfalten können, sagte Clarke. "Diese Fahrzeuge sind eindeutig miteinander verknüpft."

Bomben sollten per Mobiltelefon gezündet werden

Wegen verdächtiger weiterer Fahrzeuge waren auch die Fleet Street und Park Lane vorübergehend gesperrt. Die Behörden gingen davon aus, dass die erste Bombe mit einem Mobiltelefon gezündet werden sollte, berichtete der Fernsehsender Sky News. Auch im zweiten Wagen soll ein Mobiltelefonzünder gefunden worden sein. Aus Regierungskreisen verlautete, dass es vorab keine Geheimdienstinformationen über mögliche Anschläge des Terrornetzwerks Al Kaida gegeben habe.

Den Angaben zufolge, die von den Polizei bislang nicht bestätigt wurden, hieß es in dem Internet-Diskussionsforum El Hesbah "Heute sage ich: Freut Euch, bei Allah, London soll bombardiert werden." Zugleich sei darauf verwiesen worden, dass der als Chef des Terrornetzwerkes geltende Osama bin Laden Großbritannien gedroht habe "und diese Drohung wahr gemacht hat". Die Mitteilung sei von jemandem eingestellt worden, der sich Abu Osama al-Hazeen nannte.

Handschrift von al-Kaida

Norwegische Sicherheitsexperten, die auf die Beobachtung islamischer Internetseiten spezialisiert sind, hätten das Forum El Hesbah als "wichtige Plattform" für militante Gruppen eingeschätzt. Britische Sicherheitsexperten sagten dem Sender BBC, die geplanten Autobombenanschläge hätten die Handschrift der Terrororganisation al Kaida erkennen lassen.

Zudem hätten die Ermittler inzwischen durch die Auswertung von Beobachtungskameras "kristallklare Aufnahmen" eines Mannes, der das erste Bombenfahrzeug in der Nacht zum Freitag unweit des Piccadilly Circus abgestellt und dann verlassen habe. Der Wagen sei im Juni gestohlen worden und in den letzten Tagen in Schottland sowie in Birmingham gesehen worden. Scotland Yard verweigerte zu diesen Medienberichten jeden Kommentar und verwies auf die laufenden Ermittlungen.

Auch New York verschärfte Sicherheitsvorkehrungen

Nach dem Fund von zwei Autobomben in der britischen Hauptstadt London haben die New Yorker Stadtbehörden am Freitag die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die Polizei weitete ihre Präsenz an Touristenattraktionen, in Parkhäusern und dem Nahverkehrssystem aus. An Brücken wurden nach Polizeiangaben Straßenkontrollen eingerichtet, die Eigentümer von Parkhäusern wurden angewiesen, Ausschau nach verdächtigen Fahrzeugen zu halten.

New York reagiert in der Regel mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, wenn es in anderen Ländern zu bedenklichen Vorfällen kommt. Die Stadt war bereits 1993 und 2001 Ziel von Anschlägen und hatte danach Polizei-Vertreter in alle Brennpunkte der Welt entsandt. Der Bericht des Mitarbeiters in London stehe noch aus, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg.

Leben normalisiert sich

Derweil normalisierte sich das Leben in London am Samstag weiter. Straßenabsperrungen wurden aufgehoben und der U-Bahn-Verkehr lief normal. Die Polizei kündigte eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen für geplante Großereignisse am Wochenende an. Dazu gehören das Tennisturnier in Wimbledon, eine Parade von Schwulen und Lesben sowie das am Sonntag geplante Popkonzert zum Gedenken an die vor zehn Jahren gestorbene Prinzessin Diana. Dazu werden im Wembley-Stadion Zehntausende von Menschen erwartet.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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