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Interview: "Erst eine Vibration, dann kommt die Druckwelle"

Jürgen Hahnel, 40, war der letzte Deutsche, der als "menschliches Schutzschild" im Irak ausharrte. Zusammen mit anderen Friedensaktivisten erlebte er den Bombenhagel auf Bagdad in einer Ölraffinerie am Rande der Stadt.

Jürgen Hahnel, 40, war der letzte Deutsche, der als "menschliches Schutzschild" im Irak ausharrte. Zusammen mit anderen Friedensaktivisten erlebte er den Bombenhagel auf Bagdad in einer Ölraffinerie am Rande der Stadt. Am Donnerstag wurde Hahnel mit anderen Friedensaktivisten von den irakischen Behörden nach Syrien ausgewiesen. Inzwischen ist Hahnel in Amman eingetroffen. Dort sprach stern.de mit ihm.

Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut, ich bedauere nur, das ich nicht in Bagdad bleiben konnte bei den Menschen, die ich kennen gelernt habe. Was sie im Moment mitmachen, ist furchtbar.

Warum wurden sie ausgewiesen?

Man hat uns keine genauen Gründe genannt, aber ich vermute, den irakischen Behörden hat nicht gefallen, dass ich mich mehrmals geweigert habe, am offiziellen Programm, beispielsweise an organisierten Demonstrationen teilzunehmen. Ich habe vielleicht zu viele kritische Fragen gestellt.

War die Fahrt zur syrischen Grenze gefährlich?

Im ersten Abschnitt sah ich viele Spuren des Bombardements. Eine Brücke war total zerstört und daneben stand ein völlig ausgebrannter ziviler Omnibus. Ansonsten aber haben wir dort keine Kämpfe mitbekommen.

Wo haben Sie den Beginn des Krieges erlebt?

Ich war in der Ölraffinerie, als Luftalarm gegeben wurde. Von meinen Wohncontainer rannte ich zu dem etwa 100 Meter entfernten Bunker, blieb aber zusammen mit den Irakern draußen stehen, um zu sehen was passiert. Die Einschläge waren noch weit entfernt, kamen aber von da an jeden Tag näher.

Fühlten Sie sich in Lebensgefahr?

Man spürte erst eine kleine Vibration, Sekunden später kam die Druckwelle, dann wackelt der Container und an den Häusern klirrten die Scheiben. Es ist ein Scheißgefühl. In den darauf folgenden Tagen gab es nicht einmal mehr Luftalarm oder erst dann, wenn schon die Bomben einschlugen. Vergangenen Samstag evakuierten sie einen Teil der Raffinerie-Arbeiter und deren Familien. Dann waren nur noch wir da und die Feuerwehr.

Wer sind die „menschlichen Schutzschilde“?

Leute aus verschiedenen Ländern, die diesem Krieg nicht tatenlos zusehen wollen. Wir waren zuletzt zu acht in der Raffinerie, darunter Menschen aus Australien, der Türkei, aus England und den USA.

Was konnten Sie in der Ölraffinerie tagsüber tun?

Am ersten Kriegstag konnte ich noch über das Telefon mit Medienvertretern sprechen, doch dann brach der Kontakt ab. Die Verbindung war unterbrochen und ich war tagelang ohne Kontakt zur Außenwelt.

Wie reagieren die Einwohner Bagdads auf die täglichen Bombardements?

Viele Geschäfts sind geschlossen, trotzdem versuchen diejenigen, die noch in der Stadt leben, so etwas wie einen Alltag aufrecht zu erhalten. Äußerlich lassen sie sich nichts anmerken. Der achtjährige Hassan zum Beispiel, ein Schuhputzjunge, den ich seit Januar immer wieder getroffen habe, läuft mit seinem Schuhputzkasten noch immer durch die Stadt und sucht Kundschaft. Gerade Kindern ist völlig unverständlich, was da gerade passiert.