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Hintergrund: Frankreich - Enge historische Bindung an Libanon

Die Beteiligung Frankreichs an der UN-Friedensmission im Libanon steht in einem besonderen Licht. Frankreich ist die einstige Mandatsmacht des Staates. Heute hat sich das einst freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden Staaten merklich abgekühlt.

Dominique de Villepin war der erste ausländische Regierungschef, der nach den israelischen Bomben auf den Libanon in Beirut eintraf und die menschliche Tragödie beklagte. Seit Beginn der Krise am 12. Juli 2006 steht Paris im Ringen um eine diplomatische Lösung an vorderster Front. Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie kündigte sogar an, man sei zur Übernahme des Kommandos der UN-Friedenstruppe bereit. Mit dem Krisenmanagement des Élysée-Palastes ist auch die Opposition der Chirac-Regierung zufrieden: Als "ehrenhaft" und "verdienstvoll" bezeichnete Ex-Außenminister Hubert Védrine das Engagement. Für Staatspräsident Jacques Chirac ist die Libanon-Krise nicht nur die Chance, sein nach dem gescheiterten EU-Referendum ramponiertes Ansehen zu polieren und seine Eigenständigkeit gegenüber den USA zu behaupten.

"Paris des Nahen Ostens"

Grundlage der Pariser Initiative sind auch die engen historischen Bindungen zwischen der Grande Nation und dem Zedernstaat. Vor der jüngsten Eskalation war es die Ermordung des libanesischen Exministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar vergangenen Jahres, die Chirac aktiv werden ließ. Hariri war ein enger Freund des Staatspräsidenten, und sein Sohn Said, der viele Jahre in Paris lebte, ist noch heute ein häufiger Gast im Élysée-Palast. Frankreich trug erheblich zum Zustandekommen der Resolution 1559 bei, die Syrien zum Abzug seiner Truppen aus dem Libanon zwang und die Entwaffnung der Hisbollah einforderte.

Nach dem libanesischen Bürgerkrieg in den 80er Jahren hatte Frankreich zudem einen entscheidenden Anteil am wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes. Schon vor dem Krieg galt Beirut wegen des starken französischen Einflusses als "Paris des Nahen Ostens". Bis zur jüngsten Eskalation lebten 17.000 französische Staatsbürger im Libanon.

Die größte Prägung durch Paris erlebte der Libanon nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Von 1920 bis 1941 war Frankreich Mandatsmacht, in dieser Zeit wurden die Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen praktisch importiert. Charles de Gaule war in den 30er Jahren militärischer Ausbilder in Beirut. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dann 20.000 Freiwillige in die französische Armee eingegliedert - und kämpften in den Reihen der Alliierten gegen die Hitler-Koalition.

Das Trauma von "Drakkar"

Die Anfänge des französischen Einflusses an der Levante reichen schon bis ins 16. Jahrhundert zurück, als das französische Kaiserreich zur Schutzmacht der Christen des Orients ernannt wurde. Es war der Startschuss für die Verbreitung der französischen Sprache. Auch wenn heute noch rund die Hälfte der Libanesen Französisch spricht, hat sich durch den wachsenden Einfluss der Schiiten das Verhältnis des Landes zu Paris merklich abgekühlt. "Die engen Bindungen zu einem Teil der Bevölkerung sind nicht ausreichend, um darauf ein starkes militärisches Engagement zu gründen", warnte Ex-Außenminister Védrine.

Der Zeitung "Le Monde" zufolge will Paris zwar das Oberkommando der Unifil übernehmen, jedoch nur 10 Offiziere und 200 Militäringenieure entsenden. Experten in Paris warnen, eine Militärpräsenz ohne politisches Abkommen zwischen den Konfliktparteien könne in ein Fiasko münden, weil die UN-Truppe zwischen die Fronten geraten könnte. Philippe Tanguy, Sprecher des französischen Verteidigungsministeriums, bekräftigte die Notwendigkeit eines starken Mandats für die Truppe, bevor über die Zahl der Soldaten gesprochen werden könne.

Französische Truppen dürften nicht in den Südlibanon geschickt werden, "um wie Hasen abgeschossen zu werden", sagte Chirac in einem Zeitungsinterview. Zu wach ist in Frankreich noch die Erinnerung an den 23. Oktober 1983: Damals verübten Unbekannten einen Sprengstoffanschlag auf den französischen Stützpunkt "Drakkar" in Beirut, 58 Fallschirmjäger wurden getötet. Als Drahtzieher des Anschlags gilt die Hisbollah.

Tobias Schmidt/AP / AP