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Hungerstreik in Guantánamo: "Es wird Männer geben, die sterben"

75 Gefangene in Guantánamo befinden sich im Hungerstreik. Anwälte und Militärs befürchten Schlimmstes, wenn sich nichts ändert: Viele Inhaftierte werden nicht überleben, sagen sie im stern.

Von Martin Knobbe

Der seit knapp sechs Monaten anhaltende Hungerstreik im Gefangenenlager Guantánamo ist nach Meinung von Anwälten wie Armee-Angehörigen mittlerweile lebensbedrohend. "Manche haben rund 20 Kilogramm an Gewicht verloren, manche wiegen nur noch 45 Kilo", sagte der Washingtoner Rechtsanwalt David Remes in einem Videointerview mit stern.de. Remes vertritt mehrere Gefangene in Guantánamo. "Sie sind verzweifelt, sie haben das Gefühl, sie können nicht mehr verlieren, sie sind bereit zu sterben, um irgendeine Form von Befreiung zu erleben. Und ich sage voraus, es wird Männer geben, die sterben."

Eine ähnliche Befürchtung äußerte ein Berater des Lagerkommandanten gegenüber dem am Donnerstag erscheinenden stern. "Wenn sich nichts ändert, wird bald wieder einer sterben", sagte der Berater, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will. Seit der Öffnung des Lagers im Jahr 2002 sind neun Gefangene in ihrer Haft umgekommen.

Einigt sich Obama mit dem Präsidenten Jemens?

Derzeit werden 166 Gefangene aus 23 Nationen auf Guantánamo festgehalten. Nach Angaben des Militärs befinden sich 75 von ihnen im Hungerstreik. Die Anwälte der Gefangenen schätzen die Zahl deutlich höher ein. Präsident Barack Obama hat trotz mehrmaliger Versprechen das Gefangenenlager auf Kuba noch nicht geschlossen. An diesem Donnerstag empfängt er den jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, um mit ihm auch über die Bedingungen einer Rückführung von Gefangenen in den Jemen zu diskutieren. Die Jemeniten stellen die größte nationale Gruppe unter den Gefangenen. Bis vor kurzem galt für Guantánamo ein Moratorium, das eine Rückführung von Jemeniten in ihre Heimat kategorisch ausgeschlossen hatte.

Der Washingtoner Rechtsanwalt David Remes vertritt 15 Häftlinge aus dem Jemen in ihrem Kampf um Freilassung. Er hatte auch den Gefangenen Adnan Latif vertreten, der am 8. September 2012 aus noch nicht geklärter Ursache in seiner Zelle umgekommen ist. Das Militär geht von einem Suizid aus, nachdem im Magen des Toten 24 Tabletten des Antipsychotikums Invega gefunden worden waren. Remes fordert nun die Untersuchung neutraler Ermittler, um die Todesursache genau zu klären, sowie die Frage, wie die 24 Tabletten in die Zelle des Häftlings gelangen konnten, der zu dieser Zeit unter ständiger Beobachtung stand.

Der stern veröffentlicht erstmals zahlreiche Briefe von Häftling Adnan Latif, die seine psychische und physische Veränderung in rund zehn Jahren Haft ohne Anklage widerspiegeln. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Latif seinem Anwalt zum Beispiel geschrieben: "Ich entferne mich von dem Wesen, das ich kenne und welches ich bin. Ich sterbe jeden Tag, auf die eine oder auf die andere Weise."