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Ingrid Betancourt: Heldenmythos in Scherben

Nach Jahren als Geisel in Kolumbiens Dschungel avancierte Ingrid Betancourt zum Superstar. Doch nun wachsen die Zweifel, dass das glückliche Ende der Entführung allein einem genialen Plan zu verdanken war.

Von Tobias Käufer

Die spektakuläre Geschichte ihrer Befreiung aus jahrelanger Geiselhaft im unwirtlichen kolumbianischen Dschungel hatte Ingrid Betancourt endgültig zum lebenden Mythos gemacht. Kein einziger Schuss fiel, als das Militär die ehemalige Präsidentschaftskandidatin im vergangenen Sommer gemeinsam mit weiteren Geiseln befreite. Doch die Zweifel in Kolumbien wachsen, dass das glückliche Ende der Entführung allein einem genialen Plan zu verdanken war, mit dem die Soldaten - getarnt als Rotkreuzhelfer und Guerilleros - die Rebellen täuschten.

"Diese Operation ist wie ein echter Hollywoodfilm inszeniert worden", behauptet jetzt Noël Saez, der ehemalige französische Konsul in Kolumbien. Saez war eng in die jahrelangen Bemühungen eingebunden, die Franko-Kolumbianerin Betancourt aus der Hand der Bewaffneten Revolutionären Kräfte Kolumbiens (Farc) zu befreien. "Wer die Farc kennt, weiß, dass es undenkbar ist, dass alles so passiert ist", sagt Saez in einem am Dienstag erschienenen Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Figaro". Er ist überzeugt, dass schlicht Geld geflossen ist.

Zweifel an der Geschichte von der genialen Befreiungsaktion im Dschungel gibt es schon länger. Doch die Aussagen des Insiders Saez verleihen ihnen neues Gewicht. Und die kommen hinzu zu einer Reihe von Negativschlagzeilen, die dem lebenden Mythos Ingrid Betancourt in jüngster Zeit hässliche Kratzer zugefügt haben.

Von der Geisel zur Prominenten

Über sechs Jahre befand sich die ehemalige Spitzenkandidatin der kolumbianischen Grünen als Geisel in der Gewalt der selbst ernannten marxistischen Revolutionäre. Eine weltweite Kampagne ihrer Familie und Freunde machte die damals international weitgehend unbekannte Politikerin weltberühmt. Prominente bis hin zu Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy setzten sich medienwirksam für ihre Freilassung ein.

Zahlreiche Medienberichte und zwischenzeitlich freigelassene Mitgefangene zeichneten das Bild einer schwer kranken, aber unbeugsamen Heldin im Dschungel, deren Willen die grausamen Rebellen selbst mit schweren Strafen für missglückte Fluchtversuche nicht brechen konnten.

Betancourt selbst hat die offizielle Version der "Operation Schach" getauften Befreiung stets gegen alle Zweifel verteidigt. Die Aktion sei "perfekt" gewesen. In der Tat können die Skeptiker bis heute keine Beweise für ihre Behauptungen vorlegen. Auch Noël Saez nicht, er beruft sich auf ein "Bauchgefühl".

Doch ganz gleich, ob sich der Verdacht des französischen Diplomaten irgendwann einmal als richtig herausstellen wird, die Demontage der Heldin Betancourt ist wieder ein Stück weiter vorangeschritten. Nach ihrer als Geniestreich gefeierten Befreiung erreichte sie plötzlich in ihrer Heimat in Umfragen Popularitätswerte von 90 Prozent und mehr.

Von Staatschefs in aller Welt wurde sie empfangen. Der Papst, Madonna und Bono ließen sich mit der Ex-Geisel und jetzigen Friedensbotschafterin ablichten. Hollywoodstudios sollen bereits für die Filmrechte an ihren Memoiren geboten haben. Auch für den Friedensnobelpreis wurde sie vorgeschlagen.

Schwere Vorwürfe gegen die Ex-Geisel

In letzter Zeit allerdings tauchten neue Töne in den Medien auf. Vor allem ehemalige Mitgeiseln erhoben schwere Vorwürfe. In einem Buch über ihre Gefangenschaft ließen die drei US-Geiseln Keith Stansell, Thomas Howes und Marc Gonsalves kein gutes Haar an ihrer ehemaligen Mitgefangenen. "Sie ist eine Person, die gern kontrolliert und manipuliert", schreibt das Trio. Betancourt habe ihre Leidensgenossen bei den Rebellen gar als CIA-Agenten denunziert. Sogar Familienangehörige rückten von Betancourt ab.

Besonders enttäuscht zeigte sich Ex-Ehemann Juan Carlos Lecompte, der jahrelang für ihre Freilassung kämpfte. In der Zeitung "El Espectador" warf er seiner Ex-Frau "emotionale Kälte" vor. Am Dienstag berichtete die kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" von einer angeblichen Beziehung Betancourts mit ihrem Mitgefangenen Luis Eladio Pérez.

Betancourt hat sich bisher zu keinem der Vorwürfe geäußert. Während sie inzwischen hauptsächlich die Klatschspalten der kolumbianischen Zeitungen füllt, versucht sie, eine künftige Rolle für sich zu definieren. Sie wolle sich als Anwältin der rund 2800 Geiseln einsetzen, die sich noch in den Händen der Farc und anderer Gruppen befinden, erklärte die mittlerweile 47-Jährige.

Zwar wird sie weiterhin in den Präsidentenpalästen der Welt gern empfangen, echten Einfluss hat sie aber nicht. Ihre immer wieder vorgebrachte Forderung nach einer internationalen Konferenz zur Lösung des bewaffneten Konflikts in Kolumbien verhallte bislang wirkungslos.

FTD