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Irak-Strategie: Petraeus deckt seinen Präsidenten

Mit seinem Bericht unterstützt General David Petraeus die Strategie des US-Präsidenten: Nur langsam sollen die Truppen aus dem Irak abgezogen werden. Die Demokraten sind gefangen in der politischen Zwickmühle: Sie können sich nicht gegen einen wie Petraeus stellen - schließlich wollen sie im kommenden Jahr zurück ins Weiße Haus.

Von Katja Gloger, Washington

Für ihn - nur die ganz große Bühne. Der große Sitzungssaal 345 im Cannon-Gebäude des US-Kongresses, hier finden sonst eigentlich nur feierliche Abendessen statt. Hohe Decken, korinthische Säulen aus falschem Marmor, vier gigantische Kristalllüster. Mehr als 100 Abgeordnete kamen, rund ein Viertel des gesamten US-Repräsentantenhauses, um gestern Mittag das zu auszuüben, was ihre eigentliche, ehrenvolle Aufgabe sein sollte: die Kontrolle der Macht.

Schon am Morgen hatten sich eine lange Schlange vor der gewaltigen Einlasstür gebildet, ganz vorne eifrige Damen. Die basisdemokratischen Kriegsgegnerinnen trugen rosa T-Shirts mit der Aufschrift: "Generäle lügen, Soldaten sterben." Und die linke demokratische Basisbewegung "move.on" hatte zum Auftakt dieses wichtigen Tages eine ganzseitige Anzeige in der New York Times geschaltet: "General Petraeus or General betray us?" - Der General, der uns betrügt?

Doch drinnen im ehrwürdigen Saal wurde der Vier-Sterne-General mit seinem Blumentopf-Haarschnitt wie ein siegreich heimkehrender Feldherr begrüßt. Die Abgeordneten überschlugen sich nahezu mit Komplimenten, die er mit huldvollem Lächeln und festem Händedruck entgegennahm: "Amerikas Beste!" "Die "Fähigsten unserer Nation". "Ihre Weisheit, ihre Integrität, ihre Intelligenz kann man nur bewundern!" Plural? War da von Mehreren die Rede? Man hätte beinahe vergessen, dass auch der US-Botschafter im Irak, der kluge Ryan Crocker, einen wichtigen Bericht zur politischen Lage im Irak vortragen würde.

Die Amerikaner trauen ihren Generälen mehr als Bush

Die Aufmerksamkeit galt vor allem ihm, Vier-Sterne-General David H. Petraeus, Oberkommandierender im Irak. Gerne ließ man sich mit ihm fotografieren - hatte nicht gerade eine Meinungsumfrage bestätigt, dass mehr als 60 Prozent der Amerikaner den Generälen vertrauen, wenn es um den Krieg im Irak geht? Nur fünf Prozent vertrauen Präsident Bush.

In Washington setzte man also höchste Erwartungen in den acht Seiten langen Bericht des Generals. Zum einen natürlich Präsident Bush, der ihn zum Oberbefehlshaber seiner Truppenaufstockung gemacht hatte. Der jetzt einen politischen Sieg zelebrieren will. Und ganz nebenbei dringend Geld für die Fortsetzung des Krieges braucht - denn am 30. September soll der Kongress seinen Militärhaushalt endgültig absegnen.

Doch die demokratische Mehrheit in diesem Kongress drängt seit Monaten auf einen raschen Truppenabzug, will gar Zeitpläne sehen. Das verlangen die Abgeordneten auch, weil da draußen im Land demokratische Präsidentschaftskandidaten mit der Forderung nach einem Abzug aus dem Irak bei der Basis auf Stimmenfang gehen. Doch andererseits dürfen die Demokraten auf keinen Fall unpatriotisch erscheinen. Denn sie wollen im nächsten Jahr die "general" gewinnen - die Präsidentenwahl. Und die gewinnt man nicht, wenn man an erfolgreichen Generälen herummeckert.

"Verdammt, die gehen mir so richtig auf den A..."

Doch Petraeus brachte gestern für jeden eine gute Botschaft. Wenn man von den Kriegsgegnerinnen mal absieht. Die saßen hinten im ehrwürdigen Saal, schrieen Zeter und Mordio und riefen "Kriegsverbrecher" und "Lügner", legten sich heftig mit den Sicherheitskräften an und ärgerten den Vorsitzenden der Anhörung damit so sehr, dass der bei eingeschaltetem Mikrophon unflätig über die Damen schimpfte: "Verdammt, die gehen mir so richtig auf den A... ." Das war Ike Skelton, ein Demokrat, Vorsitzender des mächtigen Streitkräfteausschusses.

Immerhin: Skleton eröffnete die Anhörung mit einer kräftigen Kampfansage. "Erklären Sie uns, warum wir unsere Soldaten weiterhin kämpfen und sterben lassen sollen, wenn die Iraker nicht selbst die Opfer bringen, die zur Versöhnung notwendig sind? Setzen wir etwa auf ein totes Pferd?" Und seine Kollege Tom Lantos, angesehener Kongress-Veteran, fasste die Stimmung im Land so zusammen: " Es ist Zeit, aus dem Irak abzuziehen. Und zwar jetzt."

Kein Demokrat will sich nachsagen lassen, dass er sich einlullen ließe von einem General und seinem Bericht.

