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Ikonen des Irak-Kriegs: Nachtlager vor dem Sarg

Das Foto von Katherine Cathey ging um die Welt. Die Nacht vor der Beerdigung ihres Mannes, James Cathey, verbrachte sie an seinem Sarg. Katherine ist eine von Tausenden junger Witwen des Krieges und sucht immer noch nach einem Sinn für den Tod.

Jan Christoph Wiechmann, Denver

Sie wollte noch einmal eine Nacht mit ihm verbringen, eine letzte Nacht. Wollte noch einmal seine Nähe spüren, noch einmal die Songs hören, die sie auf ihrer Hochzeitsfeier spielen wollten. Sie wickelte sich in sein T-Shirt, das noch immer nach ihm roch. Sie streichelte ihren schwangeren Bauch, der seinen Sohn im sechsten Monat trug. Und schlief fest in dieser Nacht, neben der Leiche ihres Mannes: Leutnant James "Jim" Cathey, 23.

"Schau ihn dir nicht an", hatte man sie gewarnt. Dich erwartet ein Körper in Einzelteilen, zerfetzt von einer Bombe in einer Schule nahe Falludscha. Sein Bein fanden sie erst später und fragten, ob sie es haben wolle. Natürlich, sagte sie und ließ das Bein einfliegen, von Bagdad über Dover nach Denver. "Ich will jedes Teil von ihm bei mir haben."

Am Tag nach der Beerdigung erreichte sie ein Brief aus dem Irak. Jims letzter Brief. Er war lang unterwegs, Wochen lang, sie kennt ihn auswendig. "Hey Baby", schrieb er. "Du sollst wissen, dass du ständig in meinen Gedanken bist. Ich sollte mich auf meinen Job konzentrieren, aber es ist mir unmöglich, nicht daran zu denken, wie du jede Minute des Tages verbringst. Habe ich dir schon gesagt, wie aufgeregt ich bin, Vater zu werden?"

Ewiglange Diskussionen über den Sinn der Invasion

Der Krieg ist ein Verbrechen, hatte sie ihm vor seiner Abreise gesagt. Sie führten ewiglange Diskussionen über den Sinn der Invasion und die Beweggründe der Bush-Regierung. "Stell dir vor, fremde Truppen kämen hierher und besetzten unser Haus", hatte sie ihm gesagt. James Cathey dachte im Irak wohl an ihre Worte. Er bezog mit seinen Männern nicht in einem Familienhaus Quartier, er besetzte eine leere Schule. Und starb in dieser Schule, als er eine mit Sprengstoff verkabelte Tür eintreten wollte. "Ein Offizier schrieb mir später einen fünf Seiten langen Brief über Jim", erzählt Katherine. "Er schrieb, dass Jim ein sehr humanitärer Mensch war. Er hat sich sehr um die Kinder im Irak gekümmert. Er hat nicht einfach irgendein Haus einer Familie in Beschlag nehmen wollen." Sie macht eine Pause. Sie weiß, was das heißt. "Hätte er ein Haus statt der Schule konfisziert, wäre er vielleicht noch am Leben", sagt Katherine.

Das fragt sie sich. Das quält sie. Sie hat jetzt Tränen in den Augen. Sie sitzt in einem Familienrestaurant in Denver und vergießt ein paar Tränen. "Ich habe diese Schuldgefühle, auch wenn ich natürlich nichts dafür kann. Ich habe mir vorher oft seinen Tod konkret vorgestellt, bis er dann tatsächlich eintrat." Als hätte das Schicksal sich ihrer Gedanken bedient.

Er war der perfekte Mann

Katherine erinnert die Augusttage des Jahres 2005 nur als surrealen Film. Die Südstaaten Amerikas verwüstete Hurrikan Katrina, und ihr Leben verwüstete der Krieg. Sie hatte den perfekten Mann getroffen, "humorvoll und romantisch, männlich und intellektuell, wir waren uns sehr sehr ähnlich, so wie es nur ganz selten im Leben eintrifft." Katherine war schwanger von ihm, im vierten Monat, ein kleiner Jimmy, den sie laut Frauenarzt nie hätte bekommen können.

Nach Jims Rückkehr wollten sie endlich am Lake Tahoe ihre Hochzeit nachfeiern, ein großes Fest in den Bergen, das Kleid hatte sie schon im Schrank. Da klopfte es an der Tür und ein Marine-Soldat in dunkelblauer Uniform stand vor ihr. Sagen musste er nichts mehr. Sie wusste, was das bedeutete und brach zusammen. So kommt der Tod nach Hause. In Dunkelblau.

Niemand kann mit der Situation umgehen

Erschwerend für sie ist, dass keiner mit der Situation umgehen kann, nicht mal Katherines eigene Familie. "Drei Monate nach Jims Tod verbrachte ich Thanksgiving mit meiner Familie in Texas, ich war im 8. Monat schwanger", erzählt sie. "Es dauerte Tage, bis jemand mal Jims Tod ansprach und auf mich zukam. Die Leute sind unsicher und machen es mir dadurch noch schwerer. Sie sagen: Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Was soll ich darauf antworten? Dass es mir Leid um sie tut? Soll ich sie noch in den Arm nehmen, weil meine Situation ihnen so unangenehm ist?"

