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Hunger und Flucht Soziale Krise in Portugal spitzt sich zu


Erfolgsgeschichten sehen eigentlich anders aus: Während Portugal im Ausland ob seiner gelungenen Sparpolitik gelobt wird, gibt es im ärmsten Land Westeuropas fast täglich neue Schreckensmeldungen.

Im sommerlichen Touristentrubel fällt der verschämte Bettler vor dem Rossio-Bahnhof im Zentrum von Lissabon nicht auf. Er möchte nicht einmal seinen Vornamen verraten, erzählt aber mit leiser Stimme: "Ich bin Ingenieur, aber seit Anfang 2010 arbeitslos. Vor sechs Monaten hat sich meine Frau von mir scheiden lassen und seit zwei Monaten lebe ich auf der Straße." Hilfsorganisationen in Portugal sprechen von den "neuen Armen". Der Schuldensünder Portugal kämpft zur Freude der internationalen Geldgeber zwar erfolgreich gegen die Staatsverschuldung, erntet Lob aus dem Ausland, aber das ärmste Land Westeuropas versinkt immer tiefer im sozialen Krisensumpf.

Jeden Tag gibt es am Tejo neue Schreckensmeldungen. So auch am Freitag: Die Zeitung "Público" enthüllte jetzt, dass im 10,5-Millionen-Einwohner-Land nicht weniger als 465 000 Menschen arbeitslos sind und ohne jede Sozialsicherung auskommen müssen. Das sei Rekord und darauf zurückzuführen, dass die Arbeitslosigkeit von 4 Prozent 2002 auf das Rekordniveau von 15 Prozent geklettert sei. Zahlreiche Sozialleistungen wurden gekürzt oder ganz gestrichen. Die Zahl der Beschäftigten, die jeden Monat im Lohnbeutel weniger als 310 Euro haben, ist im vergangenen Jahr um 9,4 Prozent auf 153 000 gestiegen.

"Besorgniserregende Zunahme der Selbstmordfälle"

Die portugiesische Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Allein im zweiten Quartal 2012 schrumpfte die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,3 Prozent. "In nur zwei Jahren hat die Krise den internen Konsum um 13 Jahre auf das Niveau von 1999 zurückgeworfen", klagte der angesehene Ökonom Ricardo Cabral, während sein Kollege Filipe Garcia vor einer "dauerhaften Zerstörung des nationalen Produktionsapparates" warnt.

Licht am Ende des Tunnels ist nicht zu sehen. Der liberal-konservative Regierungschef Pedro Passos Coelho versicherte diese Woche seinen gebeutelten Landsleuten zwar, die Rezession werde 2013 vorbei sein. Doch daran glaubt nicht einmal sein Wirtschaftsminister Alvaro Santos Pereira so richtig: "Es gibt immer Unwägbarkeiten, und die Ungewissheit ist doch so groß", sagte er.

Die Folgen der Sparwut und der Wirtschaftsmalaise sind schlimm, aber alles andere als überraschend. Cáritas Portugal berichtete diese Woche von einem enormen Anstieg der hilfesuchenden Familien in diesem Jahr, und zwar von 47 auf 82 im Wochenschnitt. Der Präsident des Hilfswerks, Eugenio da Fonseca, sprach jüngst sogar von einer "besorgnisrregenden Zunahme der Selbstmordfälle". Psychiater berichten, dass die Krise ihnen immer mehr Kunden beschere. Die Sicherheitsbehörden machen unterdessen die wirtschaftlichen Probleme auch für eine deutliche Zunahme der Raubüberfälle verantwortlich.

69 Prozent der Uni-Studenten wollen nach Abschluss weg

Immer mehr Portugiesen suchen derweil ihr Heil in der "Flucht". Nach jüngsten amtlichen Zahlen wandern 120 000 bis 150 000 Menschen im Jahr aus. Eine Umfrage ergab diese Woche, dass nicht weniger als 69 Prozent der Universitätsstudenten nach dem Diplomabschluss die Koffer packen wollen. "In" sind nicht nur die europäischen Nachbarn, sondern auch Ex-Kolonien wie Brasilien, Angola und Mosambik.

Die Verzweiflung ist zum Teil so groß, dass Auswanderungswillige ohne jegliche Vorbereitung, nur mit Koffer und Touristenvisum ausgestattet, in den Flieger steigen - um dann oft vom Regen in die Traufe zu geraten. Vor der Auswanderung müsse man sich informieren, forderte diese Woche der Präsident der Bischofskommission Portugals, Jorge Ortiga. "Einige Auswanderer landen unter der Brücke", klagt er warnend. Den verschämten Bettler von Rossio schreckt das nicht ab. Müde frustiert sagt er: "Wenn ich genug gesammelt habe, bin ich hier weg."

DPA DPA

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