HOME
Interview

Stefan Petzner: Er war "Haiders Schatten" und erfolgreicher Rechtspopulist - heute erklärt er die perfiden Tricks

Stefan Petzner kennt die Tricks der Populisten. Wer, wenn nicht er, meint er. Petzner war einer von ihnen. Jahrelang war er die rechte Hand des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider. Heute arbeitet Petzner als Politikberater und sagt, er habe die Achillesferse der Populisten erkannt.

Stefan Petzner

Stefan Petzner: Früher Rechtspopulist, heute PR-Berater

Picture Alliance

Herr Petzner, eine Studie der Bertelsmann-Stiftung besagt: Knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind populistisch eingestellt. Von einem durchschlagenden Erfolg wie in den USA sei man aber "meilenweit entfernt", meint Robert Vehrkamp von der Stiftung. Wie sehen Sie das?

Ich teile diese Einschätzung nicht. Man darf so etwas nicht aus der Kurzzeitperspektive betrachten. Bisher wurde einer rechtspopulistischen Partei keinerlei Chance zuerkannt, mit einem Themenmix und einer Philosophie, wie sie die AfD verfolgt, überhaupt in den Bundestag einzuziehen. Heute hat die AfD eine reale Chance. Wenn sie den Einzug schafft, würde das eine enorme Zäsur für Deutschland bedeuten. Betrachtet man die Entwicklungen aus der Langzeitperspektive, kann man erkennen, wie sich die Gewichte Stück für Stück verschieben.

Über Sie wird geschrieben, Sie hätten den Rechtspopulismus erfunden. Wenn Sie das tatsächlich getan haben, dann können Sie doch jetzt auch dafür sorgen, dass er wieder verschwindet, oder?

Ich bezeichne Jörg Haider als Erfinder des modernen Rechtspopulisten, der Populismus-Experte Florian Hartleb teilt diese Einschätzung. Ich war Mitarbeiter und Schüler Jörg Haiders und habe mit ihm rechtspopulistische Politik gemacht. Ich bin beim Erfinder des modernen Rechtspopulismus in die Schule gegangen, deshalb weiß ich, wie rechtspopulistische Politik in der Praxis funktioniert, im Unterschied zu vielen Politikexperten, die das nur aus der grauen Theorie kennen. Mein Wissen will ich weitergeben.

Wie arbeiten Populisten?

Der Begriff "Populismus" wird zu inflationär verwendet. Nicht jeder, der einen kecken Sager liefert oder in der politischen Auseinandersetzung auf Vereinfachungen und Verkürzungen setzt, ist gleich Populist. Damit man von Populismus sprechen kann, müssen Kriterien erfüllt werden. Ich vergleiche Populismus mit einem Hollywood-Blockbuster: Rechtspopulistische Politik stilisiert einen Kampf zwischen Gut und Böse. Auf der einen Seite das erklärte Böse - die etablierten Parteien, die Regierung, Institutionen, die Medien -, das sich gegen das Gute, das Volk, verschworen hat. Dann taucht der rechtspopulistische Held auf, ein heroischer Kämpfer mit übersinnlichen Kräften, der unerfüllbare Heilsversprechen liefert. Der Held nimmt den Kampf auf, opfert sich für das entrechtete, geknechtete Volk, um es vom Bösen zu befreien. Es gibt viel Feuer, viel Show, viel Lärm, viel Effekt, aber ein recht schwaches Drehbuch. Was ich damit meine, ist die Achillesferse von Populisten: ihre Schwäche auf der Inhalts- und Kompetenzebene.

Populismus gibt es sowohl im rechten als auch im linken Lager. Stimmen Sie zu, wenn es heißt, linkspopulistische Bewegungen würden verharmlost und rechtspopulistische gebrandmarkt? Oder ist es genau umgekehrt?

Die Methoden, mit denen rechts- und linkspopulistische Bewegungen arbeiten, sind sehr, sehr ähnlich bis gleich. Dass man linkspopulistische Bewegungen mitunter verharmlost, halte ich für zutreffend und gefährlich.

Sie sagen, nicht jeder der vereinfacht, ist ein Populist. Vereinfachungen gehören zur Politik dazu. War das früher besser?

Vereinfachungen und Verkürzungen verwenden alle, besonders im Wahlkampf. Natürlich kommt die neue Medienkultur - mit der Bedeutung von Facebook und Twitter - dem Politikstil rechtspopulistischer Bewegungen entgegen. Für hollywoodreife Inszenierungen sind das ideale Spielwiesen. Der Aufstieg der Sozialen Medien ist mit ein Grund für den Aufstieg der Populisten. Gesetzliche Regelungen, um Fake News auf Facebook zu verhindern, finde ich daher absolut notwendig - zum Zwecke der Rettung und Erhaltung eines geordneten demokratischen Diskurses.

