HOME

Irak-Konflikt: Wie Fehlkalkulationen an Moral und Material zehren

Ersatzteile für Panzer fehlen, gestresste Soldaten bekommen Kurzurlaub: Gut fünf Monate nach dem Fall Bagdads mehren sich die Anzeichen, dass die US-Regierung den Aufwand für die dauerhafte Befriedung des Irak deutlich unterschätzt hat.

Die Panzer der US-Truppen in Irak verschleißen so schnell, dass die Armee mit dem Reparieren nicht mehr nachkommt. In Washington bemüht sich die Regierung verzweifelt, bis Anfang nächsten Jahres tausende weitere Soldaten aufzutreiben. Gestresste GIs müssen beurlaubt werden. Kurz: Gut fünf Monate nach dem Fall Bagdads mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Regierung von US-Präsident George W. Bush den Aufwand für die dauerhafte Befriedung Iraks deutlich unterschätzt hat.

Die Strategen im US-Verteidigungsministerium hatten nicht damit gerechnet, dass eine so große Streitmacht - 130.000 Soldaten sind es derzeit - so lange in Irak benötigt werden würde. Kalkuliert wurde mit Wochen, heute scheint es, als müssten die Truppen weit über ein Jahr bleiben. Öffentlich will das Pentagon diese Fehleinschätzung nicht eingestehen, aber die jüngsten Entwicklungen sprechen für sich.

Steter Verschleiß

Die Abnutzung von Panzerketten und Autoreifen schreitet schneller voran, als Ersatz beschafft werden kann. Ketten, die üblicherweise einmal im Jahr ausgetauscht werden, verschleißen in Irak binnen zwei Monaten. Auf die Frage, ob die Militärplaner damit gerechnet hätten, dass die US-Bodentruppen Monate nach dem Krieg noch so viele Einsätze fahren müssten, entgegnet der Leiter des Beschaffungsamtes des US-Heeres, General Paul Kern, diplomatisch: "Einige haben das erwartet, andere nicht."

Die Einsatzzeit aller Soldaten in Irak wurde auf zwölf Monate festgelegt, sogar für Reservisten. Bei der Eroberung Bagdads Anfang April glaubten die Soldaten, sie könnten in wenigen Wochen heimkehren. Stattdessen vergingen Monate - und die Einheiten, die sie ablösten, werden noch länger bleiben müssen. Auch der im Juli veröffentlichte Plan, nur zwei Brigaden der Nationalgarde in das Nachkriegsland zu entsenden, ist offenbar schon wieder überholt - weil die Angriffe auf US-Soldaten nicht aufhören und die erhoffte militärische Unterstützung aus anderen Ländern ausbleibt. Auch die Entscheidung des Pentagons, in Irak stationierten Soldaten zwei Wochen Urlaub zu geben, deutet an, wie groß deren Belastung sein muss.

Washington ohne "richtigen Plan"

Für den Militärexperten Anthony Cordesman vom Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington ist klar, worauf die Schwierigkeiten der USA in Irak beruhen: Auf der "unlogischen Annahme", ihre Truppen würden fast überall als Befreier begrüßt. Zudem habe Washington gehofft, die politische Kontrolle rasch an eine neue irakische Führung abgeben zu können. "Wir hatten niemals einen richtigen Plan für den Wiederaufbau", sagt Cordesman.

Natürlich wurde im Pentagon mit gewissen Schwierigkeiten gerechnet. Man war darauf vorbereitet, dass es eine Flüchtlingswelle geben könnte oder eine Hungersnot, dass Ölfelder in Brand gesetzt oder ethnische Konflikte aufbrechen könnten. Was die Militärstrategen in diesem Umfang nicht vorhergesehen hatten, waren die Gewalt gegen die US-Soldaten und die massiven Sicherheitsprobleme, die den Wiederaufbau behindern und viele Iraker gegen die Besatzungsmächte aufbringen. So sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld noch kurz vor dem Irak-Krieg: Dass die Wahrung des Friedens ebenso viele Soldaten erfordern könnte wie der Krieg an sich "erscheint mir nicht logisch".

"Hier gab es deutliche Korrekturen"

Viele Probleme habe das Pentagon vielleicht gar nicht vorhersehen können, meint Admiral a.D. Steve Abbot, der stellvertretender Kommandeur der US-Truppen im Kosovo-Krieg war. "Militäreinsätze laufen selten so ab, wie man sich das vorgestellt hat, ohne dass man gewisse Korrekturen vornehmen muss", sagt er. Und fügt hinzu: "Hier gab es deutliche Korrekturen."

Robert Burns
Themen in diesem Artikel