Petraeus kam als sein eigener Herr - und doch als Diener seines Präsidenten. Symbolisch der Auftakt seines Berichtes, den er vom Blatt ablas: niemand hörte ihn. Das Mikrophon war ausgefallen. Minutenlang bastelte man nervös an der Schnur herum. Stoisch harrte der General auf seinem Ledersessel aus. Er ist sicher Schlimmeres gewöhnt.

Der Zeitpunkt der ersten Heimkehrer ist wohl bedacht

Die "surge", die Aufstockung der Truppen um knapp 30.000 Mann, ist George W. Bush letzter Versuch, das Desaster im Irak noch in einen Erfolg zu verwandeln, um so seiner Präsidentschaft wenigstens noch einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen. Gegen die Empfehlungen einer überparteilichen Kommission, gegen den Rat vieler Generäle im Pentagon hatte er Ende des vergangenen Jahres die "surge" entschieden. Es war eiskalte Machttaktik: Bush musste sich Zeit erkaufen. Denn gerade hatten die Demokraten bei den Kongresswahlen die Mehrheit errungen. Und sie würden ihm seinen Krieg nicht mehr so einfach durchgehen lassen.

David Petraeus war der Mann, der ihm diese Zeit erkaufen würde. Er würde es schaffen, in einer letzten, gewaltigen Anstrengung die Sicherheitslage im Irak zu verbessern, der ebenso korrupten wie unwilligen irakischen Regierung Druck zu machen, das Schicksal des Landes in die eigene Hand zu nehmen. Dann könnte Bush - rein zufällig im Sommer des Wahljahres 2008 - die ersten Truppen nach Hause bringen. Und die entscheidenden Fragen danach? Wie lange würden US-Truppen im Irak stationiert sein? Was aus dem Irak würde? Der gesamten Region? Diese Fragen würde der nächste Präsident beantworten müssen.

Es war das kühle politische Kalkül eines bedrängten, eines gescheiterten Präsidenten, und sein General enttäuschte ihn gestern nicht.

Seine Zahlen sind objektiv, so objektiv, wie Zahlen aus dem Irak nur sein können. Der Truppenaufstockung und dem neuen Konzept der Aufstandsbekämpfung ist es zu verdanken, dass die Zahl der Toten, der Anschläge, vielleicht gar auch der Entführungen sinkt, in einigen Stadtteilen von Bagdad sogar drastisch. Es ist eine Verbesserung - aber im Vergleich wozu? Zu 2006? Zu 2004? Und ist die scheinbare Entspannung zurückzuführen vielleicht auch auf die ethnische Säuberung ganzer Stadtviertel zurückzuführen? Und das so genannte "Erwachen von Anbar"? In der Provinz arbeiten Sunniten gegen al Quaida und gegen Schiiten mit den Amerikanern zusammen. Niemand weiß, wie lange die taktische Freundschaft dauern wird.

Soldaten fehlen andererorts

Vor allem aber machte David Petraeus gestern begründete Hoffnung auf einen Truppenabzug - und liefert so eine Blaupause, die Demokraten, Republikaner und der Präsident gleichermaßen für ihre PR nutzen können. Bis zum kommenden Sommer könnten fünf Kampfbrigaden abgezogen werden, erklärte Petraeus, mehr als 20000 Mann.

Das klingt nach Erfolg, schmeckt beinahe nach Sieg. Doch jeder Experte weiß: Die momentane Zahl der US-Truppen im Irak wird sich über das kommende Frühjahr nicht halten lassen. Zu erschöpft die aufgeriebenen Einheiten, zu groß der politische Druck, um eine weitere Verlängerung der Einsatzdauer zu befehlen. Die ist mit 15 Monaten schon jetzt die längste seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mehr noch: Hochrangige Kommandeure im US-Generalstab fordern seit Monaten eine schnelleren Truppenabzug aus dem Irak. Sie brauchen dringend Soldaten für andere Einsatzgebiete, etwa für Afghanistan. Der Armee drohe der Zusammenbruch, heißt es. So soll es zwischen Petraeus und seinem Vorgesetzten Admiral William Fallon, dem Oberkommandierenden für die gesamte Region, zu massivem Krach über die Taktik im Irak gekommen sein. Die beiden können sich nicht ausstehen, ließ ein hoher Mitarbeiter des Weißen Hauses verlauten. Fallon drängt angeblich auf einen schnelleren Abzug, Petraeus aber fordert Zeit, "strategische Geduld", wie er sagt. Er will die bescheidenen Erfolge nicht verschenken. Und er will nicht als Gescheiterter dastehen. Er will mehr Zeit. Viel mehr Zeit. So wie übrigens auch Botschafter Ryan Crocker. Auch er gab sich trotz aller Probleme irgendwie optimistisch: "Es ist machbar, dass die USA ihre politischen Ziele erreichen können. Unser momentaner Kurs ist hart. Die Alternative ist viel schlimmer."

Präsident Bush wird es gerne hören. Ließ verlauten, dass er extra einen Tag früher von einer Reise nach Asien zurückgekehrt sei, um den Bericht zu hören. An diesem Donnerstag spricht er zum Volk. Er hat einen Sieg zu verkünden. Es heißt, er wolle den Empfehlungen seines Generals folgen. Wie heißt es noch? Das amerikanische Volk vertraut seinen Generälen.

Und die Demokraten? Sie kritisieren, sie werden sich eine Weile mächtig ins Zeug legen und eine "neue Strategie" fordern - doch letztlich werden sie sich den Generälen nicht entgegenstellen. Schließlich wollen sie zurück in die Zimmer der Macht. Ins Weiße Haus.