Auf die Frage nach dem richtigen Umgang mit Populisten raten Sie: öfter mal ignorieren. Kann man Populisten mit verhetzenden oder schlichtweg falschen Aussagen tatsächlich die Bühne überlassen? Gerade von Medien wird in Zeiten von Fake News verlässliche Information erwartet.

Die bewusste Eskalation ist eines der Hauptstilmittel der Populisten. Ihr Ziel ist der permanente Ausnahmezustand. Trump hat einen ganzen Wahlkampf so bestritten und gewonnen. Politische Gegner als auch Medien müssen deshalb jeden kühl kalkulierten Tabubruch der Populisten aufs Neue bewerten: Ist es nun klüger, den Vorstoß ins Leere laufen zu lassen oder darauf zu reagieren?

Wenn Populisten einen Tabubruch setzen, setzen sie zugleich auch auf die Empörung des politischen Gegners und der Medien. So ziehen sie permanent Aufmerksamkeit auf sich, bestimmen den öffentlichen Diskurs. Wenn allerdings niemand auf ihre Vorstöße reagiert, funktioniert auch die populistische Trickkiste nicht. Als Folge werden Populisten den nächsten Tabubruch eine Stufe höher ansetzen - noch schärfer, noch aggressiver werden. Und genau dann, wenn die Provokation eine rote Linie überschreitet - also auch bei Wählern im rechtspopulistischen Lager nicht mehr auf Applaus sondern auf Ekel und Ablehnung stößt -, dann ist es richtig, mit Empörung zu reagieren und die Provokation zu thematisieren.

Als Haiders rechte Hand haben Sie den Slogan "Kärnten wird tschetschenenfrei" geprägt. Die Kampagne fußt, das sagen Sie heute selbst, auf einen Einzelfall, einen Vorfall, bei dem tschetschenische Asylbewerber in eine Schlägerei verwickelt waren. Der Slogan machte aus diesem Einzelfall einen Generalverdacht gegenüber einer gesamten Bevölkerungsgruppe.

Es ist ein Fehler auf jeden Tabubruch der Populisten einzusteigen - dafür ist dieser Slogan das beste Beispiel. Denn genau das ist bei diesem Slogan passiert, deswegen hat er funktioniert. Populisten arbeiten nur mit Emotionen, auch Hass ist Energie. Schauen Sie sich Trump an: Er versucht ständig von der Sachebene abzulenken und auf die Emotionsebene zu flüchten. Und genau da liegt die Lösung: in der Auseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene, denn dort haben Populisten große Schwächen. Ihre Heilsversprechen sind in der Praxis zu einem großen Teil nicht umsetzbar, da sie entweder verfassungswidrig oder nicht finanzierbar sind - oder schlichtweg Utopien. Macron, beispielsweise, konnte Le Pen in der Eurofrage auf der Sachebene festzurren - und auch für den Wähler nachvollziehbar aufdecken, dass die inhaltliche Vorstellungen des Front National absoluter Humbug sind und eine Katastrophe für Frankreich darstellen würden. 

Sie sprechen immer wieder von utopischen Heilsversprechen. Haben Sie damals, als Populist, jemals geglaubt, was Sie selbst gesagt haben?

Ich formuliere das immer so: Rechtspopulismus wird für den Anwender immer dann gefährlich, wenn er seine eigene rechtspopulistische Propaganda zu glauben beginnt. Ich habe vorhin erklärt, wie Populisten arbeiten, von daher ergibt sich daraus die Antwort auf Ihre Frage.

Die Methoden der Populisten sind moralisch höchst fragwürdig. Wie konnten Sie da so lange mitspielen?

Erstens: Ich war damals noch sehr jung. Ich war 22 Jahre alt, als ich zu Haider gekommen bin. Ich habe das Alles damals aus einer tiefen persönlichen Überzeugung für die Person Jörg Haider gemacht. Mit dem Alter und kritischer Betrachtung sehe ich heute Vieles anders. Zweitens: Es macht einen Unterschied, ob man für einen Populisten arbeitet, der Ministerpräsident eines kleinen Bundeslandes ist, oder ob wir heute in einer Zeit leben, in der die Populisten weltweit nach der Macht greifen und mit Donald Trump gar den mächtigsten Mann der Welt stellen.