Was wäre eine angemessene Reaktion? Sie überlegt einen Moment und sagt dann: "Fragt mich, wie Jim war. Ich würde dann allen erzählen, wie großartig er war, ich würde von unserer gemeinsamen Zeit erzählen. Wir haben so viel Spaß gehabt, wir haben Karaoke in den Bars gesungen, wir sind oft durch die Bars von Denver gezogen und haben uns Spitznamen für fremde Leute ausgedacht. Wir waren ein ganz starkes Team. Wir wollten Anthropologen werden und eine Familie gründen und durch die Welt ziehen."

Jimmy ist das Ebenbild des Vaters

Ihr Sohn Jimmy ist heute zwei Jahre alt, ein Ebenbild seines Vaters, dieselben Finger, die großen Ohren, eine ständige Erinnerung. Sie blickt ihn an und lacht. Sie blickt ihn an und weint. Sie blickt ihn an und wird wütend auf jenen Mann, der ihrem Sohn den Vater nahm. "Mein Sohn ist erst zwei, aber er wird seinen Vater nie kennen lernen, niemals in den Arm nehmen. Das macht mich wütend und traurig. Ich werde es Bush und seiner Regierung nie verzeihen", sagt sie. "Jim starb für eine Lüge. Ein Tod ohne jeden Sinn."

Sie hat lange versucht, einen Sinn zu finden, wie all die anderen Soldatenwitwen, die auf die Befreiung des Iraks verweisen. "Jim schrieb mir viele Briefe aus dem Irak und berichtete von den Kindern, die er traf. Ich bin mir sicher, dass er einen positiven Einfluss auf sie hatte, aber soll ich darin den Sinn seines Todes sehen? Ich kann mir das nicht einreden."

Witwe mit 26 Jahren

Katherine Cathey ist 26, eine schöne junge Frau, eine Witwe. Schweres Wort. Witwe. Es klingt so endgültig. Manchmal verabredet sie sich mit Männern, aber die haben Schwierigkeiten, neben ihrem Traummann zu bestehen. "Einer riet mir, ich müsste zunächst einmal Jims Fotos von den Wänden nehmen. Dann erwidere ich: Erstens gebührt es sich nicht, so etwas zu sagen. Und zweitens ist er der Vater meines Sohnes. Soll ich meinem Sohn die Fotos seines Vaters vorenthalten?"

Ihre Tage verbringt Katherine mit dem kleinen Jimmy und der Einsamkeit. Sie hört die Musik, die sie damals hörten, sie spricht in Gedanken mit ihrem Mann und bleibt meist zu Hause. "Ich gehe nicht mehr tanzen, ich gehe auch nicht mehr aus. Ich hätte gern Kontakt zu seinen Kameraden, den anderen Marines, aber ich bin einfach kein Militärmensch, die Welt ist mir sehr fremd, ich bin für sie eher das schwarze Schaf. Ich habe eine Menge Respekt für die Marines, ich unterstütze unsere Truppen zu 100 Prozent, aber nicht diesen Krieg. Auch Jim war keiner von diesen schießwütigen, barbarischen Typen. Es ging ihm immer darum zu helfen, vor allem den Kindern."

Im August jährt sich Jims Tod zum dritten Mal. Katherine will dann wieder die ersten zaghaften Schritte ins Leben wagen, Anthropologie studieren und Mathematik und viel reisen, um zu vergessen. Das Reisen hilft dabei. "Ich habe Jims Tod noch nicht angenommen", sagt sie. "Man lernt irgendwie damit zu leben, aber es fällt mir schwer, die Endgültigkeit zu akzeptieren." Sie ging zu einem Therapeuten, aber der war überfordert. "Er sagte nur: Wow, das ist ein Ausnahmefall, mit so einem Fall kenne ich mich nicht aus."

Die Antidepressiva froren ihre Gefühle ein

Sie nahm Antidepressiva, aber die froren ihre Gefühle ein. "Ich verbringe die Tage in ständiger Selbstanalyse, in geradezu exzessiver Weise. Bevor Jim in den Krieg zog, las ich ein Buch über einen Mann, der starb, bevor sein Kind zur Welt kam. Da dachte ich: Das bin ich. Das ist mein Fall. Das wird auch mir zustoßen. Und so ist es dann passiert. Diese Vorahnung lässt mich nun nicht mehr los. Ich stelle mir vor, dass mir oder Jimmy etwas zustößt und verlasse daraufhin mein Haus nicht, nicht mal zum Einkaufen, weil ich Angst habe, dass das Schicksal sich wieder meiner Gedanken bedient."

Sagt's und muss los. Drei Stunden war sie fort für dieses Interview und hat noch einen langen dunklen Heimweg, auf dem so viel passieren kann.