HOME

Hugo Chavez: Ein Ex-Militär als "Messias"

Venezuelas Präsident träumt, wie einst Befreiungsheld Simon Bolivar, von einem geeinten Lateinamerika. Inzwischen findet Hugo Chavez, selbst ernannter "Kämpfer für die Armen", nicht nur in den Slums daheim Bewunderer.

Der Sieg des venezolanischen Staatschefs Hugo Chàvez beim Amtsenthebungsreferendum kann Folgen für ganz Südamerika haben, wie Analytiker meinen. "In Lateinamerika wird der Triumph von Chàvez den Widerstand gegen noch vorherrschende Scheindemokratien und den Neoliberalismus verstärken", glaubt die angesehene Politikwissenschaftlerinnen Margarita López-Maya aus Venezuela. Für den früheren argentinischen Präsidenten Eduardo Duhalde ist "Hurrikan" Chàvez "einer der Männer, die sich am stärksten dem Projekt der südamerikanischen Einheit verpflichtet sehen und unentbehrlich seien." Chàvez sei ein "Produkt des schlimmen Scheiterns der von den USA der Welt aufgezwungenen Wirtschaftspolitik des Freihandels", sagt der britische Geschichtswissenschaftler Eric Hobsbawm der brasilianischen Zeitung "Folha".

Selbst ernannter "Kämpfer für die Armen"

Hugo Chàvez hatte nach seinem ersten Wahlsieg Ende 1998 eine "friedliche Revolution" versprochen. Daraus wurde in Venezuela bislang nichts. Im Gegenteil: Der selbst ernannte "Kämpfer für die Armen" hat den Erdölstaat mit umstrittenen Maßnahmen und Reden an den Rand des Bürgerkriegs gebracht. Von der Opposition wird er "Diktator" und "Mörder" beschimpft. Sie wollte ihn einmal sogar wegen Demenz absetzen lassen. Selbst viele ehemalige Verbündete fielen von ihm ab. Das venezolanische Establishment sieht in dem autoritär auftretenden Staatschef einen "Populisten" und "Freund des Kommunismus". Dem Ziel, das Erbe des Befreiungshelden Simón Bolívar anzutreten und das Werk des "Libertador" zu vollenden, ist der Linksnationalist entfernter denn je.

Dennoch erweist sich Hugo Chàvez als "Comandante" mit allen Qualitäten eines Stehaufmännchens. Er überstand nach einem 1992 von ihm angeführten und gescheiterten Putsch zwei Jahre Haft. Schließlich gelang ihm nach dem Wahlsieg von 1998 der Sprung in den Präsidentenpalast. 2000 ließ er sich per Ermächtigungsgesetz mit umfangreichen Sondervollmachten ausstatten. 2002 vom Militär gestürzt, gelangte er dennoch wieder an die Macht. Auch ein zweimonatiger Generalstreik und das jüngste Referendum zur Amtsenthebung konnten ihm nichts anhaben. Chàvez, der sich an Sonntagen in Fernseh- und Radiosendungen gern stundenlang über die Frage auslässt, ob es Leben auf dem Mars gibt, oder über Sport und Kulinarisches, scheint mit der Macht verwachsen.

Der Mann mit dem roten Barett und den Zügen eines Anden-Indios war bis 1992 ein Niemand. Das änderte sich am 4. Februar jenen Jahres schlagartig, als der Fallschirmjäger und Oberstleutnant in einer Nacht- und Nebelaktion versuchte, mit wenigen Panzern Präsident Carlos Pérez aus dem Regierungspalast Miraflores zu jagen. Nach dem Scheitern der Aktion musste er zwar zwei Jahre ins Gefängnis. Bevor er hinter Gitter wanderte, sagte der charismatische Chàvez im Fernsehen kurz und prophetisch: "Wir haben verloren, einstweilen." Für die vernachlässigten Massen, zu denen heute 80 Prozent der knapp 25 Millionen Venezolaner gehören, avancierte der Häftling Chàvez zum "Messias". Der "Comandante" war geboren.