Jörg Haider und Stefan Petzner auf einer Pressekonferenz des BZÖ

Jörg Haider und Stefan Petzner auf einer Pressekonferenz des BZÖ. Im Oktober 2008 starb Haider bei einem Autounfall

Picture Alliance

Das macht für Sie einen Unterschied? Nur weil sich die Dimension unterscheidet, bleiben Ihre Taten dennoch verwerflich und fragwürdig.

Nach kritischer Reflexion sehe ich das eigene Handeln heute anders, das gebe ich zu. Mit dem heutigen Wissen, mit meiner Erfahrung und in der heutigen politischen Situation würde ich "Kärnten wird tschetschenenfrei" oder ähnliches nicht mehr machen, ganz klar. Heute versuche ich im Nachhinein etwas zurückzugeben oder, wenn Sie wollen, etwas wiedergutzumachen.

Was hat den Sinneswandel ausgelöst?
Haider ist im Oktober 2008 gestorben, mein erstes Buch über Rechtspopulismus ist im Jahr 2015 erschienen. Die kritische Reflexion über das eigene Tun, das Nachdenken, die Neueinordnung erstreckte sich also schon über mehrere Jahre. Das passierte nicht von heute auf morgen.

Wie starb Jörg Haider?

Es gibt viele, die bis heute glauben, dass er Opfer eines Mordkomplotts ist. Ich halte diese Mordkomplotts-Theorien für unzutreffend.

Das war nicht immer so.

Ich habe vorhin gesagt: Populisten arbeiten sehr stark mit Verschwörungstheorien. In einem Wahl- oder Vorwahlkampf sind solche Verschwörungstheorien für Populisten willkommene Gelegenheit für Stimmungsmache.

Im Juni 2009 sagten Sie der Zeitung "Österreich": Die Version vom Unfalltod Haiders, wie sie die Staatsanwaltschaft präsentierte, könne nicht stimmen. Sie forderten neue Ermittlungen. Sie hielten "alles für möglich und nichts für ausgeschlossen - auch kein Attentat". 2017 sagen Sie: Man habe die Mord-Verschwörungstheorien zum Tod Haiders "bewusst befeuert", "indem dort einer auftaucht und das erzählt" und dann "wieder einer eine Anzeige macht".

Ich habe das im Grundsätzlichen erklärt und auch in meinem Buch Stellung genommen. Natürlich, damals, in Wahlkampfzeiten, ist man Verschwörungstheorien, wie sie damals kursierten, nicht entgegengetreten, sondern man hat sie befeuert. Das, was Sie zitiert haben, beweist das ja. Es war Teil des Wahlkampfes, ganz einfach. Sämtliche Untersuchungsberichte, sämtliche Erhebungen sind ja eindeutig.

Wenn ein Mann mit einer so einschlägigen Biografie wie Sie jetzt für die Gegenseite kämpft, inwiefern, glauben Sie, kann er dann für voll genommen werden, für seriös, für glaubwürdig?

Ich verweise noch einmal darauf, dass der Prozess des Umdenkens nicht von heute auf morgen stattgefunden hat. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel plakatierte einmal: "Wer, wenn nicht er!" Wenn ich diesen Satz auf mich, Petzner, anwende, sage ich: "Wer, wenn nicht er weiß, wie Populismus funktioniert?" Ich kenne Populismus aus eigenem Tun, aus der Praxis, als Schüler von Jörg Haider. Eine viel höhere Glaubwürdigkeit gibt's nicht mehr.

Und wie steht es mit der Vertrauenswürdigkeit? Zuerst tischt man Menschen bewusst Lügen auf und wechselt dann auf die andere Seite?

Man muss jedem Menschen zugestehen, dass er sich entwickelt. Das zum einen. Zum anderen, muss man unterscheiden können: Was ist der Mensch? Und was ist sein Job? Mein Job war es damals, rechtspopulistische Politik zu betreiben. Ob man das persönlich als Mensch immer mitgetragen oder positiv gesehen hat - das steht auf einem anderen Blatt. Wenn man seinen Job von der eigenen Person trennen kann, ist das als Spin Doctor und Wahlkämpfer nie unklug.

Früher waren Sie Rechtspopulist. Wo würden Sie sich heute einordnen?

Ich sehe mich heute als das, als was ich mich immer gesehen habe: als liberalen Menschen. Ich als Mensch war immer ein Liberaler.

Im Oktober wird in Österreich gewählt. Wissen Sie schon, wen Sie wählen?

Da bin ich mir relativ sicher. Aber ich werde das hier nicht sagen.

Gegen Fremdenfeindlichkeit: Ex-Nazi kämpft mit einer wichtigen Botschaft gegen Populismus