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Guantanamo: Im Zweifel gegen die Menschenrechte

Er hat Guantánamo Bay besucht, mit Aufsehern gesprochen und als weltweit Erster freigelassene Häftlinge interviewt. Seine Informationen hat der Journalist David Rose jetzt in einem Buch verarbeitet.

Shafiq Rasul schildert seine Ankunft in Guantanamo mit den Worten: "Ich blickte auf und sah all die anderen, die noch nicht abgefertigt waren, in ihren orangefarbenen Anzügen und Schutzbrillen und dachte: 'Ich halluziniere'." Bilder der im Staub liegenden Häftlinge auf dem US-Stützpunkt in Kuba gingen um die Welt. Trotz internationaler Proteste sind immer noch hunderte Menschen in Guantanamo in Haft. Der Journalist David Rose hat das Lager besucht, mit Aufsehern und Vertretern der US-Regierung gesprochen, er hat freigelassene Gefangene interviewt. Seine Informationen verarbeitete er in dem Buch "Guantanamo Bay", das in Kürze in Deutschland erscheint.

Rasul und sein Freund Asif Iqbal, im englischen Tipton geboren und aufgewachsen, wurden im Herbst 2001 in Nordafghanistan von Truppen des Kriegsherren Abdul Raschid Dostum festgenommen und nach 30 Tagen an die US-Streitkräfte ausgeliefert. Diese stuften die beiden Briten pakistanischer Herkunft als islamische Terroristen ein und brachten sie nach Guantanamo. Nach mehr als zwei Jahren Haft wurden sie im März 2004 zusammen mit drei weiteren Briten entlassen, ohne dass Anklage erhoben worden wäre.

"Glaubwürdigkeit könnte nicht höher sein"

Rasul und Iqbal kommen in Roses Buch zu Wort; der britische Journalist hat aber auch mit anderen Betroffenen gesprochen, beruft sich auf Informationen von Organisationen wie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) oder Augenzeugenberichte anderer Reporter. Darüber hinaus hat Rose zahlreiche interne US-Dokumente ausgewertet und mit Vertretern des amerikanischen Streitkräfte sowie der Verwaltung geredet - teils offiziell, teils privat, wie er in seinem Buch betont. "Zu meinen Gesprächspartnern gehörten führende Mitglieder des Militärgeheimdienstes und der CIA ... Ihre Glaubwürdigkeit könnte nicht höher sein", erklärte Rose in einem Interview der Nachrichtenagentur AP.

Rose stellt in seinem Buch nicht nur die Erklärungen von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Frage, die Häftlinge in Guantanamo würden menschlich behandelt. Er geht auch auf die Begründung der USA ein, nach der die Häftlinge in Guantanamo keine Kriegsgefangenen sind, sondern "unrechtmäßige Kombattanten" (unlawful combatants). So zitiert er aus einem Memorandum eines Beraters von US-Präsident Geornteils unqualifizierte Dolmetscher. Eine Überprüfung der Klassifizierungen sei nicht vorgenommen worden. Im Klartext: Eine falsche Entscheidung eines unerfahrenen, der arabischen Sprache nicht mächtigen US-Soldaten - und man landete in Guantanamo, ohne die Möglichkeit auf juristische Unterstützung zu haben.

Als ähnlich problematisch werden in dem Buch die Vernehmungen im Lager selbst beschrieben. Nicht nur Christino bezweifelt Rumsfelds Äußerung, dass die Verhöre in Guantanamo detaillierte Informationen über die Organisationsstruktur, die Waffen und die weiteren Pläne der Terroristen erbracht hätten. Rose zitiert einen Pentagon-Beamten: "Ein paar nützliche Informationen hat Gitmo (die amerikanische Bezeichnung für das Lager) geliefert. Aber im Verhältnis zu dem, was es kostet, mehr als 600 Leute gefangen zu halten, wirkt das Ergebnis bescheiden."

Zuckerbrot und Peitsche

Generalmajor Geoffrey Miller, von November 2002 bis April 2004 Befehlshaber des Lagers (seitdem ist er mit der Leitung der US-Gefängnisse im Irak beauftragt), hatte Verhörmethode nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche eingeführt: Kooperierte ein Häftling, erhielt er Vergünstigungen; wenn nicht, wurde er sanktioniert, zum Teil misshandelt. Folge: Falschaussagen oder falsche Geständnisse. Rasul und Iqbal zum Beispiel 'gestanden' nach dreimonatiger Isolationshaft, sie seien in einem Videofilm zusammen mit Osama bin Laden zu sehen. Der britische Geheimdienst bestätigte später, die beiden seien zu dem Zeitpunkt, als der Film aufgenommen wurde, gar nicht in Afghanistan gewesen.

Roses Buch erscheint als erstes in Deutschland. Erst im Oktober kommt es in Großbritannien auf den Markt, dann in den USA. "Ich hoffe auf eine große Leserschaft in Amerika und darauf, das Bewusstsein für Dinge zu erweitern, die dort bisher sehr wenig diskutiert worden sind", erklärte Rose. Dass die USA aus der 'Guantanamo-Affäre' heraukommen könne, ohne ihr Gesicht zu verlieren, glaubt er nicht. "Ich denke, alles was die Regierung zu tun versucht, ist, die schwierigen Entscheidungen auf die Zeit nach der Wahl zu verschieben."

Susanne Gabriel/AP / AP