Immer mehr Bewunderer in Lateinamerika

Dabei wurde der Mestize und Sohn eines armen Bauern von seinen Gegnern im In- und Ausland oft belächelt und unterschätzt. Inzwischen findet Chàvez nicht nur unter den Armen in den Slums daheim in Caracas, Maracaibo und Valencia, sondern in ganz Lateinamerika immer mehr Bewunderer. Mit den Staatspräsidenten von Brasilien und Ecuador, dem früheren Gewerkschaftsführer Luiz Inàcio Lula da Silva und dem Ex-Putschisten Lucio Gutiérrez, zwei weitere enge Freunde gefunden. Zur Palette der Förderer gehört auch Fußballlegende Diego Maradona.

Früher nannte Chàvez Bundeskanzler Gerhard Schröder und den britischen Premierminister Tony Blair seine Vorbilder. Später bemühte sich der heute 50-Jährige allerdings, in die Fußstapfen des kubanischen Staats-, Partei- und Regierungschefs Fidel Castro zu treten. Die beiden spielten Baseball miteinander und sangen zusammen, umarmten und besuchten sich immer wieder. In der Politik kopierte Chàvez vieles von dem, was er in Havanna sah. Er rief auch Hunderte kubanischer Ärzte, Lehrer und Sporttrainer nach Venezuela.

Hassreden gegen "Oligarchie" und "Establishment"

Chàvez will in Venezuela die Korruption ausmerzen und ein "humanes Wirtschaftssystem" aufbauen. Er bestreitet, dass er seine "Revolution" der Armen zu exportieren versuche. Neben Venezuela werden in Südamerika Chile, Brasilien und Argentinien von linksgerichteten Parteien regiert. In Ländern wie Peru und Bolivien gewinnen Indio-Bewegungen immer mehr an politischem Einfluss. Er träumt - wie Befreiungsheld Bolívar im 19. Jahrhundert - von einem geeinten Lateinamerika. Doch sein autoritäres Auftreten, seine Hassreden gegen "Oligarchie" und "Establishment", seine Gesetze zur Umverteilung des Reichtums, die Reisen nach Peking und Bagdad, die Lobeshymnen für Libyens Muammar el Gaddafi, das Schwärmen für kubanische Verhältnisse sowie die Beziehungen zur kolumbianischen Guerilla und nicht zuletzt die Gewalt seiner Anhänger wecken nicht nur in seinem Land zunehmend Sorgen. Ein ernsthafter politischer Rivale ist in Caracas jedoch noch nicht in Sicht.

Für den inneren politischen Frieden im Ölförderland Venezuela sehen derweil auch die relativ neutralen Beobachter eher schwarz. So etwa Ex-Guerillero Teodoro Petkoff, bis vor wenigen Jahren einer der engsten Weggefährten von Chàvez. "Wenn der Präsident den aggressiven Stil beibehält, werden wir in konstantem Konflikt leben", sagt der Herausgeber der Zeitung "Tal Cual" in Anspielung auf die vielen Streiks und Unruhen, bei denen seit 2001 mindestens 50 Menschen ums Leben kamen.

Das Realeinkommen der Venezolaner ist auf das Niveau der 1950er Jahre gefallen, Arbeitslosigkeit und Armut sind stark angestiegen. Von den über 11 000 Fabriken, die es 1999 gab, haben nur 4900 überlebt. Die Opposition wirft Chàvez nicht nur einen autoritären Regierungsstil mit Einschüchterungen vor, sondern auch eine "miserable Wirtschaftspolitik".

"Öleinnahmen für populistische Programme"

"Er verschwendet Öleinnahmen, um seine populistischen Programme zu finanzieren und sich so an der Macht zu halten", meint der Ökonom Orlando Ochoa. Gemeint sind die so genannten "Sozialmissionen". Steuererleichterungen und günstige Kredite ermöglichten vielen Landsleuten das erste eigene Häuschen.

Obwohl Chàvez immer wieder die USA provoziert und beschimpft, haben Ölmultis schon Tage vor dem Chàvez-Sieg neue große Investitionen angekündigt. Venezuela ist schließlich der fünftgrößte Ölproduzent der Welt und drittgrößter Lieferant der USA. Vor den Wahlen hatte Chàvez denn auch erklärt: "Nur ich kann die Ruhe an den Ölmärkten garantieren".

Emilio Rappold/DPA / DPA