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Haiders Tod: Österreichs Politik ist geschockt

Jörg Haiders Tod macht die Österreicher betroffen und nachdenklich. Die Auswirkungen für das Land sind vage absehbar. Was Haider im Leben nicht zustande gebracht hat, könnte mit seinem Tod geschafft werden: der Zusammenschluss der österreichischen Rechtsparteien.

Von Andrea Fehringer und Thomas Köpf

Das Bündnis Zukunft Österreich ist zerrissen. "Für uns ist das wie ein Weltuntergang", sagt Stefan Petzner, Haiders Pressesprecher und stellvertretender BZÖ-Obmann. Menschlich ist Jörg Haiders Tod eine Tragödie. Politisch das Armageddon. Den Hinterbliebenen fällt es im Moment sehr schwer, in die Zukunft zu schauen. Vielleicht müssen sie es auch gar nicht. Mit Haider hat die Partei ihr Gesicht verloren.

Und Österreich möglicherweise die Chance, dass der Rechtsruck nach den enormen Wahlerfolgen von Heinz Christian Straches FPÖ und Haiders BZÖ bei den Nationalratswahlen nicht ganz so katastrophal ausfällt. Bislang hat es in den Regierungsverhandlungen sehr nach einer großen Koalition zwischen SPÖ und ÖVP ausgesehen, Strache und Haider waren immer noch zu verfeindet, um gemeinsame Sache mit der ÖVP zu machen. Haiders Tod könnte zur Folge haben, dass Strache das führerlose BZÖ auf dem Silbertablett serviert bekommt und damit so mächtig ist wie die SPÖ, die stärkste Partei des Landes.

Schwere Zeit für das BZÖ

Jörg Haider hat das BZÖ vor drei Jahren gegründet und aufgebaut. Er war die Galionsfigur. In Kärnten war Haider so beliebt, dass manche Einwohner keinen anderen Politiker beim Namen nennen können. Dem BZÖ steht eine schwere Zeit bevor. Oder gar keine. Das kräftige Orange, die Signalfarbe der Partei, ist schon ein paar Stunden nach Haiders Tod dabei, zu verblassen. Gegen ihn sind die verbleibenden Funktionäre farblos.

Nicht nur Stefan Petzner wird in den nächsten Tagen Schwarz tragen. Gerhard Dörfler, bisher stellvertretender Landeshauptmann Kärntens, übernimmt die Geschäfte, hat aber kaum einen freien Kopf dafür. "Ich habe einen Lebensfreund, einen großartigen Menschen verloren, und Kärnten einen großartigen Landeshauptmann", sagt er. Ihn zu ersetzen ist unmöglich.

Das weiß vor allem H.C. Strache, der sich derzeit noch pietätvoll bestürzt gibt: "Haider war einer der prägendsten Politiker der zweiten Republik", sagt er. Er habe die österreichische Innenpolitik nachhaltig beeinflusst. Obwohl es kurz vor Haiders Tod fast nach einer Versöhnung zwischen den beiden Streithähnen aussah, wäre ein Zusammenschluss der Partei trotzdem nicht ohne massiven Machtkampf abgegangen. Jetzt hat Strache niemanden mehr, der ihm Paroli bieten kann. Und damit freie Bahn. Hinter den Kulissen brodelt es, in aller Trauer werden die Karten neu gemischt. Bloß fehlt dem Spiel das Ass.

Österreichs Politiker sind geschockt

Vor den Mikrofonen und Kameras regiert die Bestürzung. Egal welcher Couleur, Österreichs Politiker sind geschockt. Und schicken massenweise Erklärungen, Ehrenbezeugungen und Beileidbekundungen. Worte des Lobes, Worte der Betroffenheit, Worte.

"Er hat für das Land unendlich viel bewegt", sagt Peter Westenthaler, ehemaliger Parteiobmann des BZÖ und langjähriger Begleiter Haiders. Er würdigt die große Menschlichkeit, Tränen stehen ihm in den Augen.

Die große Menschlichkeit wird allerorten betont, von Freunden, Kritikern und Politikexperten. Nichts über seine Sprüche wie "Die österreichische Nation ist eine Missgeburt." Oder über die Waffen-SS: "Es ist gut, dass es in dieser Welt noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind." Verstorbenen sagt man auch in der Politik nichts Schlechtes nach. Und privat war Haider ja anders. Ein netter und höflicher Mensch, der zwar sofort umschalten konnte, sobald das rote Licht leuchtete, aber ansonsten immer freundlich zu den Journalisten war. Übrig bleibt, dass er dem Land seinen Stempel aufgedrückt hat.

Bundespräsident Heinz Fischer sagt, er sei "einer der wichtigsten Politiker der Nachkriegszeit gewesen", und ausgesprochen begabt. Sehr menschennahe. Gerade-noch-Kanzler Alfred Gusenbauer würdigt, dass Haider die gesamte innenpolitische Landschaft Österreichs über Jahrzehnte hinweg geprägt habe. Werner Faymann findet beinahe die gleichen Worte. Ihr Mitgefühl gilt der Familie Haider.

Österreich steht still

Die Parteien wissen, dass Österreich einen Spitzenpolitiker verloren hat, wenn er auch für manche auf der falschen Seite stand. Man hat jemanden verloren, der nicht müde wurde, auf den Tisch zu hauen und sich einzusetzen. Jemanden, der nicht zu bezwingen war. Jemanden, der immer wieder zur Höchstform auflief und die Menschen überzeugte. Man kann nicht fassen, dass er tot ist. Österreich steht still.

Ob Haider die politische Landschaft positiv oder negativ beeinflusst hat, sagt niemand. Am ehesten Nationalratspräsidentin Barbara Prammer von der SPÖ: "Politische Differenzen und konkurrierende Wertvorstellungen würden durch den Tod nicht aufgehoben, aber entscheidend relativiert", schreibt sie in einer Aussendung. Eva Glawischnig, die neue Chefin der Grünen, sagt, Haider sei ein außergewöhnlicher Politiker gewesen, "hat aber auch entschieden polarisiert". Wilhelm Molterer (ÖVP), Kanzlerkandidat und Verlierer der Nationalratswahl, zeigt Anerkennung. Haider habe immer einen eindeutigen Standpunkt bezogen und sei jemand gewesen, der sich nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Respekt. Auch wenn das gestern noch anders geklungen hat.

Ausland weniger zimperlich

Im Ausland ist man nicht so zimperlich. Die bürgerliche spanische Tageszeitung "El Mundo" erinnert an Haiders Aussagen über die Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches und erwähnt auch seine Eltern, der Vater in der Hitlerjugend und der SA aktiv, die Mutter Mitglied des Bundes Deutscher Mädel der Nazi-Partei. Die linksliberale spanische Tageszeitung "El Pais" nennt Haider den "Führer der extremen Rechten in Österreich". Die israelischen Tageszeitung "Haaretz" spart erst recht nicht mit Kritik und verweist auf Haiders Treffen mit Saddam Hussein vor sechs Jahren.

Und auch im Internet schreiben sich die Leute die Finger wund. In der Webausgabe der österreichischen Tageszeitung "Standard" steht: "Aufgrund der großen Anzahl an pietätlosen Postings sieht sich derstandard.at gezwungen, zu diesem Thema ausnahmsweise kein Forum einzurichten."

Mitarbeit: Helmut Berger