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Ingenieure als Geisel: Zwei Opfer der "Entführungsindustrie"

Im Irak sind zwei deutsche Ingenieure entführt worden. Die beiden sollen für eine Anlagenbau-Firma aus Sachsen arbeiten. Unklar ist, ob ein dritter Deutscher den Geiselnehmern entwischen konnte.

Zwei Monate nach der Entführung der Archäologin Susanne Osthoff sind am Dienstag im Irak erneut zwei Deutsche verschleppt worden. Bewaffnete Männer in zwei Autos brachten zwei Ingenieure einer sächsischen Firma in ihre Gewalt, wie Polizeisprecher Laith Hamid in Bagdad sagte.

Die Wartungsingenieure arbeiteten nach Medienberichten für den Anlagenbauer Cryotec aus Bennewitz bei Wurzen in der nordirakischen Stadt Badschi. Badschi liegt etwa 250 Kilometer nördlich von Bagdad. In der Gegend wurden den Angaben zufolge Straßensperren errichtet.

Die Firma habe zuletzt ein Millionenprojekt im Irak betreut, berichtete die "Leipziger Volkszeitung". Das Blatt zitierte Cryotec-Geschäftsführer Peter Bienert mit den Worten: "Mein Interesse ist, die Kollegen gesund und kurzfristig zurückzubekommen".

Auf dem Weg zur Arbeit entführt

Die Entführer trugen nach Angaben eines Polizeisprechers irakische Armeeuniformen. In anderen Berichten war von traditioneller Kleidung die Rede. Sie griffen zu, als die Deutschen zur Arbeit gingen. Berichte über einen dritten Deutschen, der sich habe retten können, wurden im Irak nicht bestätigt.

Im Auswärtigen Amt wurde erneut ein Krisenstab eingerichtet. Wegen der hohen Entführungsgefahr werden die rund 100 verbliebenen Deutschen im Irak vom Auswärtigen Amt aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen. Die Deutsche Botschaft in Bagdad könne kaum oder gar nicht helfen. Der neue Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, sagte, in dem Chaos des Irak habe sich eine "Entführungsindustrie" entwickelt.

Etwa drei Stunden nach der Entführung meldete sich nach Informationen des "Tagesspiegels" und der "Süddeutschen Zeitung" ein Anrufer bei der deutschen Botschaft in Bagdad. Der Mann teilte mit, dass zwei Deutsche als Geiseln genommen worden seien. Deutsche Sicherheitskreise halten es für möglich, dass der Anrufer zu den Entführern oder ihrem Umfeld zählt. Er könne aber auch Augenzeuge und Trittbrettfahrer sein.

Die Bundesregierung tut nach den Worten von Außenminister Frank-Walter Steinmeiers alles, um an Informationen zu kommen und die Geiseln gesund zurückzubekommen. Auf die Frage, ob eine Lösegeldzahlung im Fall Susanne Osthoff die neue Geiselnahme befördert habe, sagte der SPD-Politiker: "Nicht die Lösegeldzahlung, sondern die Berichterstattung darüber."

Bei Deutschen, die sich zurzeit noch im Irak aufhalten, handele es sich überwiegend um Personen, die familiäre Bindungen in dem Land hätten, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Nach Aussage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) arbeiten maximal 30 Deutsche im Irak für Firmen, vor allem in den relativ sicheren kurdischen Provinzen im Norden des Landes. Die 30 bis 40 deutschen Unternehmen, die im Irak tätig seien, hätten fast nur irakische Mitarbeiter.

In Badschi sind nach Informationen der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung keine deutschen Firmen aktiv. Das sagte Verbandschef Gelan Khulusi der Nachrichtenagentur AP. "Die Lage ist zu brenzlig", so Khulusi weiter. Er rät Unternehmern aus der Bundesrepublik dringend davon ab, in den Irak zu reisen. "Wirtschaftskontakte sollten lieber über Deutschland abgewickelt werden." Allerdings verweist er auch darauf, dass man zwischen Regionen unterscheiden müsse: "Im Norden des Landes ist es ruhiger."

Mit der jüngsten Tat sind im Irak bereits drei Deutsche entführt worden. Osthoff war als erste Deutsche am 25. November mit ihrem Fahrer im Nordirak entführt und nach rund drei Wochen wieder freigelassen worden. Deutsche Medien berichteten von einem Lösegeld von bis zu fünf Millionen US-Dollar, die Behörden äußerten sich dazu nicht. Seit Beginn des Irak-Krieges im März 2003 wurden 250 Ausländer im Irak entführt. Mindestens 39 wurden getötet.

Reuters/AP / AP / Reuters